02. Bahnhof Schelleberg

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02. Bahnhof Schelleberg

Brenner
1867
Bahnhof Schelleberg mit integriertem Wasserturm

Die Lage und Baugestalt des Bahnhofs Schelleberg sind durch das starke Gefälle der Brennerbahn bedingt. Sowohl beim Aufstieg als auch beim Abstieg vom Bahnhof Gossensass war eine Verlängerung der Wegstrecke zur Minderung des Gefälles erforderlich. Der Luftlinie von rund 1 km bei einem Höhenunterschied von 250 m steht durch die Schleifenverlängerung ins Pflerschtal eine Strecke von 4 km gegenüber. Als Kehrtunnel war auch der Pflerschtunnel eine technische Neuerung; er wurde in entgegengesetzter Fahrtrichtung und im Gefälle gebaut – der erste seiner Art. Immer wieder wird vom Reiseerlebnis berichtet, dass die Reisenden in Schelleberg den Zug verließen, zu Fuß bergab nach Gossensass gingen, unterwegs Blumen pflückten oder nach Ankunft in Gossensass ein Bier tranken, um dort wieder in den Zug einzusteigen und die Fahrt fortzusetzen. Kein Geringerer als der Schah von Persien wählte am 10. August 1873 bei seiner Fahrt über den Brenner diesen Weg. Er war, ebenso wie Henrik Ibsen, im Grandhotel Gröbner in Gossensass abgestiegen.

DATEN

Sammlung: Bahnen
Bezirk: Brenner
Aktueller Zustand: nicht betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich: Ja
Baubeginn: 05.1864
Inbetriebnahme: 01.1867
AuftraggeberIn: K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (1862)
Projektant/Erfinder: Architekt Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Erbauer/Konstrukteur: Karl von Etzel

Die Haltestation Schelleberg, acht Kilometer vom Brenner entfernt, wurde kurz vor der Einfahrt in die innovative enge Kehrschleife der Brennerbahn mit ihrem erheblichen Gefälle nach Gossensass und zur Wasseraufnahme für die Dampflokomotiven errichtet – aber auch um die (ehemalige) Kornkammer des oberen Eisacktales anzuschließen. Die Strecke zwischen ihr und dem Bahnhof Gossensass, die in der Luftlinie gerade einmal einen Kilometer beträgt, weist einen Höhenunterschied von fast 250 m auf und stellte damit die Planer der Brennerbahn vor eine schwierige Aufgabe.
Von Schelleberg schwenkt die Bahntrasse nach Westen ab und führt etwa 4 km in das Pflerschtal. Bei den Höfen Ast wurde ein halbkreisförmiger, 761 m langer Tunnel für eine Kehre mit einem Radius von 750 m angelegt, der die Trasse 34 m tiefer in östlicher Richtung durch das Pflerschtal zurückführte. Dieser Tunnel war der erste in seiner Art und galt weltweit als Modell für ähnliche Fälle. Leider gestaltete sich der Bau des Tunnels äußerst schwierig und kostete zahlreiche Arbeitern in der Bauzeit von Mai 1864 bis Dezember 1866 das Leben.
Die Nähe der Haltestation Schelleberg zum Bahnhof Gossensass veranlasste seinerzeit viele Reisende in Schelleberg auszusteigen und über einen Wanderweg Gossensass zu erreichen und dort wieder in den inzwischen eingetroffenen Zug zuzusteigen. Genauso machte es am 10. August 1873 der Schah von Persien, Nasir ad-Din, der von Innsbruck nach Italien reiste.
Der Streckenabschnitt Schelleberg vermittelte ein besonderes – in alten Reiseführern nachzulesendes – Erlebnis für die Reisenden, eröffnete er doch den ersten eindrucksvollen Blick auf die Bergpanoramen südlich des Alpenhauptkammes. Zudem war er im Winter bis in die jüngste Zeit wegen zahlreicher Lawinenabgänge auf die Geleise besonders gefürchtet.
Die Haltestation entspricht als Kombination von Wasserstation und Aufnahmsgebäude dem einfachsten Typus der Entwurfssytematik des Architekten Wilhelm von Flattich. Es wurde mit Grauwacke statt mit Granit gemauert (entsprechend der Station in Gossensass), Die Station erhielt ein Ziegeldach über der Wasserstation, die an den vier Seiten mit einer Holzschalung zwischen gemauerten Eckrisaliten verkleidet wurde und eine Stegfalzblecheindeckung über den beiden Seitflügeln mit je vier Fensterachsen. Im Nordflügel befand sich eine Wärterwohnung und im Südflügel die Fahrdienstleitung mit Magazin und Werkstatt. Im Erdgeschoss der Wasserstation waren Toiletten für die Reisenden und das Kohlelager untergebracht, im Obergeschoß befanden sich zwei Wasserbehälter auf Stahlsäulen, französische Fabrikate des Herstellers Rothschild, die während der Fotoaufnahmen durch Walter Niedermayer 1992 noch vorhanden waren und heute noch vermutlich vorhanden sind obgleich der Zugang durch Sperrmüll so verstellt ist, das dies zur Zeit nicht überprüfbar ist.
In altösterreichischer Zeit wurde ca. 50 m südlich der Station ein teilweise verputztes und teilweise verschindeltes Wohngebäude mit zwei Wohnungen errichtet. In den 1920er Jahren kam ein Geräteschuppen aus der Betonfertigteilserie der FS dazu sowie 1995 ein kleines Gebäude mit Satteldach für eine neue Fahrdienstleitung – sinnigerweise fertiggestellt zwei Wochen vor der Eröffnung des neuen Pflerschtunnels und der damit verbundenen Stilllegung der Strecke über Schelleberg.
1928 errichtete die FS für ihre Mitarbeiter durch den Architekten Angiolo Mazzoni ein schönes, zweigeschossiges Wohngebäude auf halbem Weg von Schelleberg nach Gossensass.

