Bahnhof Brennerbad
Brennerbad war vor der Annexion Südtirols durch Italien ein europaweit renommierter und auch von höchsten Herrschaften gerne besuchter Höhenkurort mit einem exklusiven Grandhotel und den bekanntesten Thermalquellen des Eisacktales. Alte Fotos künden vom Glanz vergangener, höchst kultivierter Zeiten.
Wer heute die Brennerautobahn benutzt, rast sowieso abgehoben an allem vorbei. Im Zug verschwindet man im Dunkel des neuen Pflerscher Tunnels, kaum daß man seine Augen an das Licht südlich des Brenners gewöhnt hat. Der Reisende hätte aber trotzdem noch kurz erblicken können, was der Benutzer der Brennerstraße unweigerlich zu Gesicht bekommt:
die trostlose Ödnis einer verkehrsgeplagten, verfallenden Siedlung inmitten herrlicher Alpenlandschaft. Brennerbad ist ein Unort geworden, touristische Attraktionen fehlen völlig – Ruhe wäre eine davon und schon alleine daran ist nicht mehr zu denken.
Es kann nicht allein die Aufgabe des Landes Südtirol sein, dem wichtigsten Eingangstor zu Lande nach Italien, dem Brenner mit dem Brennerbad zusammen einen neuen Inhalt, eine neue Zukunft und eine neue Gestalt zu geben – es wäre eine Aufgabe beider Tirols, eine nationale Aufgabe für Italien und Österreich, aber auch eine europäische Aufgabe, diesem geschichtsträchtigen Alpenübergang im Herzen Europas ein würdiges Erscheinungsbild zurückzugeben. Was sich die italienische Staatsbahn am Eingang des neuen Pflerschtunnels in diesem Zusammenhang an Ungestalt geleistet hat, kann sicher kein Vorbild sein. Staatsbauten sollten Vorbildcharakter haben – hier ist ein denkbar abschreckendes Beispiel mitten in der schönsten Natur zu besichtigen. Mit dem selben Kostenaufwand aber mit zusätzlichen Ideen und Kreativität hätte dem Beispiel der Erbauer der Brennerbahn vor 140 Jahren gefolgt werden können um auch in unserer Zeit gültige und beispielhafte Lösungen für Technik- und Verkehrsbauten in den Alpen zu entwickeln. Dies Ergebnis am Brennerbad ist – gelinde gesagt – ein Schande für Italien.
Für den so devastierten und verunstalteten Ortsteil Brennerbad erscheint jetzt eine zukunftsfähige Umnutzung besonders schwierig. Vielleicht ist sie nur landschaftsplanerisch zu lösen: Keine neue Bauten mehr, sorgfältige Einbettung der Verkehrsadern Bahn, Staatsstraße und Autobahn und der dazu gehörigen technischen Einrichtungen in eine zu renaturierende und zu pflegende Landschaft, in der nur die Bauten Bestand haben sollten, die langfristig genutzt werden können und die einen bauhistorischen bzw. architektonischen Wert haben wie z. B. die kleine Kirche, die Relikte aus den Zeiten des Brennerbahnbaus und die z.Zt. verlassenen Wohnbauten Mazzonis.. Wenn für das ehemalige Umspannwerk eine Nutzung mit entsprechender Restaurierung gefunden werden kann – auch gut. Der Abriss des derzeitigen Thermengebäudes (auch wenn er aus privatrechtlichen Gründen unmöglich erscheint) und eine andere, evtl. transparente und zugängliche Einfassung der Quelle könnte ein Signal des Wandels sein.
Eine schwierige, aber nicht unlösbare Aufgabe, diesen Topos wieder in eine ansehnliche Ordnung zu bringen!
Gesamtbewertung von Prof. Arch. Andreas Gottlieb Hempel
DATEN
Ursprünglicher Baubestand:
Die Thermalquellen am Brenner sind bereits den Römern bekannt gewesen. Seit dem 14. Jht. sind sie urkundlich belegt. Von einem Erdrutsch verschüttet, wurden sie im 17. Jht. wieder freigelegt und für Bäder mit Hotelbetrieb (Haus Geizkofler) genutzt. Zwei Jahre nach der Eröffnung der Brennerbahnstrecke wurde die Bahnstation Brennerbad sinngemäß der Bautypologie Wilhelm von Flattichs errichtet, nach der auch die Haltepunkte in Pflersch, Mauls, Mittewald, Vahrn, Albeins, Villnöss, Kastelruth, Steg und Kardaun später um 1889 gebaut wurden (Signalhäuschen mit einfachster Fahrkartenausgabe). Es entstand neben dem bereits gebauten Wärterhaus aus Granit, das direkt am damaligen Bahnübergang der Staatsstraße erstellt wurde. Es war eine Mischung aus Stations- und Bahnwärterposten, eine „Haltestelle“. Zusätzlich wurde ca. 100 m nördlich davon, ebenfalls auf der Basis der Architekturtypologie Wilhelm von Flattichs, ein Wohnhaus für Bahnangestellte errichtet, welches später als Erholungs- und Badeort für Eisenbahner diente und im Zuge des Tunnelneubaus für die neuen Umspannanlagen abgerissen wurde.
1871 kaufte die Stadt Sterzing die bestehenden Thermalanlagen, die durch die Bahnverbindung einen großen Aufschwung nahmen: besuchten 1859 noch zweihundert Gäste im Jahr das Brennerbad waren es 1874 bereits 800. Der „Neue Sterzinger Hof“ nahm 1874 seinen Betrieb auf, ein Heizhaus zur Erwärmung des Thermalwassers war schon 1872 gebaut worden. Die Gästezahl, darunter zahlreiche Prominenz aus ganz Europa stieg bis 1888 auf 1300 jährlich. 1899 verkaufte die Stadt Sterzing das Brennerbad an die „Brennerbad Gesellschaft Brixen“, die 1902 ein luxuriöses Grandhotel mit allem damals denkbaren Komfort und vielseitigen Bäderanwendungen eröffnete.
