{"id":183395,"date":"2005-10-12T10:59:56","date_gmt":"2005-10-12T08:59:56","guid":{"rendered":"http:\/\/kuratorium.local\/2005\/10\/12\/grenzpfarre-brenner\/"},"modified":"2005-10-12T10:59:56","modified_gmt":"2005-10-12T08:59:56","slug":"grenzpfarre-brenner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/curatorium.it\/it\/2005\/10\/12\/grenzpfarre-brenner\/","title":{"rendered":"Grenzpfarre Brenner"},"content":{"rendered":"<p>Allen Unkenrufen zum Trotz: Ein einziger langer Oktobertag am Brenner bewies, dass der Grenzort eine lebendige Rastst\u00e4tte ist, die soziale Akzente setzt. Unter dem Motto \u201eGrenzpfarre Brenner &#8211; grenz\u00fcberschreitende Zusammenarbeit &#8211; ein Pionierbeispiel &#8211; gestern heute morgen\u201c wurde am Samstag, 4. Oktober 2003 der Brenner gefeiert, mit Zeitzeugenbegegnungen, Gespr\u00e4chen, Filmbeitr\u00e4gen und F\u00fchrungen.<br \/> Allen Unkenrufen zum Trotz: Ein einziger langer Oktobertag am Brenner bewies, dass der Grenzort eine lebendige Rastst\u00e4tte ist, die soziale Akzente setzt. Unter dem Motto \u201eGrenzpfarre Brenner &#8211; grenz\u00fcberschreitende Zusammenarbeit &#8211; ein Pionierbeispiel &#8211; gestern heute morgen\u201c wurde am Samstag, 4. Oktober 2003 der Brenner gefeiert, mit Zeitzeugenbegegnungen, Gespr\u00e4chen, Filmbeitr\u00e4gen und F\u00fchrungen.<\/p>\n<p>     <strong>Chronologie<\/strong><br \/> Die Initiative fand im Rahmen des interregIII-Projekts, in Zusammenarbeit mit der Pfarre Brenner-Gossensass, dem Eisenbahnerfreizeitverein, der CAI Sektion Brenner, des Leaderb\u00fcros Wipptal, der Gemeinde Brenner-Gossensass und der Gemeinde Gries am Brenner statt.<br \/>     <strong>Grenz\u00fcberschreitungen<\/strong><br \/> Die Pfarre Brenner ist durch ihr grenz\u00fcberschreitendes Einzugsgebiet ein europaweites Kuriosum. Sie verbindet Weiler auf der \u00f6sterreichischen Seite (Fennberg, Griesberg und Kerschbaum) mit Talschaften auf italienischer Seite. Und damit verbindet sie auch ihre Bev\u00f6lkerung: Menschen unterschiedlicher Sprache, Kultur und Nationalit\u00e4t.<br \/>     <strong>Grenzerfahrungen<\/strong><br \/> Am Brenner, dem niedrigsten \u00dcbergang der Alpen und der \u201ehei\u00dfesten Grenze Europas\u201c, haben nicht nur Handel floriert und Zolleinnahmen die Kassen gef\u00fcllt. Menschliche Schicksale haben hier ihren Wendepunkt erfahren: einzelner, aber auch ganzer Generationen. Ein Beispiel davon ist die bosnische Familie Durakovic, die 1992 den Brenner vorerst als Endstation kennen lernte.<br \/>     <strong>Grenze im Kopf<\/strong><br \/> Der Grenzort hat sich nur auf erstem Blick nur oberfl\u00e4chlich gewandelt. Wirtschaftlich durch den Wegfall der Kontrollen und durch den gigantischen Abbau des Personals, sp\u00e4ter auch durch den Wegfall des Geldwechsels. Architektonisch gar nicht. Und sozial kaum, zumindest nicht im Umgang miteinander.<br \/>     <strong>Ganz pers\u00f6nlich<\/strong><br \/> Erinnerungen an den Brenner, Assoziationen und Gef\u00fchlsstimmungen sind \u00fcberlagert vom Gedanken an die Grenze und an rauhe klimatische Verh\u00e4ltnisse. Wer den Brenner nur von der Durchfahrt kennt oder sich zu einem kurzen Zwischenstopp entschlie\u00dft, lernt ihn meist von seiner unwirtlichen Seite kennen. Aber ein zweiter Blick verr\u00e4t&#8230;<br \/>     <strong>Geisterdorf<\/strong><br \/> War der Brenner vor 1918 Ort der Rast und Einkehr bzw. des Durchzugs an der wichtigsten Transitstrecke Europas, zeigt sich der Pass heute als vom Aussterben bedrohtes, nachts\u00fcber beinahe leer gefegtes Dorf. Seine Einwohner, die Zur\u00fcckgebliebenen, stecken in einer Identit\u00e4tskrise, wollen aber weg vom Image des Geisterdorfes.<br \/>     <strong>Zukunftsaussichten<\/strong><br \/> Rettet den Brenner: Die Faszination Brenner, das Aush\u00e4ngeschild der Gegend, ist ein Produkt der architektonischen Bauten, der Grenzlandschaft und des unwiderstehlichen Nord-S\u00fcd-Verbindungscharakters. Die Suche nach z\u00fcndenden Ideen f\u00fcr eine wirtschaftlich rentable und politisch vertretbare, auf Konsens bauende L\u00f6sung hat erst begonnen.<br \/>     <strong>Herzensanliegen<\/strong><br \/> Der Brenner ist eine, wenn nicht DIE zentrale, Drehscheibe auf der Nord-S\u00fcd-Verbindungs- und Transitstrecke und geh\u00f6rt damit zum interregIII-Projekt \u201eTechnikkulturmeile Nord-S\u00fcd\u201c des Kuratoriums f\u00fcr technische Kulturg\u00fcter, das sich f\u00fcr die Erhaltung, Sanierung und Neunutzung von Orten, Ensembles und Objekten l\u00e4ngs der Fahrradtrasse Innsbruck-Trient einsetzt.<br \/>     <strong>Geschichte<\/strong><br \/> Ein geschichtlicher Abriss in Stichworten<br \/> \u00fcber den niedrigsten Alpen\u00fcbergang vom europ\u00e4ischen Norden in den europ\u00e4ischen S\u00fcden.<br \/>     <strong>Grenzg\u00e4nge<\/strong><br \/> Was tun mit Grenz\u00fcberg\u00e4ngen, die ausgedient haben?<br \/> Mit Inkraftreten des Schengen-Abkommens haben Italien und \u00d6sterreich am 31. M\u00e4rz 1998 die Grenzkontrollen am Brenner aufgehoben. Die Zollh\u00e4user und die Polizei-Amtsr\u00e4ume rund um den Schlagbaum sind seitdem verwaist. Der Pass auf 1.372 Meter Seeh\u00f6he wurde mit dem Anschluss S\u00fcdtirols an Italien zum Grenz\u00fcbergang. Kurz vor Italiens Eintritt in den Zweiten Weltkrieg trafen sich hier die Diktatoren Hitler und Mussolini.<\/p>\n<p> Seine politische Symbolkraft und auch einen Gro\u00dfteil seiner wirtschaftlichen Bedeutung hat der Brenner inzwischen eingeb\u00fc\u00dft. Nach Abzug der &#8222;Grenzer&#8220; lebt in der Ortschaft nur noch eine Handvoll Menschen.<\/p>\n<p>  {mospagebreak heading=Grenzpfarre Brenner&#038;title=Chronologie} <\/p>\n<h1>GRENZPFARRE BRENNER<\/h1>\n<p> Die grenz\u00fcberschreitende Pfarre Brenner, die S\u00fcdtiroler und Nordtiroler Gemeintemitglieder z\u00e4hlt, ist ein kirchenrechtliches Unikat. Das Kuratorium f\u00fcr technische Kulturg\u00fcter hat die Grenzpfarre Brenner am 4. Oktober 2003 zu einem Pionierspiegel werden lassen. Brenner, das ist bewegte Geschichte. Brenner, das war f\u00fcr viele Fl\u00fcchtlinge nicht Endstation, sondern Start in ein neues Leben.<\/p>\n<p> Mit Zeitzeugenbegegnungen und einem Tag der offenen T\u00fcr wollte das Kuratoirum R\u00fcckschau halten und einen Blick in die Zukunft werfen. Es gab Filmvorf\u00fchrungen, Einblicke in die Pfarrchronik, Politiker, die mit Akteuren \u00fcber die M\u00f6glichkeit diskutieren, das historische Kernensemble am Brenner zu adaptieren.<\/p>\n<p> Neugierig? Dann steigen Sie ein&#8230;<br \/> Tag der Offenen T\u00fcr am Brenner, eine Chronologie<br \/> Der Erfolg des letztj\u00e4hrigen Kulturevents am Brenner hat das Kuratorium f\u00fcr technische Kulturg\u00fcter erneut bewogen, die ersehnte Revitalisierung des ehemaligen Grenz\u00fcbergangs anzukurbeln. Eine allseits gew\u00fcnschte Belebung, die das architektonisch wertvolle Kernensemble erhalten und den historischen Charakter des Brenners als kulturelle Drehscheibe unterstreichen soll.<\/p>\n<p> Die Initiative fand im Rahmen des interregIII-Projekts \u201eTechnikkulturmeile Nord\/S\u00fcd\u201c in Zusammenarbeit mit der Pfarre Brenner-Gossensass, dem Eisenbahnerfreizeitverein, der CAI Sektion Brenner, des Leaderb\u00fcros Wipptal, der Gemeinde Brenner-Gossensass und der Gemeinde Gries am Brenner statt.