Angemahnt wird die Rückbesinnung auf Südtirols ureigenes Kreativitätspotential. Dank der Alltagsschönheit von Natur und Landschaft samt historischer Bauten und technischer Denkmäler konnten in der Vergangenheit auch schwere Zeiten überbrückt werden. Nach einführenden Worten von Kuratoriums-Präsident Klaus Kemenater erstatten dann bei der Vollversammlung am vergagenen 6. Juli 04 Witty Mitterer und Elisabeth Baumgartner Bericht über die von besonders erfolgreichen und spektakulären Höhepunkten wie dem E-Werks-Konzert ?Die Nacht der Soprane? (15.11.03, Etschwerke Kardaun) gekennzeichnete Tätigkeit im Arbeitsjahr 2003 und erläuterten das Programm 2004. Mit innovativen Veranstaltungsinitiativen sei es dem Kuratorium immer wieder gelungen, für die besonders weitgespannte Technikkultur und Technikgeschichte des Landes an vielen spannenden Technik-Schauplätzen zu sensibilisieren, unterstrich Mitterer. Auf diese Weise konnte auch in historisch sensiblen Bereichen eine Öffentlichkeit geschaffen – beziehungsweise konnten auch jene technischen Denkmäler und Zeitzeugnisse der Alltagskultur ins Bewusstsein gerückt werden, die aus weitgehend in Vergessenheit geratenen Epochen wie Alt-Österreich oder aus politisch belasteten Regime-Zeiten wie des Faschismus stammen. Als Beispiele nannte Mitterer den Einsatz des Kuratoriums für Südtirols Bahnhöfe oder am Brenner, wo das Kernsensemble rund um den ehemaligen Schlagbaum ? im Gedenken an die Grenze von 1918 und an das Europa der Grenzen ? inzwischen ein Unikat darstellt. Am Brenner wurden die historisch markanten Bauwerke dieses Grenzensembles mittels Bauaufnahmen und fotografischen Bestandsaufnahmen für ein Bautenglossar der Universität Innsbruck, Institut für Baugeschichte, in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium dokumentiert. Die Dokumentation sollte dazu beitragen, am Brenner Alt und Neu zu integrieren ? statt vereinzelt leider bereits angelaufener Abbrucharbeiten ohne wohlüberlegtes Konzept. Die kreative Einbeziehung von typischen Bauten und Zeitzeugnissen der Grenze stößt inzwischen nämlich auch deshalb auf Zustimmung, weil sie der EU-geförderten Neubelebung des Brenner ein unverwechselbares Markenzeichen verleihen würde. Zu den Folgeinitiativen zählen die Einladung des Regierungskommissariats zum gemeinsamen Gespräch (Gemeinde, Uni Innsbruck/Kuratorium, Denkmalamt) oder ein Interreg-Projekt der TH Stuttgart (?Höhen-Kulturort Brenner?, Projektstart 25.-28.9.04, Prof. Arch. Andreas G. Hempel). Die Erhebung der historischen Bahnhöfe in Südtirol (Arch. A.G.Hempel im Auftrag des Kuratoriums) ist nunmehr durch eine umfassende Erhebung aller Bahnhofsbauten der Brennerbahn vervollständigt worden. Diese wird am 13. Juli 2004 der Südtiroler Landesregierung offiziell überreicht. Bereits die erste Bahnhofs-Dokumentation vom 14.11.03 wurde der Arbeitsgruppe des Landes für die Neunutzung historischer Bahnhöfe vom Kuratorium aus ideellen Gründen ? damals in Zusammenhang mit der Aktion ?Leihbahnhöfe? ? zur Verfügung gestellt. Die umfassenden Erhebungen in Wort und Bild mit Ist-Zustand, Bauanalyse und Nutzungsvorschlägen waren mit eine Grundlage für die Unterschutzstellung von 48 Bahnhofsbauten, verwies Mitterer auf anerkennende Worte von Landeskonservator H. Stampfer, nachdem die Landesregierung den Antrag des Denkmalamtes mit zusätzlichen Begründungen dann doch angenommen hatte. Mit Blick auf die an der Brennerstrecke anstehenden Umwälzungen (Brennerbasistunnel und Zulaufstrecken, Pläne zur Neugestaltung des Bozner Bahnhofsareals, geplanter Radweg Bozen-Brenner) wurden hier nicht nur alle in Betrieb stehenden Bahnhöfe, sondern auch stillgelegte, abgebrochene sowie einzelne neuerrichteten Klein- und Kleinstbahnhöfe erhoben und dokumentiert. Südtirol besitzt nach Worten von Arch. Hempel mit Brennerbahn und Pustertalbahn, der noch älteren Südtiroler Bahn (Verona)-Salurn-Bozen, Bozen-Meraner-Bahn und Vinschgaubahn ?ein in dieser Geschlossenheit weltweit absolut einmaliges historisches Bahnhofs-Ensemble !? Auch in Sachen Erhaltung und Neunutzung historischer Bahnhofsbauten will das Kuratorium neue Wege gehen. Als erstes Fallbeispiel soll jetzt in Klausen in Zusammenarbeit mit der Stadtgemeinde ein Demonstrationsmodell entwickelt werden, das im Umgang mit historischer Bausubstanz und deren Nutzung neue Möglichkeiten aufzeigt. Weitere Schwerpunkte im Programm 2004 wurden initiiert und abgewickelt: ? 