04. Die Timmelsjoch-Hochalpenstraße

04. Die Timmelsjoch-Hochalpenstraße

1959
Der Passübergang wurde bereits 1241 als „Thymels“ urkundlich erwähnt.

Eine Panoramastraße mit Geschichte
Die Timmelsjochstraße führt vom Passeiertal über St. Leonhard, weiter nach Moos über das Timmelsjoch, von dort hinunter in das Ötztal nach Hochgurgl, Obergurgl, Sölden und Längenfeld ins Inntal. Die international bekannte Hochalpenstraße fasziniert durch ihre fantastische Landschaft und ihre überwältigende Trassenführung. Nicht zu vergessen ist aber die eindrucksvolle Geschichte dieses Straßenprojektes, die düstere Vergangenheit und das zähe Bemühen einiger Weniger, welche mit der Timmelsjochstraße eine Verbindung zwischen dem geteilten Land Tirol schaffen wollten. Der Bau der Timmelsjochstraße war einer der ersten großen Höhepunkte der gewaltigen Straßenbauleistungen Tirols. Seit September 1968 steht im Sommer eine landschaftlich einmalige und zudem sehr kurze Verbindung zwischen dem Passeiertal und dem Ötztal zur Verfügung. Mehr und mehr wurde die Straße zu einer beliebten Ausflugsroute für Autofahrer und Urlauber.

DATEN

Sammlung: Bergstraßen
Bezirk: Burggrafenamt
Aktueller Zustand: betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich: Ja
Baubeginn: 02.11.1955
Inbetriebnahme: 17.07.1959
AuftraggeberIn: Land Tirol (Österreich) und Land Südtirol (Italien)

Der uralte Pfad über das Timmelsjoch war einer jener vielen Jochwege, die in Tirol einen nachbarschaftlichen Wirtschaftsverkehr ermöglichten und von größter sozialer Bedeutung waren – auch in kultureller, politischer und religiöser Hinsicht. Das Timmelsjoch ist die tiefste unvergletscherte Kerbe im Alpenhauptkamm zwischen dem Reschenpass und dem Brenner. Seit Jahrhunderten wurde dieser Übergang als Verbindung zwischen dem Passeiertal in Südtirol und dem Ötztal in Nordtirol genutzt. Der Weg führte von Meran, der einstigen Landeshauptstadt, ins Passeiertal. In St. Leonhard teilte sich die Route: Der eine Weg führte weiter nach Moos in Passeier und über das Timmelsjoch hinab ins Ötztal, nach Hochgurgl, Obergurgl, Sölden und Längenfeld bis ins Inntal; der andere verlief über den Jaufenpass hinunter ins wohlhabende Sterzing, wo er in die große Brennerstraße mündete. Die Verkehrsfrequenz über diese Jö-cher war stark von der Almwirtschaft geprägt, insbesondere durch den Schaf- und Rindertrieb, wurde aber auch stark durch Pilgerfahrten und den Zustrom zu den Wallfahrtskirchen bestimmt.

Bereits 1844 nahm man am Timmelsjoch erste Höhenmessungen vor. In den folgenden Jahrzehnten nahm der Gedanke an einen Straßenbau ins Ötztal immer mehr Gestalt an. Tirol erholte sich langsam von der Armut, die auf die napoleonischen Kriege gefolgt war. Doch auch die träge Wirtschafts-, Verkehrs- und Kulturpolitik jener Zeit trug maßgeblich zur Notlage der Tiroler Bevölkerung bei. Erst als in Meran der Kurbetrieb aufkam und die Anfänge des Fremdenverkehrs sichtbar wurden, zeichnete sich ein Wandel ab. Dem Land stand eine Epoche des Straßen- und Eisenbahnbaus bevor: 1824 wurde die Arlbergstraße eröffnet, 1825 folgte der Bau der Stilfser-Joch-Straße – ein technisches Wunderwerk, das weltweit Bewunderung fand. Der Verkehr gewann im gesamten Alpenraum zunehmend an Bedeutung.

1897 beschloss der Tiroler Landtag ein umfassendes Straßenbauprogramm, das den Ausbau oder die Neuanlage von 19 Straßen vorsah. Auch die Straße über das Timmelsjoch fand Eingang in diese Liste, wurde jedoch nicht weiter projektiert, da man dem Bau einer Straße über den Jaufenpass den Vorzug gab. Der Erste Weltkrieg und die politischen Folgen machten sämtliche Pläne für einen Straßenbau über das Timmelsjoch zunichte. Das Joch wurde nun zur Staatsgrenze – und diese Grenze gewann zunehmend an politischer Schärfe.

Für den Fall eines möglichen Einmarsches in Tirol wurde 1933 eine rein militärisch konzipierte Straße vom Süden bis zum Timmelsjoch gebaut. Der militärische Zweck dieser Straße ist bis heute in der Streckenführung erkennbar: Sie war hervorragend trassiert und gegen Lawinen sowie gegen Artillerie- und MG-Beschuss gesichert. Am Tag des Treffens zwischen Hitler und Mussolini am Brenner, 1939, stellte Rom den Bau abrupt ein. Zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland sollte bewusst keine militärisch relevante Grenze mehr bestehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1945, wurde das Timmelsjoch erneut zu einer offenen Grenze. Für Tausende deutsche Soldaten wurde es zur Heimkehrerroute – doch viele fanden auf dem harten Marsch über das Joch den Tod durch Erschöpfung und Kälte. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg blühte zudem der Schmuggelverkehr über das Timmelsjoch und andere weniger bekannte und bewachte Übergänge.