Das Unternehmen stand unter keinem guten Stern. Die Saison vom 15. Mai bis zum 30. September war zu kurz, das Kurangebot und der Aufenthalt im Vergleich zu anderen Orten nicht abwechslungsreich genug. Der Weltkrieg und die Abtrennung von Österreich taten das ihrige mit Plünderungen durch das Militär und dem Verlust der internationalen Gäste. Am 20. November 1922 brannte das Grandhotel bis auf die Grundmauern ab. Der Bäderbetrieb in den verbleibenden Häusern lief zwischen den Kriegen nur noch schleppend. Nach dem 2. Weltkrieg musste das Gelände wegen Verminung gänzlich gesperrt werden.
1948 nahm die „Società Terme di Brennero S.p.A.“ den Betrieb wieder auf, verlangte bessere Verbindungen mit Bozen und Brixen und einen neuen Bahnhof. Es wurde aber nur das kleine alte Gebäude renoviert. Zur Elektrifizierung der Brennerstrecke war bereits in den zwanziger Jahren ein Umspannwerk nördlich des Bahnhofes auf dem Grundstück des ehem. Grand Hotels errichtet worden. Westlich und nördlich davon waren 1928 durch den Architekten Angiolo Mazzoni ein zweigeschossiges und ein dreigeschossiges Wohnhaus für Eisenbahner entstanden. Zusammen mit dem Neubau der Thermenverwaltung in den 60er Jahren, einer hässlichen Betonbrücke der Staatsstraße und zahlreichen kleineren Schuppen der FS hatte der ehemals so noble Höhenkurort nunmehr eher den Charakter eines Gewerbegebietes angenommen.
Obwohl inzwischen die einzige Seilbahn im näheren Umkreis von Brennerbad, Zirog auf die Leitneralm in unmittelbarer Nähe eingerichtet worden war, wurde Brennerbad zunächst auf eine unbesetzte Haltestelle reduziert und 1978 ganz geschlossen. Schließlich musste das alte Bahnhofsgebäude und das alte Eisenbahnerwohnhaus der Zufahrt zum neuen Pflerscher Tunnel und einer großflächigen neuen Umspannanlage direkt davor weichen. Heute ist der Thermalbadbetrieb eingestellt. Die Quelle mit den Wasserrechten ging an den Eppaner Unternehmer Giuliani, der sich seitdem im Streit mit der Gemeinde Gossensass wegen eines geplanten Thermalzentrums befindet. Derzeit betreibt er nur noch ein wenig attraktives Café und füllt aus der St. Zachariasquelle ab. Der Sessellift Zirog zur Leitneralm wurde im Jahre 2000 abmontiert und die langsam zuwachsende Piste wird nur noch vereinzelt von Tourenfahrern im Winter benutzt. Alles ist sozusagen mausetot – bis auf den tosenden Verkehr der Autobahn, der Staatsstraße und dem dagegen harmlos wirkenden Geräusch der Züge.
K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (gegründet 1862)
Bauzeit 1863 – 1867 von Innsbruck nach Bozen unter Karl von Etzel (gest. 1865) und Achilles Thommen, Wilhelm Pressel, Julius Lott und Wilhelm Hellwag. Fertigstellung: 1869. Abbruch: ca. 1990 Heutige Eignerin: Italienische Staatsbahn FS (seit 1919 für die Strecke ab Brenner).
Architekt: Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Wilhelm von Flattich (1826-1900), Hochbaudirektor der K.K Privilegierten Südbahngesellschaft. Mitarbeit: Arch. Franz Wilhelm.
Südtirol – Brenner
Brennerbad, Gemeine Brenner/Gossensass
Ferrovia Statale FS – Direktion Region Bozen
39100 Bozen
Tel: 0039-0471-976077
Fax: 0039-0471-313786
Webseite: http://www.trenitalia.it
Fotogalerie
Bahnhof Brennerbad
Informationen und Zitate aus:
Wilhelm von FLATTICH ?Der Eisenbahn-Hochbau in seiner Durchführung auf den Linien der K.K. Priv. Südbahn-Gesellschaft? Wien, Lehmann&Wenzel, ohne Datum.
Elisabeth BAUMGARTNER ?Kleinodien alt-österreichischer Eisenbahnarchitektur: Die Hochbauten der Brennerbahn?; Fotos Walter NIEDERMAYER, in Christoph BERTSCH (Hrsg) ?Industriearchäologie, Nord-, Ost-, Südtirol und Vorarlberg?, Innsbruck, Haymon Verlag 1992, S. 49-77.
Elisabeth BAUMGARTNER; ?Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol?, Innsbruck, Haymon, 1990.
Gerhard und Josef DULTINGER, ?Die Brennerbahn, Gestern ? heute ? morgen?, Thaur/Tirol, Wort und Welt Verlag, 2. Auflage: 1989
Laura Facchinelli ?Die Eisenbahn Verona-Brenner? Athesia Bozen 1995
MART Quaderni di architettura ?Angiolo Mazzoni ? Architetto Ingeniere del Ministero delle Communicazioni? Skira Editore, Milano 2003.
Wittfrieda MITTERER ?Zeitzeichen der Technik? Edizione Raetia, Bozen 1993.
Siehe auch:
Günther ENNEMOSER, ?La storia di Colle Isarco con particolari riguardi agli anni 1850 ? 1914, tesi di laurea?, Padova, 1974/75.
Günther ENNEMOSER; Südtiroler Gebietsführer, Nr.39, Bozen, Athesia Druck, 1984.