01. Die große Dolomitenstraße

01. Die große Dolomitenstraße

1909
Marmolata vom Duron-Tal aus gesehen, Gustav Seelos, 1855. Mischtechnik Die Marmolata wird nicht direkt von der Dolomitenstraße tangiert. Sie ist über Arabba gut erreichbar.

Die Große Dolomitenstraße, ein Meisterwerk der Straßenbaukunst des frühen 20. Jahrhunderts, schlängelt sich wie ein Band von Bozen über den Karerpass, Canazei und Cortina bis nach Toblach. Mit ihren 142 km Länge bildet sie das Rückgrat für die Erschließung des gesamten Dolomitenraumes. Zahlreiche Nebenstraßen zweigen von ihr ab und vernetzen das Gebiet zu einem gut ausgebauten Straßensystem, das sich über die Provinzen Bozen, Trient und Belluno erstreckt. Inama Südtirol erreicht man die Große Dolomitenstraße neben dem Eggental auch über Auer und San Lugano, durch das Tierser Tal, das Grödner Tal, das Villnößtal und das Gadertal. Mit ihren zahlreichen, über 2000 m hohen Pässen, die atemberaubende Ausblicke freigeben, zählt sie zu den schönsten Panorama-Gebirgsstraßen Europas.

DATEN

Sammlung: Bergstraßen
Bezirk: Salten-Schlern
Aktueller Zustand: betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich: Ja
Baubeginn: 1900
Inbetriebnahme: 13.09.1909
AuftraggeberIn: Dr. Theodor Christomannos und Albert Wachtler
Projektant/Erfinder: Ing. Vittorio de Dal Lago, Ing. Alfredo de Riccabona, Dr. Ing. Gualtiero Adami

Die Bergwelt der Dolomiten und ihre ladinischen Bewohner lebten bis ins 19. Jahrhundert in völliger Abgeschiedenheit. Erst gegen Ende dieses Jahrhunderts begannen die ersten Pioniere und einzelne Wissenschaftler, in die entlegenen Hochtäler vorzudringen. Ein Wendepunkt war das Jahr 1867, als die Eisenbahnlinie über den Brenner fertiggestellt wurde und damit ein neues Zeitalter des Reisens anbrach. Mit der Bahn kamen auch die ersten Touristen. Der rasch aufblühende Alpinismus machte die Dolomiten – die „bleichen Berge“ – weltweit bekannt. Doch waren es zunächst nur primitive, holprige Schotterstraßen, die zu den ladinischen Bauerndörfern führten, aus denen später weltberühmte Tourismuszentren erwachsen sollten. Die Dolomitenpässe selbst wurden damals fast ausschließlich von Einheimischen zu Fuß genutzt, um über die Berge hinweg in benachbarte Täler zu gelangen.

Dr. Theodor Christomannos und Albert Wachtler, die Vorsitzenden der Alpenvereinssektionen Meran und Bozen, erkannten früh die Zeichen der Zeit: Der rasch zunehmende Tourismus musste seine Ziele sicher und bequem erreichen können. Sie planten ein Straßenband, das von Vigo über das Pordoijoch und den Falzaregopass bis nach Cortina führte. Von dort aus sollte sich die Straße mit der Strada d‘Alemagna verbinden und weiter ins Pustertal hinausführen.

Doch zunächst galt es, die staatlichen Behörden sowie die betroffenen Dolomitengemeinden von der Notwendigkeit und dem Nutzen einer solchen Verkehrsverbindung zu überzeugen. Erst als die Donaumonarchie im Jahr 1897 ein Gesetz verabschiedete, das den Bau von Gebirgsstraßen gezielt förderte und auch eine klare Kostenaufteilung zwischen dem Staat und dem Land Tirol regelte, konnten die Pläne in die Tat umgesetzt werden. Im Jahr 1900 erfolgte schließlich der erste Spatenstich für dieses wegweisende Projekt.

Die Bauarbeiten wurden in drei Baulose unterteilt: Das erste Baulos führte von Canazei über das Pordoijoch nach Arabba, das zweite von Arabba nach Andraz mit einer Abzweigung über den Campolongopass nach Corvara, und das dritte Baulos erstreckte sich von Andraz über den Falzaregopass bis nach Cortina. Für jedes Baulos gab es einen verantwortlichen Ingenieur, der die enormen technischen Herausforderungen der alpinen Landschaft bewältigen musste. Es waren dies Ing. Vittorio de Dal Lago für das erste Baulos, Ing. Alfredo de Riccabona für das zweite und Ing. Gualtiero Adami für das dritte Baulos. In einer zehnjährigen Bauzeit, von 1900 bis 1909 verwirklichten mehr als tausend Arbeiter die Vision der Tourismus-Pioniere Theodor Christomannos und Albert Wachtler. Am 13. September 1909 feierte man die Eröffnung der anspruchsvollsten Teilstrecke über den Falzaregopass. Mit ihrer Fertigstellung war die Große Dolomitenstraße vollendet.