Einer der großen Pioniere des Ötztals war Angelus Scheiber. Der ehemalige Kaiserschütze an der Tiroler Front und Heerskilehrer wurde später erfolgreicher Rennläufer und Hotelier. Mit ganzer Leidenschaft setzte er sich für den Bau einer Straße über das Timmelsjoch ein. Doch nach den Kriegsjahren waren die Menschen vor allem mit dem Wiederaufbau der Zerstörungen beschäftigt und wünschten sich vor allem Stabilität und eine ruhige Entwicklung. Am 17. November 1954 beschloss der Tiroler Landtag die Gründung einer „Studiengesellschaft Timmelsjoch“. Zudem einigte man sich darauf, mit Italien über einen weiteren Passübergang über das Timmelsjoch zu verhandeln und gemeinsam mit den Südtiroler Behörden eine technische Rahmenplanung zu erarbeiten. Die Debatte über das Projekt war stark von der historischen Situation, der politischen Teilung Tirols und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft geprägt.

Am 10. August 1955 beschloss der Tiroler Landtag die Beteiligung des

Landes Tirol an der zu gründenden „Timmelsjoch-HochalpenstraßenAktiengesellschaft“, zusammen mit dem Bund und den interessierten

Gemeinden. Am 20. August 1955 wurde diese Sondergesellschaft in Obergurgl aus der Taufe gehoben – die erste ihrer Art. Nur wenige Monate später, am 2. November 1955, erfolgte der symbolische erste Spatenstich für den Bau der Straße von Obergurgl bis zum Timmelsjoch. Die Bauausführung übernahm die Firma STU AG. Die extreme Höhenlage machte eine Bauzeit nur zwischen Mai und November möglich. Die Erschließung der Baustelle stellte eine enorme Herausforderung dar: Die Zufahrtswege waren sehr eng, viele Brücken konnten die schweren Baumaschinen nicht tragen. So mussten diese Geräte zerlegt, einzeln über schwieriges Gelände transportiert und vor Ort wieder zusammengebaut werden.

Am 29. August 1960 erfolgte die Kollaudierung der Timmelsjochstraße. Bereits am 17. Juli 1959 konnte die Straße auf österreichischer Seite feierlich eröffnet werden. Auf italienischer Seite begann man zeitgleich mit dem Ausbau der zum Teil verfallenen Militärstraße.

Erst am 15. September 1968 war auch dieser Abschnitt fertiggestellt, womit der durchgehende Verkehr über das Timmelsjoch möglich wurde. Mit den Jahren entwickelte sich die Timmelsjochstraße zu einer der beliebtesten Ausflugsrouten für Autofahrer und Motorradfahrer, für Einheimische wie für Gäste dies und jenseits des Passes.

Die international bekannte Hochalpenstraße begeistert durch ihre eindrucksvolle Trassenführung und das atemberaubende Panorama, das sich dem Reisenden auf beiden Seiten des Alpenhauptkamms bietet. Zahlreiche, gut ausgebaute Wanderwege führen von der Straße aus hinein in die stille, ursprüngliche Natur der Ötztaler Berge. Doch bei aller landschaftlichen Schönheit sollte man auch die eindrucksvolle, düstere Geschichte dieser Straße nicht vergessen – eine Geschichte voller Hindernisse, gezeichnet von Krieg und politischen Spannungen. Letztlich war es das zähe Ringen einiger weniger Idealisten, die mit der Timmelsjochstraße nicht nur einen Verkehrsweg, sondern ein verbindendes Band zwischen dem geteilten Land Tirol schaffen wollten.

Wegbeschreibung
Von Südtirol aus beginnt die Fahrt in Meran durch das Passeiertal nach St. Leonhard, weiter nach Moos, hinauf auf das 2509 m hohe Timmelsjoch.
Von Nordtirol beginnend führt der Weg von der Autobahnabfahrt Ötztal/Haiming durch Oetz, Längenfeld und Sölden bis nach Zwieselstein. Von hier aus steigt die Passstraße hinauf bis zum Timmelsjoch.
Die Timmelsjoch-Hochalpenstraße ist mautpflichtig und nur in den Sommermonaten geöffnet.
Ab Moos in Passeier Fahrverbot für Fahrzeuge mit einem Höchstgewicht von 3,5 t, einer Höchstbreite von 2,20 m und einer Höchsthöhe von 3,00 m. Bus- und Anhängerverbot.

1241
– Das Timmelsjoch wurde in einem Brief der Grafen von Eschenlohe erstmals urkundlich erwähnt (Thymelsjoch)

1897
– Der Tiroler Landtag beschießt ein Bauprogramm für 19 Straßen, die Timmelsjochstraße wird auch angeführt

1933
– Benito Mussolini lässt eine Militärstraße bis zum Timmelsjoch bauen, sechs jahre später wird der Bau eingestellt.

1954
– 17. November: Der Tiroler Landtag beschließt die Weiterführung der Ötztaler Straße von Obergurgl bis zum Joch

1955
– 2. November: Spatenstich der neuen Straße auf österreichischer Seite

1959
– 17. Juli: Eröffnung der Hochalpenstraße auf der Ötztaler Seite

1968
– 15. September: Auch die italienische Seite ist befahrbar, der Durchzugsverkehr von Passeier ins Ötztal ist möglich

30 Jahre Timmelsjoch-Hochalpenstraße
Herausgeber/Zeitschrift: Timmelsjoch-Hochalpenstraßen Ag
Verlag: Tyrolia
Erscheinungsort: Innsbruck