<br \/> Den Akzent auf das grenz\u00fcberschreitende Zusammenspiel und Mitwirken dies- und jenseits der Grenze setzten der B\u00fcrgermeister der Gemeinde Brenner-Gossensass, Christian Egartner (vierter von links), der \u00f6sterreichische Kollege der Gemeinde Gries am Brenner (rechts davon), Willi Sch\u00f6pfer, wie dessen Stellvertreter, Helmut Gassebner (rechts davon).<br \/>{mosimage} Nachdenken \u00fcber den Brenner<br \/> Die \u201ehei\u00dfteste Grenze Europas\u201c: Was hat sich hier abgespielt? Die Trag\u00f6die des Zweiten Weltkriegs, die Abschottung der italienischen Staatsgrenze nach den S\u00fcdtiroler Bombenattentaten der 60er Jahre, aber auch das Schicksal von Grenzg\u00e4ngern, Wirtschaftsfl\u00fcchtlingen und Menschenschmuggler-Opfern in j\u00fcngerer und j\u00fcngster Zeit. Dennoch wurde und wird hier grenz\u00fcberschreitende Zusammenarbeit schon lange vor dem offiziellen Fall des Schlagbaums durch das Schengen-Abkommen praktiziert: im Kindergarten, im Vereins- und im gemeinsamen Pfarrleben.<br \/>{mosimage} Der charismatische Brenner-Pfarrer Hugo Senoner &#8211; im Bild vor aufmerksamer Zuh\u00f6rerschaft &#8211; sparte nicht mit pers\u00f6nlichen Erfahrungsberichten und Kommentaren und pl\u00e4dierte f\u00fcr eine Lancierung des Brenners als Symbol europ\u00e4ischer Einheit. Er arbeitete von 1990 bis 1997 als Grenzpfarrer am Brenner.<\/p>\n<p> Das Plakatbild der Veranstaltung am 4. Oktober 2003:<br \/> Auf den Tag genau 63 Jahre zuvor, am 4. Oktober 1940, sch\u00fcttelten sich Hitler und Mussolini am Bahnhof Brenner auf Gleis sieben die Hand. Diesmal sollten an diesem Schauplatz Impulse f\u00fcr die Zukunft des Grenzorts ausgehen. Im Pfarrsaal der Brenner Pfarrkirche \u201eMaria am Wege\u201c, mitten im Dorfkern, lie\u00df man mit originalen Filmdokumenten des Istituto Luce, mit Filmbeitr\u00e4gen der Rai-Journalistin Sandra Bortolin \u00fcber den Alltag am Brenner, mit pers\u00f6nlichen, teils sehr bewegenden Erz\u00e4hlungen und Anekdoten aus der Pfarrchronik die Vergangenheit des Brenners Revue passieren. Das Evozieren vieler heiterer und auch tragischer Bilder vom Brenner skizzierte eine einzigartige Pfarrei, die in Europa ihresgleichen sucht.{mosimage}<br \/> War der Vormittag dem Aufrollen der Pfarrchronik und der historisch markanten Ereignisse des Brenners gewidmet, so befasste man sich am Nachmittag mit dem Grenzort als Schauplatz menschlicher Dramen, als Endstation und Neuanfang f\u00fcr Familien wie jene der Durakovic. Den 1992 an der Brennergrenze zur\u00fcckgewiesenen bosnischen Fl\u00fcchtlingen, Isetta Durakovic mit ihren zwei kleinen T\u00f6chtern, verhalf der damalige Grenzpfarrer Hugo Senoner zu einer neuen Existenz.<br \/> {mosimage}<br \/> Vor der kunsthistorischen F\u00fchrung durch die St. Valentinskapelle bot der Lokalhistoriker und Gemeindechronist G\u00fcnther Ennemoser Einblick in die Geschichte des Orts Brenner, eine &#8211; wie sich herausstellte &#8211; emblematische Station, die an der fr\u00fcheren Kaiserstrasse erstmals unter der Herrschaft der Grafen von Tirol den Transitzoll kassierte. Besonderes Ambiente und Flair f\u00fcr Ausw\u00e4rtige hatte die Begehung des f\u00fcr Kunstzwecke adaptierten Kriegsbunkers, in dem Peter Kaser das Projekt \u201e84 Treppen\u201c vorstellte.<br \/>{mosimage} Was aber am meisten die Gem\u00fcter bewegte, war und ist die Zukunft, die Aussichten eines historisch einzigartigen Dorfes auf der Suche nach einer neuer Identit\u00e4t. Und dieser Aspekt wurde in einer Abschlussdiskussion mit illustren G\u00e4sten (im Bild ganz links Wittfrieda Mitterer vom Kuratorium als Moderatorin), dem Tiroler Landeshauptmannstellvertreter Ferdinand Eberle (zweiter von links), SVP-Senatorin Helga Thaler-Ausserhofer (rechts), den B\u00fcrgermeistern von Brenner (dritter von links)und Gries am Brenner (Vizeb\u00fcrgermeister Gassebner ganz links), dem von Franzensfeste Hans Wild, dem Tiroler Lichtk\u00fcnstler Dieter Bartenbach und dem Publikum hei\u00df debattiert. Die Frage: Abriss oder Neunutzung des bestehenden architektonischen Gef\u00fcges? Die Suche nach z\u00fcndenden Ideen f\u00fcr eine wirtschaftlich rentable und politisch vertretbare, auf Konsens bauende L\u00f6sung zeigte der den Willen, den Brenner als Ort der Zusammenkunft an der wichtigsten Transitstrecke Europas neu zu beleben. Ansatzweise wurden Vorschl\u00e4ge angedacht: Studentengarconni\u00e8ren in dem verkehrstechnisch optimal angebundenen Dorf, ein Handelsplatz als Outlet-Variante oder ein museales K\u00fcnstlerdorf. Eine Sanierung des architektonischen Kernensembles stand auf jeden Fall im Vordergrund, ebenso wie die Absicht einer Neunutzung, die diesen magischen Ort erneut mit Leben f\u00fcllen soll.<\/p>\n<p>   {mospagebreak heading=Grenzpfarre Brenner&#038;title=Grenz\u00fcberschreitungen} <\/p>\n<h1>Grenz\u00fcberschreitungen: die Grenzpfarre Brenner<\/h1>\n<p> Die grenz\u00fcberschreitende Pfarre Brenner-Gossensass mit Teilen der \u00f6sterreichischen Gemeinde Gries am Brenner ist eine Folge der Grenzziehung 1918 nach dem ersten Weltkrieg und 1919 des Vertrags von St. Germain. Als Grenzpfarre \u2013 als solche wurde sie 1924 ratifiziert &#8211; ist sie ein kirchenrechtliches Unikat, Teil der Di\u00f6zese Bozen-Brixen. Nicht nur: Die Pfarre ist durch ihr grenz\u00fcberschreitendes Einzugsgebiet ein europaweites Kuriosum.<\/p>\n<p> Sie verbindet Weiler auf der \u00f6sterreichischen Seite (Fennberg, Griesberg und Kerschbaum) mit Talschaften auf italienischer Seite. Und damit verbindet sich auch ihre Bev\u00f6lkerung, Menschen unterschiedlicher Sprache, Kultur und Nationalit\u00e4t. Die politische Grenzziehung vermochte es nicht, Einfluss auf das Pfarrleben zu gewinnen. Die genannten Fraktionen der \u00f6sterreichischen Gemeinde Gries am Brenner geh\u00f6ren heute noch zur Pfarre Brenner.<br \/> {mosimage}Freilich, die Grenze hat Spuren hinterlassen, architektonische genauso wie solche im Kopf. Doch gerade am intensiven Pfarrleben erkennt man, dass das Verbindende \u00fcber die k\u00fcnstlichen Trennungen siegt. Beispiele daf\u00fcr sind der internationale und mehrsprachige Kindergarten, der grenz\u00fcberschreitende Seniorenclub, der r\u00fchrige Freizeitverein der Eisenbahner und des CAI.<\/p>\n<p> Die bewegte Geschichte hat auch im Pfarralltag ihren Niederschlag gefunden.<br \/> Hugo Senoner, legend\u00e4rer Grenzparrer der 90er Jahre, sorgte f\u00fcr Schlagzeilen durch seine Bem\u00fchungen, Barrieren abzuschaffen an einem symbolstarken Ort.<br \/> In einer turbulenten Zeit setzte der Fl\u00fcchtlingspfarrer Hugo Senoner klare Akzente, indem er aufzeigte, wie man eine Grenze durchl\u00f6chert.<br \/> Den Anfang machte dabei seine grenz\u00fcberschreitende Fronleichnamsprozession. Sie rief weltweites Echo hervor, weil es ihr gelang, Leute aus ganz Europa auf den Brenner zu bringen und zu einer friedlichen Demonstration gegen Trennungsbestrebungen zu werden.<\/p>\n<p> 2O-Ton: \u201eDie Grenze ist nicht etwas Absolutes&#8230;verbinden kann&#8230; Fronleichnamprozession&#8230; Leute aus ganz Europa&#8230; Menschen f\u00fcr dieses Zeichen gekommen sind.