71. Die Überetscher Bahn
Die Überetscher Bahn – später liebevoll als „Kalterer Bahnl“ oder „Läpsbahnl“ bezeichnet – nahm ihren Ausgangspunkt am Bozner Südbahnhof, nutzte zunächst die Gleise der Bozen–Meraner Bahn und führte ab Sigmundskron auf eigener Trasse durch die sanften Überetscher Weinhänge über Girlan und Eppan bis nach Kaltern.
DATEN
Trotz wirtschaftlicher Flaute forderten die Bevölkerung des Überetsch und der Kalterer Bürgermeister Andrä Freiherr Di Pauli – unterstützt vom bahnerfahrenen Sigismund Schwarz vom Bozner Bankhaus E. Schwarz’ Söhne – lautstark einen zeitgemäßen Verkehrsausbau für den Wein- und Obstexport. In der Euphorie der Eisenbahngründerzeit sollten zugleich die reizvollen Landschaften des Überetsch touristisch erschlossen werden. Ein meteorologisches Intermezzo – ein Erdrutsch hatte den neuen Bahndamm teilweise zerstört – konnte dem Projekt nichts anhaben: Der Bau konnte dennoch erfolgreich abgeschlossen werden. Die feierliche Eröffnung der Strecke am 15. Dezember 1898 nach einer Bauzeit von zweieinhalb Jahren fiel zusammen mit dem Jubiläumsjahr zum 50. Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Josef.
Die Überetscher Bahn war von Beginn an mit einem „Standbein“ und einem „Spielbein“ konzipiert: Das „Spielbein“ war der Fremdenverkehr – aus den Gewinnüberschüssen der Bahn konnte bereits 1903 die Mendelbahn finanziert werden, ein Erfolgsmodell einer Touristenbahn nach Schweizer Vorbild. Möglich war das, weil das „Standbein“ – der Frachtverkehr – wirtschaftlich stark genug war. Denn dank der transportierten Agrargüter stand die Bahn buchstäblich auf festem Grund. Vor dem Bahnbau entsprachen die für den Gütertransport in Eppan und Kaltern eingesetzten Fuhrwerke einem Tross von immerhin 398 Pferden. Man konnte sich also leicht ausrechnen, welche Transportmengen zu bewältigen waren – und mit welchen Einnahmen man rechnen konnte.
Die 15 km lange Überetscher Bahn führte sinnbildlich in den „Garten Gottes“. Die leicht verderblichen Obst-, Wein- und Maischeexporte wurden direkt in den Erzeugergebieten verladen und über diese vollspurige Nebenbahn mit nahtlosem Anschluss an das überregionale Bahnnetz in alle Welt befördert.
Beim Bahnhof Kaltern stellte eine 2,2 km lange Adhäsionsbahn die Verbindung zur 1903 eröffneten Standseilbahn auf die Mendel her. Diese lückenlose Bahnverbindung von Wien bis auf den Mendelpass wurde unter anderem auch von Kaiserin Elisabeth von Österreich – bekannt als Sissi – genutzt.









