12. Bahnhof Klausen

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12. Bahnhof Klausen

Klausen
1868
Das restaurierte Aufnahmegebäude des Bahnhofs Klausen

Klausen, dominiert von Kloster Säben – der sakralen Akropolis Tirols –, liegt in einer engen Talsohle, die von Verkehrswegen durchzogen ist. Die historische Altstadt entwickelte sich zwischen der Flanke des Säbener Berges und dem Eisack entlang der alten Brennerstraße. In diesem Abschnitt des Tals besteht eine Art Siedlungsstruktur mit einer Trennung in „oben“ und „unten“. Mit dem Bau der Eisenbahn kam eine weitere Verkehrsader in das Tal – eine Zäsur, die noch markanter war als die später errichtete Autobahn, die auf Hangbrücken über dem Tal verläuft. Die felsdurchsetzten, begrünten Hänge des Säbener Berges mit ihren Kuben und Türmen erheben sich imposant über Klausen.

DATEN

Sammlung: Bahnen
Bezirk: Eisacktal
Aktueller Zustand: betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich: Ja
Inbetriebnahme: 1868
AuftraggeberIn: K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (1862)
Projektant/Erfinder: Architekt Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Erbauer/Konstrukteur: Karl von Etzel

Ursprünglicher Baubestand:
Die Bahnanlagen wurden 1867 im Ortsteil Griesbruck, der bis 1929 zur Gemeinde Lajen gehörte, auf den Angerwiesen (nach dem nahen Schloss Anger benannt) angelegt. Das Aufnahmsgebäude beruht auf dem Typ IV nach der Entwurfstypologie des Architekten Wilhelm von Flattich, das dadurch verlängert wurde, indem der Typ IV verdoppelt wurde, aber nur mit einem „Seitflügel“ zwischen den Mittelrisaliten. Diese sind strassenseitig mit je einem Giebel überdeckt, gleisseitig läuft das Satteldach mit seiner Traufe durch. Mit dieser vergrößerten Version wurde der Bahnhof der Bedeutung des Städtchens Klausen als Jahrhunderte alter Zollstation an der Brennerstrasse und traditionellem Touristenort gerecht.
Das Aufnahmsgebäude wurde, wie die meisten Bahnhöfe an der Brennerstrecke, aus Grassteiner Granit gemauert. In diesem besonderen Falle wurden Granitsteine in heller Tönung für das flächige Mauerwerk verwendet, dagegen Porphyr für die bossierten Eckrisalite, die ebenfalls bossierten fiktiven Fensterbögen, den bossierten Sockel und die glatt scharrierten Stockwerkslisenen, auf die sich die gleich behandelten Fensterumrahmungen des Obergeschosses stützen und die Fensterumrahmungen der Türen und Fenster im Erdgeschoss. Die hölzernen Giebelwände sind befenstert, je vier über den beiden Mittelgiebeln und fünf jeweils in den Endgiebeln. Alle Giebel sind in sorgfältig detailliertem Holzwerk ausgeführt und von dem weit vorspringenden Dach überdeckt, in dessen Giebelspitzen weiteres Holzschmuckwerk eingesetzt ist.
Zwischen den beiden Risaliten lag mittig im Gebäude das sog. „Vestibule“ mit Gepäckannahme, Fahrkartenschalter und Zugang zu den Wartesälen. Durch den ausmittigen Aufgang zum Obergeschoß im südlichen Mittelrisalit ergaben sich zwei unterschiedlich große Wohnungen: eine Zweizimmer- und eine Vierzimmerwohnung, beide mit großer Küche und Bad. Weitere untergeordnete Räume befinden sich im Dachgeschoss.
Nördlich des Aufnahmsgebäudes waren die Aborte in dem üblichen Holzbau mit Pultdach untergebracht. Südlich des Aufnahmsgebäudes befanden sich zwei in Mauerwerk ausgeführte Magazinbauten an der Frachtrampe. Weiter südlich wurde ein Wärterhaus vom Typ „Am Hang“ errichtet. Ein weiteres Wärterhaus befand sich noch weiter südlich in der Höhe des Pfarrwidums von Klausen, ebenfalls ein Hangtyp.
Ca. 1894 wurde westlich gegenüber dem Eingang zum Bahnhof der Hotelbau „Zur Krone“ errichtet. Durch Vertrag mit der Südbahn war sichergestellt, daß die Reisenden im Restaurant des Hotels versorgt wurden und Übernachtungsmöglichkeiten vorfanden – somit konnte auf eine Restauration im Bahnhof verzichtet werden.
Nach dem Eintritt Italiens in den ersten Weltkrieg auf der Seite der Alliierten und der dadurch entstehenden Dolomitenfront wurde der schon lange geplante Bau einer Schmalspurbahn in das Grödnertal aus militärischen Gründen äusserst dringlich. Im Februar 1916, nach knapp einem dreiviertel Jahr Bauzeit mit über zehntausend russischen Gefangenen war die Grödnertalbahn zwischen Klausen und Plan (östlich von Wolkenstein) in Rekordzeit fertiggestellt. Sie blieb bis Mai 1960 in Betrieb. Für diese Strecke wurde auf dem Klausener Gelände u.a. eine Lokremise mit drei Arbeitsgruben, Wasserstation und Werkstatt im Stile der Wiener Sezession (Jugendstil) errichtet – ein einmaliges architektonisches Juwel im Eisenbahnbau. Ebenso ein noch erhaltenes Wohnhaus für den Stationsvorsteher direkt am ehemaligen (verschwundenen) Endbahnhof der Grödnertalbahn auf der Ostseite der Geleise. Es ist eine Holzkonstruktion mit Walmdach und westseitigem Giebelaufsatz.
1928 wurden im Auftrag der FS nach Plänen des Architekten Angiolo Mazzoni Wohnblocks für die Mitarbeiter der bahn errichtet. Diese befinden sich allerdings außerhalb des Bahnhofsgeländes südlich des Thiennebaches am anderen Ende der Stadt.