\u201e 0\u201800-0\u201817 Senoner<\/p>\n<p> Auf Senoners Initiative hin kam es auch zu Religionentreffen: Bis zu 11 Religionen trafen sich am Brenner, um ein \u00f6kumenisches Gebet anzustimmen, jeder in der eigenen Sprache. Ein r\u00fchriger grenz\u00fcberschreitender Seniorenclub (seit 1991) und ein internationaler mehrsprachiger Kindergarten (seit 1993\/94) entstanden in k\u00fcrzester Zeit. Die Grenze wandelte sich vom Symbol der Teilung zum Symbol der Vereinigung. Doch die Widersacher fehlten nicht. F\u00fcr gar einige war ein gemischtsprachiger Kindergarten am Brenner, mit Kindern aus Italien und aus \u00d6sterreich, schlichtweg ein Skandal. Die Anfeindungen kamen sowohl von politischer als auch von klerikaler Seite. Das wei\u00df auch Gianfranco Cornella, der in den 80er und 90er Jahren f\u00fcr den Kindergarten Brenner verantwortlich war. Doch die gute Zusammenarbeit mit dem Kindergarten Gries am Brenner, der Erfolg des didaktischen Modells und die Verflechtungen im Alltag gaben Senoner Recht. Und es gab auch Unterst\u00fctzung von Seiten der lokalen Bev\u00f6lkerung, indem man notariell beglaubigte Patenschaften f\u00fcr die \u00f6sterreichischen Kinder \u00fcbernahm (dichiarazioni di affido), die diesen den Kindergartenbesuch hinter der Grenze erm\u00f6glichten. Das Modell des internationalen Kindergartens sollte auch auf die Schule \u00fcbertragen werden, aber dazu kam es nicht mehr. Das Thema wurde zum politischen Zankapfel.<br \/> {mosimage}Nicht von ungef\u00e4hr fand der Tag der Offenen T\u00fcr (im Foto Teil des Seniorenclubs Brenner) im Pfarrhaus\/Hospiz statt &#8211; unb\u00fcrokratische Anlaufadresse auch in Zeiten der Nationalstaaten und tragischer Menschenschmuggel-Aktionen. Das Suppen-Buffet zu Mittag auf dem Platz vor der Kirche zeugte von dieser Idee der Offenheit und des Entgegenkommens.<br \/> {mosimage}Durch den Grenzcharakter ist die Pfarrkirche \u201eMaria am Wege\u201c eine Wallfahrtskirche geworden, wenn auch inoffiziell. Viele Busgesellschaften und Gruppen zieht es auf ihrer Durchreise dorthin.<\/p>\n<p> Die Pfarre Brenner umfasst seit 1997 auch die Dorfgemeinschaften Gossensass und Pflersch. Heute betreut Pfarrer Georg Martin diese Pfarre, ihm zu Seite steht der italienischsprachige Kooperator von Sterzing. Die Gemeinschaft ist kompakt, das Vereinsleben au\u00dferordentlich aktiv: Auf 300 Einwohner kommen zwei Ch\u00f6re und zwei Vereine, der CAI und der Freizeitverein der Eisenbahner, ein Kindergarten und ein viel besuchter Treffpunkt mit Bar gegen\u00fcber der Kirche, der Dopolavoro Ferroviario \u2013 Dorf-Mitte, Angelplatz und Raum aller Besprechungen, geselligen Runden und Gesch\u00e4fte. Hier treffen sich M\u00e4nner genauso wie Frauen und Jugendliche. Wer Lust auf ein Gespr\u00e4ch hat, geht einfach hin.<br \/> {mosimage}Seit 12 Jahren ist der Lokalhistoriker und Heimatkundler G\u00fcnther Ennemoser auch Gemeindechronist von Brenner-Gossensass (im Bil\/Mitte bei der Kirchenf\u00fchrung). Er kennt die Details der Pfarrchronik: die Bau- und Kunstgeschichte der St. Valentins-Kirche (siehe Kapitel zur Geschichte des Brenners), die bis 1962 Pfarrkirche war und sp\u00e4ter abgel\u00f6st wurde von der gr\u00f6\u00dferen modernen Pfarrkirche \u201eMaria am Wege\u201c. Noch heute beherbergt der Grund neben dem Kirchlein zum Hl. Valentin von R\u00e4tien (Patron der P\u00e4sse und \u00dcberg\u00e4nge; findet sich auch am Reschenpass und bei Trens) den Friedhof, jenen der italienischen wie der \u00f6sterreichischen Pfarrmitglieder am Brenner.<br \/> Die letzte Pfarrmesse in der alten St. Valentin-Kirche fand am 7. Oktober 1962 statt. Damals platzte das Kirchlein aufgrund der Bev\u00f6lkerungsexplosion am Brenner aus allen N\u00e4hten. Die Bauzeit der neuen Kirche hatte sich verz\u00f6gert, weil man auf sumpfige Bodenbeschaffenheit stie\u00df. Da erinnerte man sich an die Tatsache, dass der Brenner fr\u00fcher drei Seen hatte, von denen heute nur mehr der auf \u00f6sterreichischen Seite existiert. 1983 wurde zum letzten Mal Hand angelegt am St. Valentin Kirchlein durch eine aufwendige Restaurierung unter Pfarrer Alois Trenkwalder. Messen werden hier nur mehr zu besonderen Anl\u00e4ssen gelesen. Zum Beispiel am Patroziniumstag, der am Brenner den Kirchenkalender v\u00f6llig missachtet, weil er am 14. Februar gefeiert wird (Valentin von Terni, der Heilige der Liebenden) und nicht am eigentlichen Termin, am 7. J\u00e4nner (Valentin von R\u00e4tien, ca. 400 n. Chr.).<\/p>\n<p>   {mospagebreak heading=Grenzpfarre Brenner&#038;title=Grenzerfahrungen} <\/p>\n<h1>Grenzerfahrungen am Beispiel der bosnischen Familie Durakovich<\/h1>\n<p> F\u00fcr Medienwirbel sorgte auch die Fl\u00fcchtlingshilfe des Pfarrers Hugo Senoner w\u00e4hrend der Kriegswirren in Kroatien, Bosnien und im Kosovo. Er wurde zwischen 1990 und 1997, seiner Amtszeit am Brenner, zur inoffiziellen Anlaufstelle f\u00fcr humanit\u00e4re Hilfe, da er durch die vielen Kontakte mit der Grenzpolizei und den am Brenner stationierten Milit\u00e4reinheiten etwas mehr Handlungsspielraum hatte und so Verwaltungsh\u00fcrden beseitigen half. Wie vielen er geholfen hat, wollte und will er nicht sagen. Hetzkampagnen und Zerw\u00fcrfnisse blieben ihm nicht erspart.<br \/> {mosimage}{mosimage}<br \/> Am Brenner, dem niedrigsten \u00dcbergang der Alpen und der \u201ehei\u00dfesten Grenze Europas\u201c, haben nicht nur Handel floriert und Zolleinnahmen die Kassen gef\u00fcllt. Menschliche Schicksale haben hier ihren Wendepunkt erfahren: einzelner, von Familien, aber auch ganzer Generationen. Ein Beispiel davon ist die bosnische Familie Durakovic (im Bild links mit Pfarrer Hugo Senoner), die 1992 den Brenner vorerst als Endstation (im Bild der Bahnhof) kennen lernte.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eDa war die Grenze&#8230; aussteigen&#8230; niemanden gehabt&#8230; 13 Tage. \u201e 0\u201840-1\u201810 Isetta Durakovic<br \/> {mosimage}Ihre 13-t\u00e4gige Odyssee am Brenner erz\u00e4hlt Isetta Durakovich nach elf Jahren noch immer mit zittriger Stimme. Sie teilte dabei die tragischen Grenzerlebnisse im Winter 1992 mit den zwei kleinen T\u00f6chtern Adissa, 10 und Shemsa, 8. Damals befanden sich die drei auf der Reise nach Deutschland, um dort ihren bereits vorher gefl\u00fcchteten Mann und Vater wiederzufinden. Das Ziel: die Zusammenf\u00fchrung der Familie.<br \/> Zuerst war Isetta mit den Kindern geflohen, in den Norden Bosniens zu ihrer Mutter. Das war im Fr\u00fchling 1992. Als der Krieg auch diese Region erfasste, zogen sie weiter und kamen auf einem Konvoi des Roten Kreuzes mit 1200 anderen bosnischen Fl\u00fcchtlingen nach Italien, alles Frauen mit ihren Kindern. Die M\u00e4nner durften das Land nicht verlassen. Semso gelang die Flucht ohne Pass gl\u00fccklicherweise dennoch: Er ergriff die erste Gelegenheit und landete in M\u00fcnchen, wo er gleich eine Anstellung fand. Die telefonischen Kontakte waren schwierig und nur \u00fcber Mittelspersonen m\u00f6glich. Als Isetta im Fl\u00fcchtlings-Auffanglager von Jesolo Lido erfuhr, dass ihr Mann in M\u00fcnchen war, packte sie erneut die Koffer und fuhr mit dem Zug los. Da sie sowohl f\u00fcr sich als auch f\u00fcr die Kinder P\u00e4sse mit hatte, war sie nicht vorbereitet auf Grenzschwierigkeiten am Brenner, schon gar nicht auf den Zwangsstopp.