Funktional zeigt sich der Typus dieser Haltestelle durch die Nutzung als Aufnahmegebäude im Erdgeschoss und einer zweigeschossigen Wasserstation im Mittelteil. Diese wird von den höher gelegenen Quellen am steil ansteigenden Berghang durch das natürliche Gefälle gespeist. Das Gebäude ist – wie in Gossensass – aus Grauwacke errichtet, statt aus Granit. Die zwei Wasserbehälter im Obergeschoss aus genietetem Stahlblech werden von zwei gusseisernen Säulen im Erdgeschoss getragen. Die Dienstwohnung befand sich im nördlichen Teil des Erdgeschosses, während Fahrdienstleitung, Magazin und Werkstatt im südlichen Teil lagen; diese Bereiche sind heute baufällig. In südlicher Richtung schließen sich ein doppeltes Wärterhaus aus der altösterreichischen Bauphase sowie ein Geräteschuppen aus Betonfertigteilen von 1920 an.

Das beeindruckende Bergpanorama und die Lawinenabgänge im Winter steigerten den Erlebniswert dieser Fahrten zusätzlich. Oberhalb der stillgelegten Haltestelle Schelleberg finden sich heute Palisaden aus Bahnschwellen sowie Fangnetze als Schutzbauten gegen Steinschlag und Lawinenabgänge. Hervorzuheben ist die sonnige Lage dieses Ortes, die Aussicht auf Gossensass sowie die konstruktiv beeindruckende Autobahnbrücke auf der gegenüberliegenden Talseite. Da die Schienen heute zurückgebaut sind, die Gleisparzelle aber in voller Breite erhalten geblieben ist, eignet sich dieser Bauplatz besonders gut zur Nutzung als Rad- und Wanderweg. Die oberhalb der Bahn gelegene Kapelle bildet ein weithin sichtbares, historisches Ensemble.
Der stillgelegte Haltepunkt strahlt durch seine Baugestalt und vor allem durch seine sonnige Lage mit beeindruckender Aussicht – im Unterschied zu allen anderen Stationen – eine herausragende, eigene Identität entlang der Brennerlinie aus. Die ehemalige Haltestelle
Schelleberg erfüllt alle Voraussetzungen, um zu einer vielbesuchten Raststation am Radwanderweg für Freizeit- und Radreisende umgestaltet zu werden.

K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (1862)
Bauzeit 1863 – 1867 von Innsbruck nach Bozen unter Karl von Etzel (gest. 1865) und Achilles Thommen, Wilhelm Pressel, Julius Lott und Wilhelm Hellwag. Heutige Eignerin: Italienische Staatsbahn FS (seit 1919 für die Strecke ab Brenner).

Architekt: Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Wilhelm von Flattich (1826-1900), Hochbaudirektor der K.K Privilegierten Südbahngesellschaft. Mitarbeit: Arch. Franz Wilhelm.

Bahnhof Brenner
Informationen und Zitate aus:
Wilhelm von FLATTICH, Der Eisenbahn-Hochbau in seiner Durchführung auf den Linien der K.K. Priv. Südbahn-Gesellschaft, Wien, Lehmann&Wenzel, ohne Datum.
Elisabeth BAUMGARTNER Kleinodien alt-österreichischer Eisenbahnarchitektur: Die Hochbauten der Brennerbahn; Fotos Walter NIEDERMAYER, in: Christoph BERTSCH (Hrsg), Industriearchäologie, Nord-, Ost-, Südtirol und Vorarlberg, Innsbruck, Haymon Verlag 1992, S. 49-77.
Elisabeth BAUMGARTNER; Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol, Innsbruck, Haymon, 1990.
Gerhard und Josef DULTINGER, Die Brennerbahn, Gestern – heute – morgen, Thaur/Tirol, Wort und Welt Verlag, 2. Auflage: 1989
Laura Facchinelli, Die Eisenbahn Verona-Brenner, Athesia Bozen 1995
MART Quaderni di architettura, Angiolo Mazzoni – Architetto Ingeniere del Ministero delle Communicazioni, Skira Editore, Milano 2003.
Wittfrieda MITTERER, Zeitzeichen der Technik, Edizione Raetia, Bozen 1993.

Siehe auch:
Günther ENNEMOSER, La storia di Colle Isarco con particolari riguardi agli anni 1850-1914, tesi di laurea, Padova, 1974/75.
Günther ENNEMOSER; Südtiroler Gebietsführer, Nr.39, Bozen, Athesia Druck, 1984.
Alois TRENKWALDER, Brenner-Brennero, Gemeinde, Gemeinde Brenner-Gossensass (Hrsg.) 1999.
Hans-Jürgen und Carl ROSENBERGER, Die Eisenbahnen in Südtirol, Athesia; 1993.

Auskunftspersonen:
Radames PANDINI, Bauabteilung der FS, Bahnhof Bozen, Planarchiv.
Rudi PLANK, Vorsitzender des Eisenbahner-Freizeitvereins Dopolavoro FS, Bahnhof Sterzing

Südtirol – Eisacktal
Schelleberg Nr. 7 und 9
Gemeinde Brenner – Gossensass
I – 39041 Brenner

Ferrovia Statale FS – Direktion Region Bozen
39100 Bozen
Tel: 0039-0471-976077
Fax: 0039-0471-313786
Webseite: http://www.trenitalia.it