Der Brenner, ein kraftvoller Ort mit Geschichte, Kettenglied zwischen Nord und Süd Die Ausstellung (Grenze) Brenner-Pass, die auch international bereits in Innsbruck Beachtung gefunden hat, ist gestern in Bozen eröffnet worden. Im Vorfeld zur Einstimmung eine Rückblende in die Zeit zwischen den zwei Weltkriegen anhand von historischen bewegenden Kurzfilmen vom Istituto Luce, liess man die Geschichte Revue passieren. Rektorin Rita Franceschini begrüsste als Hausherrin der Freien Universität Bozen das das besonders zahlreich erschienene Publikum, das aus Nord- und Südtirol sowie dem Trentino und Bayern nach Bozen gekommen ist. In Anwesenheit u.a. von Landeshauptmann Durnwalder, dem Tiroler Landesrat und ex BBT-Direktor Hans Lindenberger und Rainer Graefe, Leiter des Instituts für Baugeschichte der Universität Innsbruck, hat Südtiols prominentester Grenzgänger Reinhold Messner für eine ?Entschleunigung? des Grenzortes plädiert. Für die Aufwertung auch aus touristischer Sicht könne durchaus ein abgelegner Ort der Ruhe besondere Anreize bieten. Als Gegensatz zum grenzelosen Beschleunigungsprozess, der durch die Globalisierung ausgelöst wird. Die Bedeutung des Brenners könne auch in seiner jetzt neuen Form der Bedeutungslosigkeit liegen. Existent sei jedoch nur was heute wahrgenommen werde. Der Brenner riskiere eben nicht mehr wahrgenommen zu werden. Trotz all der Emotionen, die mit seiner Geschichte zusammenhängen, müsse er neu ins Bewusstsein gerückt werden. Im Verbliebenen sei die Ästhetik des Verschwindens zu suchen. Diese Kraft, die von dem Ort ausgehe, fordere vor allem Künstler heraus, sich mit dem Brenner zu beschäftigen. Damit pflichtete Messner auch dem Vorschlag von Franceschini bei, am Brenner Künstlertreffs einzurichten. Denn im Verwahrlosten stecke auch das Verwahrte, die Geschichte. Am Brenner müsse ein neuer Inhalt gefunden werden. Eine Begegnungsstätte, ein Kettengleid der echten, gelebten Annäherung zwischen Nord und Süd, um nicht weiter auseinanderzuleben, wie auch später Landeshauptmann Durnwalder und Landesrat Lindenberger meinten. Nach Schengen habe man sich noch mehr von einander entfernt. Dies bestätigte auch Zeitzeugin Irene De Angelis, die als Gattin des ehemaligen Polizeiinspektors und Mutter des amtierenden Inspektors den Brenner wie ihre Westentasche kennt. Lindenberger sprach vom Friedensweg, der über den Brenner führe. Nicht in Nachbars Garten sei zu planen, sondern grenzüberschreitende zeitgemässe Verkehrslösungen müssten angepeilt werden. Aus der Sicht des Kuratoriums, vertreten durch Wittfrida Mitterer, und von Rainer Graefe vom Institut für Baugeschichte, kann nur eine Rekultivierung der Passlandschaft die Antwort auf die vielschichtige Problematik sein. Die Ausstellungs-Initiative soll dazu beitragen, am Brenner Alt und Neu zu integrieren, auf der Grundlage eines wohlüberlegten Konzepts. Nicht die Musealisierung, sondern die kreative Einbeziehung von typischen Bauten und Zeitzeugnissen der Grenze stößt inzwischen auch deshalb auf Zustimmung, weil sie der von der EU geförderten Neubelebung des Brenners ein unverwechselbares Markenzeichen verleihen würde. Ziel der Ausstellung ist es, einen Denkanstoss zu bieten, wonach der Brenner als kollektiver Erinnerungsort, jetzt 10 Jahre nach Schengen, im Bewusstsein der Öffentlichkeit neu verankert wird. Der Brenner ist ja inzwischen nach dem Fall der Grenzbalken zu einem Ort mit Sonderrolle geworden, der auf der Suche nach einer neuen Identität ist. Das für die Grenze typische architektonische Kernensemble riskiert, sollten umfangreiche Abrissarbeiten auch wirklich umgesetzt werden, ausgelöscht zu werden. Dabei würde die Gedenkstätte ihre Daseinsberechtigung verlieren. Das Bundesdenkmalamt in Wien hat es vorgemacht: Erfreulich ist die inzwischen eingelangte Denkmalschutzbindung für das kleine österreichische Grenzzollhaus, das eben nicht radikal umgebaut, sondern würdevoll umgestaltet wird, um einem Handelsbetrieb Platz zu bieten. Angekauft wurde es übrigens von einem Südtiroler Wirtschaftstreibenden. Am Brenner wurden die historisch markanten Bauwerke dieses Grenzensembles mittels Bauaufnahmen und fotografischen Bestandsaufnahmen für ein Bautenglossar in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck, Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege ausführlich wissenschaftlich dokumentiert. Nachzublättern im Ausstellungskatalog (Grenze) Brenner-Pass -jetzt auch auf Italienisch-, erschienen im Athesia-Verlag. Parallel zur Ausstellung in Bozen werden auf den 23 Raststätten der Brennerautobahn von Brenner bis Modena Grossbildaufnahmen mit historischen Fotodokumenten aus Archivbeständen gezeigt, die in die spannende Baugeschichte des Autobahnbaus Einblick bieten. Die Ausstellung, eine Gemeinschaftsarbeit von Kuratorium und Universität Innsbruck, Archiv für Baukunst, ist im Foyer der Universität Bozen bis zum 5. Mai 06 zugänglich. www.unibz.it www.technikmuseum.it