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eZuerst sind wir einfach auf dem Bahnhof geblieben, wo wir aus dem Zug rausgeschmissen worden sind&#8230;nur ein paar Brote in der Tasche u. etwas Milch&#8230; Bank zum Schlafen&#8230; Erwachsene nix schlafen, nicht erfroren haben.\u201c 11\u201829-12\u201907 Isetta Durakovich<br \/> Eindringlich schildert sie, wie sich im Winter im Bahnhof Fl\u00fcchtlingsdramen abspielten: Kleinkinder am Boden, Schlafen im Turnus auf der Holzbank im winzigen beheizten Warteraum, inad\u00e4quate Kleidung, kein Geld f\u00fcr Lebensmittel und vor allem das Nicht Wissen Wohin und Wie weiter. Auch bei ihnen kam die Hilfe von Grenzpfarrer Senoner, der sie buchst\u00e4blich auflesen musste vom Bahnhof Brenner. Im Hotel Post fanden sie vorl\u00e4ufigen Unterschlupf. Gegen Weihnachten appellierte der Pfarrer an die Bev\u00f6lkerung und an die Sicherheitskr\u00e4fte mit dem Schlagwort \u201eBrenner wie Bethlehem\u201c und fand M\u00f6glichkeiten zu helfen. Zuerst galt es, \u00fcber die Grenze zu kommen, die n\u00f6tigen Papiere und etwas Geld f\u00fcr die Weiterreise zu beschaffen und dann Unterst\u00fctzung zu finden, um in M\u00fcnchen Ehemann Durakovich ausfindig zu machen und eine Bleibe f\u00fcr die Familie zu finden. F\u00fcr die Familie Durakovich wie f\u00fcr andere gelang das Wunder. Mittlerweile haben die vier in M\u00fcnchen eine zweite Heimat gefunden.<br \/>{mosimage} Vor dem Krieg war die Familie beruflich und wirtschaftlich gut situiert, Semso war Ingenieur, Isetta Universit\u00e4tsprofessorin an der Wirtschaftsfakult\u00e4t in Sarajewo. Nun arbeitet Semso in M\u00fcnchen in einer Tischlerwerkstatt und Isetta als K\u00f6chin, im Kloster, in dem die Familie seit 10 Jahren in einer eigenen Wohnung lebt.<\/p>\n<p> Sie konnten sich mit dem bisher Erarbeiteten und \u2013ersparten in ihrer alten bosnischen Heimat sogar ein Zuhause schaffen, ein zweites Standbein. Brenner war f\u00fcr sie letztlich der Neuanfang ihrer Existenz.<br \/> Bildtext: Hilfsaktionen gelangen oft auch durch die Reaktionen der Medien und die wachsende Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit. Das Filmdokument von Sandra Bortolin \u2013 Rai Bozen (im Bild links bei der Vorstellung) zeugt davon.<\/p>\n<p>   {mospagebreak heading=Grenzpfarre Brenner&#038;title=Von der Grenze im Kopf} <\/p>\n<h1>Von der Grenze im Kopf<\/h1>\n<p> Markante Brenner Pers\u00f6nlichkeiten wie Rudi Plank, ex-Eisenbahnerchef, Ferdinand Plattner, pensionierter Gemeindeangestellter und die Messnerin Waltraud Steger Joppi zeichnen jenes kleinmaschige Netz nach, das f\u00fcr die Alltagskultur am Grenzort so typisch ist.<br \/> {mosimage}Wenn Rudi Plank \u00fcber die j\u00fcngsten Entwicklungen rund um den Schlagbaum nachdenkt, dann \u00e4u\u00dfert er seine \u00dcberzeugung, dass die Grenze trotz Schengen (hier der marmorne Grenzstein von 1921) zum Teil noch vorhanden ist. Der Grenzort hat sich nur oberfl\u00e4chlich gewandelt, wirtschaftlich durch den Wegfall der Kontrollen und durch den gigantischen Abbau des Personals und sp\u00e4ter durch den Wegfall des Geldwechsels.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eDie Grenze ist jetzt Gottseidank weg&#8230;aber irgendwo&#8230; immer noch&#8230;Gesch\u00e4ftsort, relativ gut arbeiten. Grenzort ist\u2019s obm no geblieben, Brenner.\u201e 0\u201800-42 Plank<br \/> {mosimage}Auch Ferdinand Plattner, ein eingefleischter Brenner-Kenner (im Bild mit Rudi Plank), wundert sich \u00fcber die Eigenart seines Heimatortes, mit der Grenze zu leben. Keine 5 km sind es bis zum n\u00e4chsten \u00f6sterreichischen Dorf, Gries am Brenner. Und trotzdem: Die engen Kontakte sind fast nur zu den \u00f6sterreichischen PfarrgemeidemitgliederInnen und MessebesucherInnen da, ansonsten orientiert man sich am Brenner nach wie vor an S\u00fcdtirol, auch sprachlich. Die dialektalen Unterschiede zwischen Brennerern s\u00fcdlich und n\u00f6rdlich der Grenze sind vor allem in Aussprache und Vokabular seit 1918 deutlich geworden, und machen die Grenze auch heute noch h\u00f6rbar.<br \/> {mosimage}Der heutige Rentner Plattner geh\u00f6rt zum harten Kern der Brennerer, jener Leute, die ein historisches Ged\u00e4chtnis haben und sich zum \u201eGrenzvelkl\u201c rechnen. Dieses zeigt sich seiner Ansicht nach durch die gr\u00f6\u00dfere Toleranz gegen\u00fcber dem \u201eAnderen\u201c und \u201eFremden\u201c und durch die ausgepr\u00e4gte Kontaktfreudigkeit, die es Pfarrer Hugo Senoner in seiner \u201eMission\u201c leichter machten. Ungeachtet dessen wurde die Grenze f\u00fcr Senoner von 1990 bis 1997 jeden Tag deutlicher zum un\u00fcberwindbaren Problem. Seine Fl\u00fcchtlingshilfe wurde von institutioneller Seite ungern gesehen. Als er zu merken begann, abgeh\u00f6rt und als Schwarzes Schaf betrachtet zu werden, entschloss er sich, den Brenner zu verlassen.<\/p>\n<p>{mosimage} Auch der K\u00fcnstler Peter Kaser ist jemand, der sich mit Grenze\/n besch\u00e4ftigt. Er ist Promotor einiger k\u00fcnstlerischer Aktionen am Brenner, u.a. auch des Bunker-Projektes \u201e84 Treppen\u201c. Seiner Meinung nach geh\u00f6rt gerade die Grenze, auch als schmerzliche historische Erfahrung, zum Charakter des Brenners, und ist als solche beizubehalten. Er will daran erinnert werden, was der Brenner alles war. Sein Pl\u00e4doyer gilt einer feinf\u00fchligen Neunutzung der alten Geb\u00e4ude und Grenzsymbole am Brenner.<\/p>\n<p>   {mospagebreak heading=Grenzpfarre Brenner&#038;title=Ganz personlich} <\/p>\n<h1>Brenner, ganz pers\u00f6nlich<\/h1>\n<p> Erinnerungen an den Brenner, Assoziationen und Gef\u00fchlsstimmungen sind \u00fcberlagert vom Gedanken an die Grenze und an rauhe klimatische Verh\u00e4ltnisse. Wer den Brenner nur von der Durchfahrt kennt oder sich zu einem kurzen Zwischenstopp entschlie\u00dft, lernt den Brenner nur von seiner oberfl\u00e4chlichen, auf erstem Blick eher unwirtlichen Seite kennen: Die durchdringende K\u00e4lte, der Brenner Wind, der viele Schnee (nicht selten auch im Sommer) und die trostlos leerstehenden H\u00e4user machen den Durchreisenden blind f\u00fcr die Faszination Brenner.<\/p>\n<p> O-Ton-Track: \u201eDer sich net auskennt, Verlorener am Brenner&#8230; K\u00e4lte und Wind&#8230; nur mehr die W\u00f6lfe gefehlt.\u201e 1\u201836-49 Steger<br \/> {mosimage}Waltraud Steger Joppi, die Messnerin vom Brenner (im Bild mit Rudi Plank), ist als junge Frau 1968 zuf\u00e4llig auf den Brenner gekommen, mit einer Freundin zu Besuch. Es waren die fetten Brenner-Jahre: Arbeit im Gastgewerbe und Handel gab es zuhauf, und wer blieb, brauchte sich nicht um die wirtschaftliche Existenz zu sorgen. Sie blieb, nicht zuletzt, weil sie ihren Mann kennenlernte, der als Barist am Brenner t\u00e4tig war. So ist der Brenner f\u00fcr sie Heimat geworden, trotz ihrer Ahrntaler Wurzeln. Doch zur\u00fcck erinnern kann sie sich schon, an ihren ersten recht ungem\u00fctlichen Eindruck der Wetterscheide Brenner. F\u00fcr sie \u00fcberwiegen heute dennoch die Vorteile: die gute Anbindung ans Verkehrsnetz, der Zusammenhalt der Gemeinschaft, die Pfarre, die guten Arbeitsm\u00f6glichkeiten.