Der Brenner hat als kollektiver Gedächtnisort ein Recht auf einen würdigen Fortbestand.

Dank der grossen Nachfrage soll die in Innsbruck gezeigte Ausstellung (Grenze) Brenner Pass auch nach Bozen kommen.
Wie sehr der Brenner als Gedächtnisort aber auch als Ort der kollektiven Erinnerung in der Öffentlichkeit verankert ist, kam gestern während der Ausstellungs-Finissage von (Grenze) Brenner Pass zum Ausdruck. Im vollbesetzten Saal im Adambräu in Innsbruck, dem neuen Architekturarchiv der Baufakultät, folgten Besucher aus Süd-, Nordtirol und dem Raum Bayern der Rückblende und Vorschau von Nationalratspräsident Andreas Khol, der mit dem Brenner sehr persönliche Erfahrungen verbindet, sowie den spannenden Darstellungen des historischen und politischen Brenners von Michael Gehler, Zeitgeschichtler an der Uni Innsbruck. Einleitend ging Gehler auf die Vernetzung des „Dauerbrenners“ Brenner mit dem historischen Symbol für Tirol ein, um dann vertiefend mit pointierten wie unabhängigen Urteilen den Gedächtnis- und Erinnerungsort im Sinne Pierre Noras „lieux de mémoire“ scharf zu stellen. Den Gedächtnisort Brenner definierte Gehler als einen geographischen Raum, der semiotisiert wird. Dabei werde der Ort mit den für ein kollektives Gedächtnis wichtigen Symbolen aufgeladen, die positive oder negative Wertung aufweisen. Die Italiener würden mit dem Brenner durchaus den Gewinn, den wirtschaftlichen Erfolg und die geografische Vernetzung assoziieren, während die deutschsprachige Bevölkerung Verlust, Abriegelung, Trennung empfinde. Gedächtnisorte sind nicht nur an einen Raum, einen Zeitabschnitt und einen eingegrenzten Personenkreis gebunden, sondern sie überschreiten diese und sind oft historische Verlängerung in die Zukunft. Gehler stellte auch Vergleiche an mit anderen Gedächtnisorten so das Siegesdenkmal in Bozen oder das Berg Isel Denkmal in Innsbruck. Die Ausstellung (Grenze)- Brenner Pass trage zur Schaffung eines neuen offenen Bewusstseins für Stätten kollektiver Erinnerung bei, dem sich auch bisher nicht verbundene gesellschaftliche Gruppierungen zu nähern beginnen, stellte Gehler fest. Kuratorium und Architekturarchiv haben mit der Dokumentation und Erfassung des architektonischen Kernensembles wesentlich dazu beigetragen, dass ein bislang unaufgearbeitetes Thema endlich aus einem neuen Blickwinkel betrachtet wird. Für Nationalratspräsident Khol habe der Brenner nach wie vor fast traumatische Bedeutung. In Gossensaß, wenige Kilometer vor dem Brenner erlebte er in einem Bunker in der Nähe des Platzhofes das Kriegsende und die vorrückenden amerikanischen Panzer. Nachdem der aus Südtirol ausgewiesener Vater 1946 schwarz über die Grenze gegangen war, wurden ein Jahr später die Schwester und er selbst von den Carabinieri den österreichischen Gendarmen im Niemandsland dem auf der anderen Seite wartenden Vater übergeben. Khol erinnerte sich auch an die später legendären Fahrten zum Brennermarkt: „Brennerpatschen“, „Cacciatori“, Riesenpfirsiche, Krawatten, Pullover, Doppelliter Rotwein, später das Visum nach den Ereignissen der 60-er Jahre. „Heute ist alles nur mehr Erinnerung – die Europäische Union hat den Brenner entzaubert, dem Brenner seine Bedeutung genommen, in einer neuen europäischen Landeseinheit, und das ist gut so“, brachte Khol den Ist-Zustand auf den Punkt. Die gut besuchte Ausstellung (Grenze) Brenner-Pass hat in Innsbruck jetzt ihre Tore geschlossen, aber nicht für immer. Die Schau, die in ihrem Ausstellungsparcours ausstrahlungsstark den Brenner an der Kaiserstrasse bis hin zum Wirtschaftseldorado in den Siebzigerjahren und dem Grenzrückbau nach Schengen beleuchtet, wird bereits Ende März in Bozen auf zahlreiche Anfragen hin erneut Besucherpublikum anzulocken. Dies kündigte während der Begrüssung zu Beginn der Finissage Rainer Graefe vom Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege an. Mit der Veranstaltung, durch die Wittfrida Mitterer vom Südtiroler Kuratorium für technische Kulturgüter geführt hatte, wurde nochmals, auch anhand von historischem Filmmaterial aus dem römischen Filmarchiv „Istituto Luce“ und dem amerikanischen Kriegsarchiv von College Park eine thematische Vertiefung geboten.