800 Besucher in den historischen Kraftwerken Kardaun und Töll (Etschwerke), ?Schüler führen Schüler; ? ENEL-Kraftwerk Kardaun, erstmalige Öffnung und großer Erfolg des vom Kuratorium veranstalteten Zeitzeugenabends, eine Fotodokumentation der Großkraftwerke der Fotografendynastie Pedrotti wird folgen. ? Erstes Technikdenkmal in Südtirol, Neuaufstellung und Einweihung einer Edison-Turbine in Bozen-Oberau, nach Restaurierung durch die Gewerbeoberschule ITI Bozen. Eine Publikationsreihe mit Athesia zu den Themen: Bautenglossar Brenner, Südtirols historische Bahnhöfe, Turbine als Landmarke und ein Katalog zur Pedrotti-Ausstellung ist in Vorbereitung. Aktuell zu Wort gemeldet hat sich das Kuratorium auch zur Rettung der altösterreichischen Strassenlaternen an der Bozner Wassermauerpromenade, wo auch das noch nicht entfernte lupenreine Originalensemble durch ortsfremde Imitate ersetzt werden sollte. Die Gemeinde Bozen hat sich inzwischen zur Zusammenarbeit bereit erklärt. Das Kuratorium setzt erneut auf ein Schülerprojekt ? diesmal in Zusammenarbeit mit den Gewerbeoberschulen deutscher und italienischer Muttersprache, mit Restaurierung, Projekt-Workshop und feierlicher Übergabe zu Weihnachten. Neue Projekte sind außerdem die Digitalisierung historischer Kraftwerkspläne (ehemaliger Fundus des Staatsbauamtes Genio Civile) sowie das Interreg-Projekt zum Aufbau einer zeitgeschichtlichen Dokumentationsstelle in Zusammenarbeit mit dem Amt für Audiovisuelle Medien, Landesbildselle Tirol sowie Universität Innsbruck/Institut für Baugeschichte. Spontanen Applaus gab es für die Mitteilung des Präsidenten Kemenater, dass sich für den Bahnhof Bruneck nun doch eine Lösung abzeichnet, die den Abbruch abwenden könnte. Abschliessend hat Elisabeth Baumgartner die notwendige Rückbesinnung auf Südtirols ureigenes Kreativitätspotential angemahnt. Dank der Alltagsschönheit von Natur und Landschaft samt historischer Bauten und technischer Denkmäler konnten in der Vergangenheit auch schwere Zeiten überbrückt werden. Ein sensibler Umgang mit diesen Ressourcen, die gewissermassen die kulturellen Wurzeln Südtirols sind, sei dringend notwendig. Den Leuten im Lande müssen die Augen für das hohe Potential an Landschaft und Eigenkreativität geöffnet werden. Nicht mitgetragen werden können die Verbauung der letzten Mäander des Eisacks im Zuge geplanter E-Werks-Projekte oder andere Eingriffe in die Landschaft, die offensichtlich wohl nur mehr über sogenannte „“Erlebnispfade““ (insgesamt sind 22 Planungsphase) betreten werden soll. Unter dem Motto „“weniger Geld- mehr Kreativität““ sollte vielmehr ein Wertewandel einkehren, bei dem das Gleichgewicht zwischen Liebe zur eigenen Umwelt und Landschaft und Umnutzungen oder Neuplanungen wieder hergestellt werden muss, so Baumgartner. Einen besonderen Dank für seine Gastfreundschaft richtete Präsident Kemenater an Kuratoriumsfreund Karl Nicolussi Leck, der den Versammelten bei der Kugel in Hochfrangart vor strömendem Regen Schutz und Schirm gewährt hat. Die von den Rechnungsprüfern eingehend geprüfte Finanzgebarung 2003 wurde der Versammlung von Martin Christoph v. Tschurtschenthaler zur Kenntnis gebracht. Die Versammlung nahm den Bericht zur Rechnungslegung zur Kenntnis und erteilt dem Vorstand mittels Zustimmung die Entlastung.