<br \/> Rudi Plank ist die Personifizierung eines Eisenbahnerlebens: 35 Jahre Leben am Brenner. Auch er hat 1968 in der Gegend Wurzeln gefasst. Der Pr\u00e4sident des Eisenbahnervereins ist heute Rentner, verbringt aber immer noch t\u00e4glich mehr Zeit am Brenner als in seinem Wohnort Pflersch ganz in der N\u00e4he. Als Eisenbahner war er mit der Grenzbeh\u00f6rde sozusagen an forderster Front, und so ist er in den letzten Jahren mit etlichen Ausl\u00e4nderInnen-Schicksalen konfrontiert worden. Seine gutm\u00fctige Art hat es ihm leicht gemacht, zu helfen, wo er glaubte, dass dies angebracht sei. Aber er habe auch zahlreiche Illegale gesehen, Kriminelle und Menschenschmuggler. Die alten Schleichwege in der H\u00f6he bergen heute noch das eine oder andere Opfer eines kalten Winters oder unvorsichtiger Grenzg\u00e4nger-Fluchten. Auch dies sei der Brenner.<br \/> Im Bild das Suppen-Buffet w\u00e4hrend der Veranstaltung am 4. Oktober.<\/p>\n<p>{mosimage}<br \/> Ferdinand Plattner, ist eine der wenigen Brenner Pers\u00f6nlichkeiten, die hier geboren und aufgewachsen sind. Als Gemeindearbeiter wurde er schnell zum Faktotum des Brenners. Heute wohnt er in Gossensass, ist Pensionist und hilft noch da und dort mit, wo es ihn braucht. Niemand kennt wie er jeden Winkel der Passh\u00f6he und jeden Bewohner. Seine fr\u00fcheste Erinnerung der Grenze sind verwebt mit dem Schulbesuch: 1943-1944 besuchten die etwa 30 Brennerer Kinder eine \u00f6sterreichische Schule hinter der Grenze. Erst sp\u00e4ter wechselten sie in die Schule in der N\u00e4he des Brennerbads. Die Grenze war f\u00fcr ihn eine Last durch die endlosen, zum Teil sogar \u00e4u\u00dferst strengen Kontrollen mehrmals am Tag. Der Alltag spielte sich f\u00fcr die l\u00e4ndliche Gemeinde doch nach wie vor dies- und jenseits der Grenze ab.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eMir hobn auf der \u00f6sterr. Seite an Gortn kopp&#8230; Salat holen, Ausweis gebraucht&#8230; streng&#8230; dass man dr\u00fcber gederft hot.\u201e 2\u201804-22 Mitschnitt2 Plattner<\/p>\n<p> Die krassesten Beispiele waren Begr\u00e4bnisse bzw. der Transport der Toten zum Friedhof. Auch zu diesen Anl\u00e4ssen wurde der Ausweis verlangt. Darum war Schengen f\u00fcr ihn eine Erl\u00f6sung, genauso wie es eine Erl\u00f6sung war, als der Schwerverkehr ab 1971 nicht mehr durchs Dorf geschleust, sondern auf die Autobahn gelenkt wurde. Kritisch wiederum sieht er die jahrzehntelange Gewohnheit der Brenner Kaufleute, das erwirtschaftete Geld anderswo zu investieren, ob in Wohnungen oder Betrieben. Dies sei mit ein Grund f\u00fcr den Verfall des Dorfes.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eGonz wenige tian do am Brenner wohnen, abgesetzt, wo sch\u00f6ner und Klima besser&#8230; Gesch\u00e4ft gemacht und dann sagt man Buonasera.\u201e 0\u201828-41 Mitschnitt2 Plattner<br \/> Erinnerungen an historische Gro\u00dfereignisse am Brenner sind jene von Illuminata Dalla Santa, einer alten Dame, die schon \u00fcber 60 Jahre am Brenner wohnt. Sie beobachtete ganz aus der N\u00e4he das Treffen Hitler-Mussolini von 1940 am Bahnhof Brenner, auf Gleis sieben. Der rote Teppich und die enormen Blument\u00f6pfe hatten das Kind schwer beeindruckt.<\/p>\n<p> Aus dem Film: \u201eMi chiamo Dalla Santa Illuminata&#8230; il Brennero importante &#8230; \u201e 0\u201802-0\u201955 Mitschnitt1<br \/> {mosimage}Anders bei Melitta Mayr von Gries am Brenner. Die Seniorin, Jahrgang 1928, erz\u00e4hlt gern vom geselligen Pfarrleben, von ihrer Jugend am Brenner, einer Zeit schelmischer Streiche und erster Liebschaften rund um Wachposten und Grenzh\u00e4uschen. Die Grenze hat sie schon als Kind fasziniert. Und Kleinigkeiten geschmuggelt habe sie auch, regelm\u00e4\u00dfig, das geh\u00f6rte f\u00fcr Brenner Bewohner zum Alltag.<br \/>{mosimage} F\u00fcr G\u00fcnther Ennemoser, Gemeindechronist und Gossensasser Wahlb\u00fcrger, ist der Brenner ein wesentlicher Ort der Geschichte, ein lebendes Museumsst\u00fcck, aber auch eine im Wandel begriffene Rastst\u00e4tte entlang der europ\u00e4ischen Nord-S\u00fcd-Transitroute. Eingeleitet durch Schengen-Abkommen und die Einf\u00fchrung des Euros wurde das Dorf geradezu \u00fcber Nacht gezwungen sich umzustellen. Die ersehnte neue Identit\u00e4t steht noch aus. Zur Zeit findet er den Brenner nicht besonders einladend in Hinblick auf touristische Einnahmen.<\/p>\n<p>   {mospagebreak heading=Grenzpfarre Brenner&#038;title=Geisterdorfes} <\/p>\n<h1>Weg vom Image des Geisterdorfes<\/h1>\n<p> {mosimage}War der Brenner vor 1918 Ort der Rast und Einkehr bzw. des Durchzugs an der wichtigsten Transitstrecke Europas, zeigt sich der Pass heute als vom Aussterben bedrohtes, nachts\u00fcber beinahe leer gefegtes Dorf. Die Bewacher des Sicherheitsbunkers einer zentralen Grenzstation \u2013 Grenz- und Finanzpolizei, Gendarmerie, Zollbeamte und zahlreiche Eisenbahnbedienstete &#8211; sind mit dem Inkrafttreten des Schengen Abkommens 1998 abkommandiert worden. Allein bei der Eisenbahn spricht der Personalabbau zahlenm\u00e4\u00dfig B\u00e4nde: Die ehemals 270 wurden zu heutigen 80 Arbeitspl\u00e4tzen. Der Brenner, jahrzehntelang Menschenschleuse und Hochsicherheitsquartier, hat \u2013 so munkeln die Pessimisten \u2013 nun den Charakter einer Endstation, eines Abbruchlagers und Geisterdorfes erhalten.<\/p>\n<p> Dabei hat der Brenner im Lauf der letzten 80 Jahre dramatische Geschichte geschrieben: die neue Grenze 1918, die faschistische Hochburg in den 30er Jahren, die Polizeifestung in den 60er Jahren. Seit 1998 ist es um die ehemals hei\u00dfeste Grenze Europas still geworden, das Dorf schrumpft. Seine Einwohner, die Zur\u00fcckgebliebenen, stecken in einer Identit\u00e4tskrise.<br \/> {mosimage}In den 70er und 80er Jahren war der Brenner noch ein bev\u00f6lkerter, pulsierenden Grenzort mit ca. 1500 Einwohner, einem 5 Seiten langen Eintrag im Telefonbuch, f\u00fcnf Schulen und einem Kindergarten. Heute pr\u00e4sentiert sich der Brenner als 300 Seelen Dorf ohne Schule. Eine Seite im Telefonbuch reicht aus, um sich darzustellen. Die wenigen Kinder m\u00fcssen nach dem Kindergartenbesuch am Brenner nach Gossensass und Freienfeld ausweichen, um die Pflichtschulen zu besuchen, nach Sterzing zur Oberschule. Ein Gro\u00dfteil der Ans\u00e4ssigen ist \u00fcber 70 Jahre alt. Einige Familien von Nicht-EU-B\u00fcrgern bilden die neue Generation.<br \/> Der Kindergarten funktioniert noch, seit 1992\/93 als internationales \u201eExperiment\u201c mit heute an die 12 Kinder, teils mit \u00f6sterreichischem, teils mit italienischem Ausweis. Im Lauf der letzten 10 Jahre haben gar einige Matreier und Innsbrucker Kinder auf diese unkonventionelle Art Italienisch gelernt. Die Infrastruktur am Brenner wurde 1928 gegr\u00fcndet. Das Istituto Luce (Kopie in Bozen) besitzt ein kurioses Filmdokument vom offiziellen Besuch der Gr\u00e4fin d\u2019Aosta anl\u00e4sslich der ersten Steinlegung.<\/p>\n<p> Die Grenze als \u201ewirtschaftlicher Segen\u201c ist abhanden gekommen. Aber vieles spricht f\u00fcr eine Wiederbelebung des Brenners: seine optimale Verkehrsanbindung durch Autobahn, Staatsstra\u00dfe, Eisenbahn und Autobus, sein immer noch florierender Handel, sein Wesen als Rastplatz, sein Charakter einer regen soziale Verbindungsst\u00e4tte, sein interkultureller Flair.