Typologie und Baugestalt des Bahnhofs sind eine Variation der  Typenpläne von Architekt Wilhelm von Flattich mit einer großzügig verglasten Doppelgiebelfassade zum Vorplatz hin. Die Fassadenflächen bestehen aus hellem Grassteiner Granit, während die bossierten Eckgliederungen in rötlichem Porphyr ausgeführt sind – eine materialästhetisch abgestimmte Kombination.

Das Innere des Aufnahmegebäudes gliedert sich in eine Wartehalle mit Bahntechnik und einen museal genutzten Bereich, der über eine großzügige Glasschiebetür zugänglich ist. Zu sehen sind die historische Fahrdienstleitung, ein altes Stellwerk, der originale Fahrkartenschalter sowie weitere Exponate zur Eisenbahngeschichte. Im Obergeschoss sind heute verschiedene Vereinsaktivitäten untergebracht, wodurch das Gebäude als Ort der Begegnung eine wichtige soziale Funktion für die Klausner Bevölkerung übernimmt.

 

Der Bahnhofsvorplatz und das angrenzende Umfeld wurden durch eine neue Porphyrpflasterung aufgewertet und bilden nun einen harmonischen öffentlichen Raum. Das gegenüberliegende, in der Bahnära errichtete Hotel „Zur Krone“ dient heute Wohnzwecken. Besonders atmosphärisch wirken die mächtigen Platanen, die anlässlich der Grundsteinlegung des Bahnhofs gepflanzt wurden. Sie spenden nicht nur Schatten, sondern machen das gesamte Ensemble zu einem harmonischen Begegnungsraum

K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (1862)
Bauzeit 1863 – 1867 von Innsbruck nach Bozen unter Karl von Etzel (gest. 1865) und Achilles Thommen, Wilhelm Pressel, Julius Lott und Wilhelm Hellwag. Fertigstellung: 1867. Klausen-Plan (Grödnertal) 1916 Heutige Eignerin: Italienische Staatsbahn FS (seit 1919 für die Strecke ab Brenner).

Architekt: Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Wilhelm von Flattich (1826-1900), Hochbaudirektor der K.K Privilegierten Südbahngesellschaft. Mitarbeit: Arch. Franz Wilhelm.

Informationen und Zitate aus:
Wilhelm von FLATTICH, <em>Der Eisenbahn-Hochbau in seiner Durchführung auf den Linien der K.K. Priv. Südbahn-Gesellschaft</em>, Wien, Lehmann&Wenzel, ohne Datum.
Elisabeth BAUMGARTNER <em>Kleinodien alt-österreichischer Eisenbahnarchitektur: Die Hochbauten der Brennerbahn</em>; Fotos Walter NIEDERMAYER, in: Christoph BERTSCH (Hrsg), <em>Industriearchäologie, Nord-, Ost-, Südtirol und Vorarlberg</em>, Innsbruck, Haymon Verlag 1992, S. 49-77.
Elisabeth BAUMGARTNER; <em>Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol</em>, Innsbruck, Haymon, 1990.
Gerhard und Josef DULTINGER, <em>Die Brennerbahn, Gestern – heute – morgen</em>, Thaur/Tirol, Wort und Welt Verlag, 2. Auflage: 1989
Laura Facchinelli, <em>Die Eisenbahn Verona-Brenner</em>, Athesia Bozen 1995
MART Quaderni di architettura, <em>Angiolo Mazzoni – Architetto Ingeniere del Ministero delle Communicazioni</em>, Skira Editore, Milano 2003.
Wittfrieda MITTERER, <em>Zeitzeichen der Technik</em>, Edizione Raetia, Bozen 1993.

Siehe auch:
Günther ENNEMOSER, <em>La storia di Colle Isarco con particolari riguardi agli anni 1850-1914</em>, tesi di laurea, Padova, 1974/75.
Günther ENNEMOSER; <em>Südtiroler Gebietsführer</em>, Nr.39, Bozen, Athesia Druck, 1984.
Alois TRENKWALDER, <em>Brenner-Brennero, Gemeinde</em>, Gemeinde Brenner-Gossensass (Hrsg.) 1999.
Hans-Jürgen und Carl ROSENBERGER, <em>Die Eisenbahnen in Südtirol</em>, Athesia; 1993.

Auskunftspersonen:
Radames PANDINI, Bauabteilung der FS, Bahnhof Bozen, Planarchiv.
Rudi PLANK, Vorsitzender des Eisenbahner-Freizeitvereins Dopolavoro FS, Bahnhof Sterzing

Südtirol – Eisacktal
Bahnhofstraße 20
I – 39043 Klausen

Ferrovia Statale FS – Direktion Region Bozen
39100 Bozen
Tel: 0039-0471-976077
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