Die Verbindung von Bozen ins Fassatal war bereits vor dem Bau der Großen Dolomitenstraße fertiggestellt: Zunächst führte eine Straße durch das schmale, malerische Eggental bis nach Welschnofen, ab 1895 wurde sie über den Karerpass bis nach Vigo im Fassatal weitergeführt. Bei ihrer Eröffnung verfügte die Dolomitenstraße über eine geschotterte Fahrbahnbreite von durchschnittlich 5 m. Die Steigungen und Gefälle bewegten sich zwischen 7 und 7,5 %. Besonders beeindruckend war der Abschnitt zwischen Canazei und Cortina, der mit 99 Kehren das Herzstück der Strecke bildete.

Nach ihrer Fertigstellung wurde die Dolomitenstraße als Meisterwerk alpiner Straßenbaukunst gefeiert. Viele Jahre lang ermöglichte sie einen dichten und regelmäßigen Touristenverkehr. Doch schon vor dem Zweiten Weltkrieg, und vor allem in den Jahren danach, führte die Kombination aus zunehmender Verkehrsdichte, steigenden Fahrgeschwindigkeiten und der wachsenden Zahl an Fahrzeugen dazu, dass die Straße an ihre Belastungsgrenzen stieß. Trotz zwischenzeitlicher Fahrbahnerweiterungen auf bis zu sieben Metern kam es immer häufiger zu Staus und stockendem Verkehr.

Eng verbunden mit der Baugeschichte der Großen Dolomitenstraße und der touristischen Erschließung der Dolomiten ist das Grand Hotel Karersee im Gemeindegebiet von Welschnofen. Der Verein für Alpenhotels, gegründet vom Naturfreund Dr. Theodor Christomannos und weiteren finanzstarken Förderern, errichtete dieses weltberühmte Hotel inmitten unberührter Natur. Es wurde zum Symbol einer neuen Ära des Tourismus in den Dolomiten.

Die Hauptlinie Bozen-Canazei-Arabba-Cortina-Toblach, ohne Nebenzweige, beträgt 142 Kilometer. Zur Eröffnung hatte die Dolomitenstraße eine geschotterte Breite von durchschnittlich 5 Meter, Steigung und Gefälle zwischen 7 % und 7,5 % und 99 Kehren zwischen Canazei und Cortina.

Die Straße heute genügt in ihrer bestmöglichen Ausbauphase den Anforderungen des Autotourismus. Die Trassenführung führt, unverändert seit 1909, von Pass zu Pass. Die durchschnittliche Breite beträgt 6 bis 7 Meter, mit großzügiger Erweiterung in den Kehren, damit auch der Busverkehr die Strecke problemlos bewältigen kann. Die Straße ist ganzjährig offen.

Die Route der Großen Dolomitenstraße beginnt in Kardaun bei Bozen und führt zunächst durch das Eggental nach Welschnofen. Von dort geht es über den Karerpass ins Fassatal nach Vigo di Fassa und weiter über Campitello di Fassa und Canazei zum Pordoijoch, ins Herz der Dolomiten.

Ab dem Pordoijoch verläuft die Straße talwärts nach Arabba und Pieve di Livinallongo, ehe sie über den Falzaregopass Cortina d’Ampezzo erreicht. Hier teilt sich die Strecke: Eine Variante führt nördlich um den Pomagagnon über Ospitale, die andere über den Tre-CrociPass. Beide Routen treffen in Schluderbach wieder zusammen. Von dort verläuft die Straße durch das wildromantische Höhlensteintal nach Toblach ins Pustertal.

Zahlreiche Nebenstraßen erschließen die umliegenden Täler und Berggruppen: Von Canazei gelangt man über das Sellajoch ins Grödner Tal, von Arabba über den Campolongopass nach Corvara im Gadertal und bei Andraz über den Valparola-Pass nach St. Kassian. Zudem sind landschaftlich eindrucksvolle Umrundungen von Gebirgsstöcken möglich, etwa um den Sellastock über Sellajoch, Grödner Joch, Campolongopass und Pordoijoch, oder um den Monte Cristallo.

1860 – Bau der Eggentaler-Straße

1895 – Weiterführung der Eggentaler-Straße über den Karerpass nach Vigo di Fassa

1900 – Beginn der Arbeiten an der Dolomitenstraße

13.09.1909 – Einweihung der Strecke über den Falzaregopass, Vollendung der gesamten großen Dolomitenstraße, Meisterwerk alpiner Strassenbaukunst

Die große Dolomitenstraße 1909-1959
AutorIn: „50 Jahre Dolomitenstraße“
Verlag: Manfrini
Erscheinungsort: Bozen
Erscheinungdatum: 1959

Die große Dolomitenstraße: von Bozen über Canazei und Cortina nach Toblach
AutorIn: Sepp Schnürer
Verlag: BLV
Erscheinungdatum: 1991