<br \/> {mosimage}Seit Jahren wird \u00fcber Abriss oder Sanierung der vorhandenen Kubatur geredet. Wo einige \u00fcber das Barackenlager schimpfen, sehen andere sch\u00fctzenswerte Denkm\u00e4ler. Die Brennerer interessiert das \u00dcberleben des gesamten Gro\u00dfraums. Und dies k\u00f6nnte durch eine attraktive und innovative Neunutzung des architektonisch wertvollen Kernensembles am Brenner geschehen. Das Kuratorium f\u00fcr technische Kulturg\u00fcter macht sich f\u00fcr ein Projekt stark, das einerseits das Alte sch\u00fctzt und damit den interessanten Grenzort-Charakterzug beibeh\u00e4lt und andererseits mit neuem Leben beseelt. Mit der interreg-Initiative \u201eTechnikkulturmeile Nord-S\u00fcd\u201c soll der Spagat gelingen, technisches Kulturgut als geschichtliches Erbe zu dokumentieren, es in einen zeitkritischen Kontext zu stellen und eine Neunutzung des Areals anzuregen.<\/p>\n<p> O-Ton-Track3: \u201eWir haben ein Projekt&#8230; Technikkulturmeile Nord-S\u00fcd&#8230; Kulturell&#8230; techn. Kulturgut&#8230; dokumentieren, zeitkritischen Kontext, Initiativen&#8230; Neunutzung dieses Ensembles anregen.\u201e 0\u201852-1\u201837 Wittfrieda M.<br \/> Am 4. Oktober wurde auch \u00fcber L\u00f6sungen f\u00fcr den Erhalt des Brenner-Flairs nachgedacht, \u00fcber neue wirtschaftliche M\u00f6glichkeiten im Sinne der Nachhaltigkeit. Was kann den Brenner vor der Gefahr \u201eEntsiedelung\u201c retten? Zwei Szenarien kamen neben einer Verkehrsberuhigung im Dorfkern zur Sprache, beide untergebracht in der bereits bestehenden und sehensw\u00fcrdigen historischen Bausubstanz: der Vorschlag einer kosteng\u00fcnstigen Beherbergung von Universit\u00e4tsstudenten und der Vorschlag einer feinmaschig-eleganten Outlet-Variante eines Einkaufortes. Einmal Brenner zum Wohnen, einmal Brenner zum Einkaufen. Das ehemals k\u00fcnstliche Grenzdorf w\u00fcrde zum neuen Treffpunkt werden.<br \/>{mosimage} F\u00fcr den Tiroler Lichtk\u00fcnstler Dieter Bartenbach (im Bild w\u00e4hrend seiner Brenner-Lobrede) hat der Brenner eine einzigartige Ausstrahlung und damit Potential f\u00fcr Kultur- und Wirtschaftschaffende. Er tr\u00e4umt von einer Trendwende f\u00fcr den gesamten Raum Innsbruck-Wipptal mit Zentrum am Brenner. Dabei scheut er keineswegs den Vergleich mit Soho in New York, Magnetpunkt f\u00fcr Touristen wie Einheimische.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eDen Fehler machen ja fast alle&#8230; B\u00fcrgersteige-Platzl-Denken&#8230; nix Vern\u00fcnftiges&#8230; Brenner wie Soho in New York&#8230; magnetisiert sind&#8230; in Seen, wundersch\u00f6n, Tal klein&#8230; und i glaub einfach, do brauchts andere Ideen.\u201e 2\u201823-3\u201836<\/p>\n<p> Sein Tipp: Zuerst Konzepte entwickeln und Projekte entstehen lassen, dann erst die richtigen Investoren suchen und nicht umgekehrt. Nur so k\u00f6nne man langfristig und nachhaltig planen, Kultur mit einbeziehen \u00fcber Kunst und Kreativit\u00e4t, die Rauheit des Klimas zum Steckenpferd machen, beispielsweise einen internationalen \u201eGenusstempel\u201c am Brenner etablieren; kurzum eine Perle aus der Gegend machen, indem man deren Wesensmerkmale herausstreicht und nicht zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eI glab, dass da wirklich eine gro\u00dfe L\u00f6sung&#8230; Bahn, Autobahn untertunnelt&#8230; Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen&#8230; Skandinavien&#8230; gro\u00dfe tolle Leute, die da nachdenken ohne Druck.\u201e 5\u201828-6\u201911 Bartenbach<br \/> {mosimage}Die Zukunft des Brenners bewegt. Auch der Lokalhistoriker und Heimatkundler G\u00fcnther Ennemoser pl\u00e4diert f\u00fcr eine Besinnung auf die eigentliche Funktion der Passh\u00f6he, auf die alte Funktion des Brenners vor der Grenzziehung: \u201eDie P\u00e4sse haben die Funktion, die Menschen zusammenzuf\u00fchren und nicht zu trennen.\u201c Dieses grenz\u00fcberschreitendes Element m\u00fcsste man seiner Meinung nach bei der Vermarktung des \u201eneuen Brenners\u201c unbedingt in den Vordergrund stellen.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eWenn schon keine Grenze mehr ist&#8230; Kaufleute&#8230; nicht mehr \u00f6sterr.-ital. &#8230; als Brenner zu vermarkten &#8230;wie der Brenner 80 Jahre das getan hat.\u201e 3\u201801-\u201835 Ennemoser<\/p>\n<p> Allein schon die Veranstaltung am 4. Oktober hat bewiesen, dass der Brenner Menschen anzieht und sie zu begeistern vermag (im Bild das Suppenbuffet vor der neuen Pfarrkirche). Die liebensw\u00fcrdige kleine \u00f6sterreichisch-italienische, deutsch- und italienischsprachige Gemeinschaft der Brennerer sieht sich als \u201eporto di mare\u201c, als Hafen, in dem jede\/r willkommen ist. Und sie ist es satt, das Image eines Geisterdorfes zu verk\u00f6rpern.<\/p>\n<p>   {mospagebreak heading=Grenzpfarre Brenner&#038;title=Zukunftsaussichten} <\/p>\n<h1>Rettet den Brenner \u2013 Zukunftsaussichten und Projekte<\/h1>\n<p> Heute lebt der Brenner vom Handel an der Rastst\u00e4tte und von der Abwicklung des G\u00fcterverkehrs. Dies und die relativ neue Autobahnausfahrt s\u00fcdlich vom Brenner reichen aber nicht aus, um Menschen an den Brenner zu binden und den Ort zukunftsf\u00e4hig zu machen.<br \/> {mosimage}Der B\u00fcrgermeister Christian Egartner sorgt sich vor allem um die kulturelle und soziale Komponente am Brenner: Die tragenden S\u00e4ulen, jene Menschen, die magnetisieren, bewegen und zusammenhalten in Chor- und Vereinsleben und in der Pfarrgemeinschaft, sind zum Gro\u00dfteil Menschen eines gewissen Alters. Au\u00dferdem verf\u00e4llt historisch und architektonisch interessante Bausubstanz zusehends, da sie ungenutzt bleibt.<br \/> Erste Schritte wurden vor kurzem gesetzt, mit einer Reihe von urbanistischen \u201eVersch\u00f6nerungsarbeiten\u201c, die Ende 2005 abgeschlossen sein werden: die Sanierung der St. Valentinsstra\u00dfe, Gehsteig- und Stra\u00dfenpflasterungen, Parkplatz-Erweiterungen, die Errichtung eines neuen Vereinshauses. Finanziert werden die 2,5 Millionen \u20ac Bauarbeiten durch EU-Gelder aus dem Ziel2-Aktionsspektrum.<br \/> Weitere k\u00f6nnten demn\u00e4chst in Angriff genommen werden mit der von Vizeb\u00fcrgermeister (Gries am Brenner) Helmut Gassebner vorgeschlagenen Verkehrsberuhigung im Dorfskern und der damit verbundenen Schaffung eines neuen Dorfplatzes. Der Verkehr k\u00f6nnte \u00f6stlich davon umgeleitet werden, der Platz \u2013 die neu geschaffene Mitte des Brenners auf zwei Staaten (!)- zwischen dem italienischen Zollhaus und der Polizeikaserne, k\u00f6nnte als Marktplatz und f\u00fcr Veranstaltungen genutzt werden.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eWahrscheinlich wird\u2019s aso sein&#8230; in 50 Jahre &#8230; des amol &#8230;wie Goldenes Dachl \u2013 Prognose wagen darf auf zwei Staaten&#8230; Veranstaltungen.\u201c \u201e 1\u201821 Mitschnitt 3 Gassebner<br \/> {mosimage}Viele denken mit. Einige diskutierten mit, w\u00e4hrend der Podiumsdiskussion mit Starg\u00e4sten am 4. Oktober. Mit dabei waren der Tiroler Landeshauptmannstellvertreter Ferdinand Eberle, SVP-Senatorin Helga Thaler-Ausserhofer, die B\u00fcrgermeister von Brenner, Christian Egartner, Gries am Brenner Helmut Gassebner und Franzensfeste Hans Wild (im Bild mit Mikrofon), der Tiroler Lichtk\u00fcnstler Dieter Bartenbach.