Universität Innsbruck und Kuratorium arbeiten an den Bauaufnahmen der Brennerbahnbauten.

Südtirols historische Bahnarchitektur ist von hohem Gebrauchswert. Die vielfältige Nutzbarkeit hängt von einer pfleglichen Sanierung ab.

An die 40 Universitätsstudenten, aufgeteilt in 12 Arbeitsgruppen haben in diesen Tagen unter der Leitung von Horst Hambrusch und Tutoren ( Helmuth Trenkwalder, Florian Lüftenegger, Hansjörg Griesser) mit den Bauaufnahmen der historischen Bahnbauten auf der Brennerlinie zwischen Schelleberg und Bozen begonnen. Die Arbeiten werden Bestandteil der Gesamtuntersuchung sein, die anlässlich des Jubiläums 2007 der Brennerbahn anstehen. Die 1867 nach Plänen von Ing. Carl von Etzel erbaute Eisenbahn, die erstmals den Norden mit dem Süden über den niedrigsten Alpenpass, den Brenner, zusammenschloss, war damals eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Für die Hochbauten entwarf der für die k.u.k. Südbahn tätige Architekt Wilhelm von Flattich einen regelrechten Formenkanon, der je nach Bedeutung des Bahnhofs und des Ortes entsprechend dimensionierte Pläne und Detailornamente anbot. Die wiederkehrenden Gestaltungselemente und Volumen werden durch das Baumaterial, bodenständiger Granit aus Grasstein, noch unterstrichen. Von Flattich ist es zu verdanken, dass in Anlehnung an seine Hochbauten, auch die anderen Bahnbauten der Pustertaler und Vinschger Trasse eine einheitliche Sprache sprechen. Insbesondere die Brennerbahn weist ein bauliches Ensemble auf, das – so das Kuratorium- in seiner Geschlossenheit europaweit ein Unikat ist und absolut erhaltungswürdig ist.

Die engagierten Architekturstudenten aus den verschiedensten Teilen Tirols und Südtirols haben die letzten Herbsttage genutzt, um bei bester Witterung mit Messband, Schlauchwaage und Teleskoplatte, die Hochbauten detailgetreu zeichnerisch festzuhalten. Laut Prof. Hambrusch vom Insitut für Baugeschichte und Denkmalpflege von der Uni Innsbruck, sei die Entdeckung der angewandten einmaligen Handwerkstechniken faszinierend gewesen. Die bautechnischen Besonderheiten wie z.B. der Mauerwerksbau in antiker Mauertechnik, die Fugenteilung von grösster Präzision und Haltbarkeit, die Langlebigkeit der Holzkonstruktionen seien erst jetzt im Zuge der Bauanalysen bewusst geworden. Die Kombination zwischen Holz- und Stahlbau (die Gusseisen-Säulen am Bahnhof Franzensfeste und an vielen anderen Bahnhöfen) sind von beeindruckender Eleganz und Zeitlosigkeit. Die historische Bahnarchitektur ist baukünstlerisch gesehen von beispielhafter Einfachheit, geprägt durch handwerkliches Können und von organisatorischem Talent. Absicht des Architekten war es mittels der Stein- und Holzbauten, eine optimale Nutzung sowie höchste technische Funktionalität der Infrastrukturen bei sparsamsten Einsatz der Mittel zu garantieren. Laut Hambrusch sei beim Bahnbau erstmals auch die Eisenkonstruktion einbezogen worden. Davon zeugen die zahlreichen Wasserstationen und Stützelemente, die an den Perons eingesetzt, Transparenz und Offenheit gewährleisten. Die Stahlbauten wirken wie eine ornamentale Kulisse zwischen Bahnhofskörper und den auf den Geleisen ein- und ausfahrenden Zügen. Dank der Übersichtlichkeit und der raschen Orientierungsmöglichkeit für die Fahrgäste kann – was in modernen Bahnhöfen heute kaum mehr denkbar ist- auf die sinnlosen Piktogramme und Leitsysteme verzichtet werden. An den Eisenbahner-Wohnhäusern des italienischen Architekten Angiolo Mazzoni ist die Bauqualität und die Kontinuität der Bauerhaltung und deren positiven Auswirkungen auf den gegenwärtigen Bauzustand klar ablesbar. Beweis für das Erfolgsgeheimnis dieser einfachen Bauten ist, dass die Objekte auch an entlegenen Orten noch genutzt werden.

Parallel zur Dokumentation, an der derzeit gearbeitet wird, soll auch eine Arbeitsgruppe in beratender Funktion eingerichtet werden, die den einzelnen Gemeinden mit Leihbahnhöfen bei anstehenden Sanierungs- und Umbauarbeiten zur Seite steht und sie bei der Entscheidungsfindung kostenlos unterstützt. Die Initiative des Kuratoriums wird von der Uni Innsbruck und dem zuständigen Landesamt gemeinsam betrieben.

Damit soll gewährleistet werden, dass der Bahnhof wieder zu einem beliebten Ort der Begegnung und des Nahverkehrs wird und seiner infrastrukturellen Kennmerkmale nicht beraubt wird. Der Bahnhof soll mit seinem Wiedererkennungswert als Schauplatz des Geschehens und der Dienstleistung in den Mittelpunkt gerückt werden.