<br \/> Die Suche nach z\u00fcndenden Ideen f\u00fcr eine wirtschaftlich rentable und politisch vertretbare, auf Konsens bauende L\u00f6sung hat erst begonnen. Ansatzweise wurden Vorschl\u00e4ge angedacht, die allerdings in einer fachkompetenten Runde vertieft werden sollen: vor allem Studentengarconieren in dem verkehrsm\u00e4ssig optimal angebundenen Dorf und ein Handelsplatz als Outlet-Variante.<br \/> {mosimage}Der Tiroler Landeshauptmannstellvertreter Ferdinand Eberle erinnerte daran, dass die Attraktivit\u00e4t des Brenners vor der Grenzziehung 1918 aus der Kombination Passh\u00f6he und Kurort erwuchs und dass es nun gelte, mittels einer professionellen Analyse zu ermitteln, welche Faktoren f\u00fcr den heutigen Brenner zukunftsweisend seien, ob Wirtschaften oder Wohnen. Jede formulierte Idee, jedes ausget\u00fcftelte Projekt m\u00fcsse auf die Konsensf\u00e4higkeit und die politische Machbarkeit hin evaluiert werden, und zwar auf Gemeindeebene genauso wie auf L\u00e4nderebene (Provinz S\u00fcdtirol und Land Tirol).<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eEs muss uns allen klar sein: Wenn wir hier eine d\u00f6rfliche Struktur erhalten wollen&#8230; entw. Zum Wirtschaften oder zum Wohnen interessant sein&#8230; attraktiv?\u201e 3\u201806-47 Mitschnitt 3 Eberle<\/p>\n<p> Der Mut zum raschen Handeln d\u00fcrfe aber nicht abhanden kommen, denn sollte keine Entscheidung in absehbarer Zeit gef\u00e4llt werden, sei der Brenner laut Eberle nicht mehr zu retten.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eWenn wir keine Entscheidung treffen, zugunsten keiner Projekte&#8230; Entsiedelung.\u201e 6\u201816-24 Mitschnitt 3 Eberle<br \/> {mosimage}Der Vorschlag von Hans Wild (im Bild ganz rechts), B\u00fcrgermeister von Franzensfeste, wurde heftig debattiert. Er stellt sich eine feingliedrige Outlet-Variante (Markenware der vorhergehenden Saison oder solche mit kleinen Fehlern zu einem stark reduzierten Preis) eines Einkaufortes vor, untergebracht in der bereits bestehenden historischen Bausubstanz am Pass. Eine derartige L\u00f6sung w\u00fcrde einerseits die Attraktivit\u00e4t des Orts steigern, andererseits die architektonischen Gegebenheiten in ein neues Licht r\u00fccken.<br \/> Wild verglich Brenner mit Franzensfeste, einem Dorf mit \u00e4hnlicher Entwicklung: Seit \u00d6sterreich 1993 zur EU kam wurden Arbeitspl\u00e4tze radikal wegrationalisiert, von 315 auf heutige 40 bei der Eisenbahn zum Beispiel. Die schlagartige Folge war die wirtschaftliche Katastrophe f\u00fcr alle Speditionsfirmen, f\u00fcr Zoll und Bahn. Auch hier gibt es seitdem \u00dcberlegungen, wie man die Attraktivit\u00e4t des Orts steigern kann. Seine Brenner-Hoffnungen w\u00fcrde er auf den Flair des Grenzmarktes setzen, denn der habe schlie\u00dflich den Brenner zu dem gemacht, was er heute ist.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eFr\u00fcher&#8230;hierher, erster gscheiter Kaffee, Mortadella, Kleidung&#8230; \u00f6sterr. Schokolade, Bananen usw. &#8230; dazu Geldwechsel&#8230; Brenner zu dem gemacht, was es geworden, gewesen ist. \u201e 3\u201824-4\u201900 Mitschnitt 3 Wild<br \/> {mosimage}Die Senatorin Helga Thaler Ausserhofer sprach sich daf\u00fcr aus, dass konsensf\u00e4hige L\u00f6sungsans\u00e4tze und Ideen von der Bev\u00f6lkerung kommen sollten. Dabei \u00e4u\u00dferte sie ganz klar ihre Bereitschaft, mit der Staatsverwaltung in Rom zu verhandeln, um die leer stehenden Geb\u00e4ude am Brenner sinnvoll n\u00fctzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eEs sollen die Ideen der Bev\u00f6lkerung kommen, was man mit diesen Geb\u00e4uden macht&#8230; Bereitschaft von D\u00e4manialverwaltung auf ital. Seite ist da, mit Gemeinde&#8230; diese Geb\u00e4ude einer Nutzung zuzufuehren&#8230;. zu sprechen.\u201e 1\u201819-1\u201856 Mitschnitt 3 Thaler-Ausserhofer<\/p>\n<p> Thaler Ausserhofer w\u00fcnschte sich eine politische Diskussion \u00fcber den Erhalt von historisch gewachsenen D\u00f6rfern und \u00fcber m\u00f6glichst umweltgerechte L\u00f6sungen. Sie war angetan von der Idee einer Unterkunftsst\u00e4tte f\u00fcr Studenten. Der Wohnort Brenner ist ein Ansatz, der ihrer Meinung nach unbedingt weiterentwickelt werden sollte. Die Faszination Brenner, das Aush\u00e4ngeschild der Gegend, sei schlie\u00dflich gerade ein Produkt der architektonischen Bauten, der Grenzlandschaft und des unwiderstehlichen Nord-S\u00fcd-Verbindungscharakters.<\/p>\n<p>   {mospagebreak heading=Grenzpfarre Brenner&#038;title=Herzensanliegen} <\/p>\n<h1>Brenner, ein Herzensanliegen des Kuratoriums<\/h1>\n<p> Der Brenner ist eine, wenn nicht DIE zentrale, Drehscheibe auf der Nord-S\u00fcd-Verbindungs- und Transitstrecke und geh\u00f6rt damit zum interregIII-Projekt \u201eTechnikkulturmeile Nord-S\u00fcd\u201c des Kuratoriums f\u00fcr technische Kulturg\u00fcter, das sich f\u00fcr die Erhaltung, Sanierung und Neunutzung von Orten, Ensembles und Objekten l\u00e4ngs der Fahrradtrasse Innsbruck-Trient einsetzt.<br \/>{mosimage} Die Zusammenschau Nord-S\u00fcd wird durch die enge Zusammenarbeit des Kuratoriums mit der Tiroler Wasserkraft AG und der Universit\u00e4t Innsbruck, Institut f\u00fcr Kunstgeschichte, erm\u00f6glicht. Das Kuratorium exponiert sich zwar mit Initiativen am Brenner, um die Diskussion um die Zukunft des Orts anzuregen, kann und will aber nicht eine Strukturentwicklung selbst vorantreiben, sondern ist \u00fcberzeugt, dass die Impulse weitgehend von innen her, von der interessierten Bev\u00f6lkerung kommen m\u00fcssen.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eDas Kuratorium ist ja kein Aktionskomitee&#8230; nicht Strukturentwicklung, von innen her Entfaltung&#8230; sich mit Leben f\u00fcllt.\u201e 0\u201852-1\u201911 Mitschnitt1<br \/> {mosimage}Um welche Geb\u00e4ude geht es nun? Was ist erhaltenswert? Mit Sicherheit das ex-ACI-Haus (Automobilclub) und das italienische und \u00f6sterreichische Zollhaus (im Bild rechts). Das Kuratorium plant in n\u00e4chster Zeit in Zusammenarbeit mit der Uni Innsbruck ein Bautenglossar herauszugeben, das eine Erhebung des historischen Bestands am Brenner und zugleich neue Diskussionsgrundlage sein will.<\/p>\n<p> Im Bild oben das alte Zollabfertigungsareal mit dem italienischen Zollhaus im Vordergrund, links Details des ex-ACI-Hauses au\u00dfen, unten recht Details innen und unten links typische Brenner Wohnh\u00e4user.<br \/> {mosimage}{mosimage}<br \/> Kulturpolitische Veranstaltungen wie jene im August 2002 und am 4. Oktober 2003 sind Aufmerksamkeitsmacher und Ideenschmiede f\u00fcr die Entwicklung von Visionen. Im Bild unten Wittfrieda Mitterer mit Hans Wild und Helga Thaler Ausserhofer. F\u00fcr das Kuratorium stehen die wertvollen historischen und architektonischen Eigenarten des Grenzorts, sein Potential als Verbindungsknoten zwischen Nord- und S\u00fcdtirol, zwischen italienisch- und deutschsprachigem Raum im Vordergrund.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eVor allen Dingen ist es dem Kuratorium ein Anliegen, &#8230; architekt. Kernensemble zu erhalten, entsprechend in ein globales Neunutzungsprojekt zu integrieren&#8230; einerlei, wichtig ist, feinmaschige Struktur und interess. Alltagsleben&#8230; mit neuer Lymphe beseelt wird.\u201e 0\u201843-1\u201829 Mitschnitt 2 Witti<br \/> {mosimage}<br \/>   {mospagebreak heading=Grenzpfarre Brenner&#038;title=Geschichte} <\/p>\n<h1>Brenner: ein geschichtlicher Abriss in Stichworten<\/h1>\n<p> 960-1530: Insgesamt 144 Mal \u00fcberqueren deutsche K\u00f6nige die Alpen auf ihrer Durchreise in den S\u00fcden, um sich vom Papst in Rom als Kaiser legitimieren zu lassen, davon w\u00e4hlen 66 die Route \u00fcber den Brennerpass.<\/p>\n<p> Der Brenner ist der niedrigste Alpen\u00fcbergang vom europ\u00e4ischen Norden in den europ\u00e4ischen S\u00fcden. \u00dcberquerungen sind seit der Bronzezeit dokumentiert, zuerst \u00fcber einen h\u00f6her gelegenen Saumpfad. Als die R\u00f6mer 15 v. Chr. ins Land kommen, sanieren sie als exzellente Stra\u00dfenbauer das vorgefundene Sumpfgebiet und bauen die erste Stra\u00dfe. Ab 200 n. Chr. ist die neue Heeresstra\u00dfe \u00fcber den Brenner Teil der via Claudia Augusta. Auf der alten R\u00f6merstra\u00dfe wird eine Holzkapelle gebaut, die bereits im 6. Jahrhundert genannt wird.<br \/> {mosimage}Idylle am Brenner: die St. Valentinskirche l\u00e4ngs der alten Brenner-Pass-Strasse vor 1919. Sie wurde erstmals 565 vom r\u00f6mischen Reiseschriftsteller Venantius Fortunatus erw\u00e4hnt. Urspr\u00fcnglich war sie eine romanische Kapelle, im Mittelalter wurde sie zur gotischen Kirche ausgebaut und sp\u00e4ter leicht barockisiert. (Bildnachweis: Privatarchiv G.Ennemoser)<br \/> {mosimage}Um 1000 kommt es am Brenner zu einer Dauersiedlung. 1221 hie\u00df die Siedlung noch \u201eOberes Mittewald\u201c. 1288 ist die Urkunde mit der ersten Brenner-Bezeichnung datiert.<br \/> Die Passstra\u00dfe wird bald zur Lebensader, sp\u00e4testens seit den Kreuzz\u00fcgen und seit dem bl\u00fchenden Handel im Mittelalter. Die Grafen von Tirol wissen dies auszun\u00fctzen und errichten hier eine Zollstation f\u00fcr den Warentransit.<br \/> 1867 wird die Brenner-Eisenbahn fertiggestellt, nach nur 4-j\u00e4hrer Bauzeit und mit 20.000 Arbeitern auf der Strecke. Die Bahn l\u00e4utet eine neue Epoche ein, das altes Transportgewerbe verschwindet.<br \/> Das n\u00e4chste wichtige Datum f\u00fcr den Brenner : 1918 \u2013 die Grenzziehung (im Bild oben das alte Zollabfertigungsh\u00e4uschen mit Schindeldach).<br \/> {mosimage}Die Einweihung des Grenzsteins am Brenner im Beisein von K\u00f6nig Viktor Emanuel III 1921. Auf dem Grenzstein ist zu lesen: \u201eIch trenne die Wasser und vereine die V\u00f6lker\u201c (Bildnachweis: Privatarchiv G.Ennemoser)<br \/> Kurioses aus der Brenner-Geschichte:<br \/> Die Wasserscheide Eisack-Sill: Ein altes Bild vom Brenner aus dem Jahr 1868, ein Jahr nach der Fertigstellung der Eisenbahn, zeigt die Wasserscheide am Dach des ehemaligen Hotel Post. Das nach S\u00fcden abflie\u00dfende Wasser flie\u00dft ins Adriatische Meer (\u00fcber Eisack und Etsch), das nach Norden abflie\u00dfende Wasser ins Schwarze Meer (\u00fcber Sill und Inn).<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eEin altes Bild vom Brenner&#8230; 1868 Bahnhof, ein Jahr nach der Bahn&#8230; Wasserscheide am Dach vom Hotel Post&#8230; Norden Schwarzes Meer, S\u00fcden&#8230; Adriatisches Meer&#8230; mit dem Eisack und mit der Etsch.\u201e 2\u201816-2\u201853 Ennemoser bei Kirchenf\u00fchrung<\/p>\n<p> Nach starken Regenf\u00e4llen ist der Eisackfall zum ersten Mal Mitte der 50er Jahre \u00fcbergeflossen, hat einen See gebildet und den darunter liegenden Friedhof verw\u00fcstet. Die Wassermengen haben dabei einige S\u00e4rge weggeschwemmt und zwar n\u00f6rdlich des Brenners: Zum ersten Mal ist der Eisack damit in den Inn geflossen. Damals witzelte man, dass Fl\u00fcsse ihre Zielnation trotz Grenze \u00e4ndern k\u00f6nnen.<br \/> {mosimage}Die \u201eMutter zum Guten Rat\u201c: eine kleine Kapelle entlang der St. Valentinsstra\u00dfe. Bis zum Faschismus war sie ein einfaches Bildst\u00f6ckl am Wegrand. Dann wurde dort eine Empore errichtet, um f\u00fcr den K\u00f6nig (1932-33) und sp\u00e4ter f\u00fcr Mussolini ein geeignetes Rednerpult zu schaffen. Das am Brenner stationierte Heer (in den 30er Jahren an die 5000 Alpini) war n\u00e4mlich von strategischer Bedeutung. Sp\u00e4ter blieb die Kapelle 50 Jahre lang geschlossen. Bei Aufr\u00e4umarbeiten von wenigen Jahren kamen Relikte aus dem 2. Weltkrieg zum Tageslicht, u.a. eine amerikanische Tragbahre. F\u00fcr viele war die Kapelle lange ein Dorn im Auge. Grenzpfarrer Senoner renovierte sie eigenh\u00e4ndig und \u00f6ffnete sie den Interessierten. Nachdem sie als Kapelle nirgends eingetragen war, fand er ihr den Namen, passend zur schwierigen Situation am Brenner, und lie\u00df sie im Ordinariat als Kapelle eintragen.<br \/> Auch Goethe war hier: Goethe w\u00e4hlte das Hotel Post auf der \u00f6sterreichischen Seite des Brenners als Einkehr. Er musste jedoch noch am selben Abend mit seinem Wagen weiterfahren, da der Wirt die Pferde dringend f\u00fcr seinen Heuwagen brauchte. Goethe fuhr bis nach Sterzing, wollte im Hotel Krone \u00fcbernachten, wurde allerdings nicht aufgenommen. So musste er \u2013 laut seinen Aufzeichnungen in der Italienischen Reise &#8211; bis nach Kollmann weiterziehen, wo er endlich ein Nachtquartier fand.<\/p>\n<p> O-Ton: \u201eDa gibt\u2019s noch ein Hotel Post&#8230; \u00f6sterr. Seite&#8230; Pferde f\u00fcr einen Heuwagen&#8230; am Abend wegfahren&#8230; sowieso nix&#8230; gezeichnet&#8230; Kutsche gesetzt &#8230; gegen Sterzing&#8230; neben Heine auch Goethe&#8230; Hotel Krone&#8230; haben ihn nicht aufgenommen.\u201e 3\u201837-4\u201937 Ennemoser bei F\u00fchrung<\/p>\n<p>   {mospagebreak heading=Grenzpfarre Brenner&#038;title=Grenzg\u00e4nge} <\/p>\n<h1>WENN GRENZEN AUSGEDIENT HABEN<\/h1>\n<p> {mosimage}<br \/> Mit Inkraftreten des Schengen-Abkommens haben Italien und \u00d6sterreich am 31. M\u00e4rz 1998 die Grenzkontrollen am Brenner aufgehoben. Die Zollh\u00e4user und die Polizei-Amtsr\u00e4ume rund um den Schlagbaum sind seitdem verwaist. Der Pass auf 1.372 Meter Seeh\u00f6he wurde mit dem Anschluss S\u00fcdtirols an Italien zum Grenz\u00fcbergang. Kurz vor Italiens Eintritt in den Zweiten Weltkrieg trafen sich hier die Diktatoren Hitler und Mussolini.<\/p>\n<p> Seine politische Symbolkraft und auch einen Gro\u00dfteil seiner wirtschaftlichen Bedeutung hat der Brenner inzwischen eingeb\u00fc\u00dft. Nach Abzug der &#8222;Grenzer&#8220; lebt in der Ortschaft nur noch eine Handvoll Menschen.<\/p>\n<p> Vom 30. August bis zum 01. September 2002 veranstaltete das Kuratorium f\u00fcr technische Kulturg\u00fcter in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Brenner Gossensass und der Gruppe &#8222;Lurx &#8211; Verein f\u00fcr Kunst und Kultur am Brenner&#8220; ein multimediales Kulturevent, wo K\u00fcnstler, Zeitzeugen und Historiker den Brenner mit seinen Zollh\u00e4usern, seinen Polizeistationen und seinem Grenzbahnhof noch einmal aufleben lie\u00dfen.<br \/> Geboten wurden Kunstaktionen, F\u00fchrungen, Zeitzeugenberichte, historische Filmeinspielungen, Musik, Information und Unterhaltung.{mosimage}<br \/> Brenner-Staatsstra\u00dfe vor dem Grenz\u00fcbergang auf italienischer Seite<br \/> Brenner-Staatsstra\u00dfe vor dem Grenz\u00fcbergang auf italienischer Seite<br \/> copyright: Peter Kaser<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allen Unkenrufen zum Trotz: Ein einziger langer Oktobertag am Brenner bewies, dass der Grenzort eine lebendige Rastst\u00e4tte ist, die soziale Akzente setzt. 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