Kraftwerk Kardaun
Kardaun
Das Enel-Kraftwerk in Kardaun beherrscht mit den mächtigen Druckleitungen das Landschaftsbild des Eisacktals im Norden von Bozen. Das 1929 nach Ing. Carlo Cicogna benannte und nach Plänen von Ing. Gaetano Ganassini gebaute Kraftwerk war seinerzeit das grösste Europas. Am 15. Dezember 1931 wurde im Enel-Werk in Kardaun die Abnahme der damals grössten Kraftzentrale Europas durchgeführt. In den Jahren vorher waren an die 5000 Arbeiter auf der Mega-Baustelle beschäftigt, die in ihren einzelnen Bauabschnitten vorbildhaft dokumentiert wurde, unter anderem durch einen Schwarz-Weiss-Film des Istituto Luce in Rom. Das Kraftwerk mit einer Jahresproduktion von 579.294.000 kWh (1948) war Experimentierfeld für verschiedene Pionierleistungen, die dann beim Bau anderer Kraftwerke im oberitalienischen Raum wieder umgesetzt und verfeinert wurden. Heute produziert das Werk vergleichsweise 700 GWh, zirka 12 Prozent der gesamten Stromproduktion von Trentino-Südtirol und 6,2 Prozent des Enel-Stroms aus Wasserkraft im Triveneto. Das Kraftwerk dominiert mit den fünf -ursprünglich sechs- Druckleitungen das im Norden in den Bozner Talkessel einmündende Eisacktal. Krafthaus und Wehre liegen am orographisch rechten Flussufer, das von der Brenner-Staatstrasse begrenzt wird. Die Wasserfassung befindet sich in Kollmann, 15 km weiter nördlich vom Standort des Kraftwerks entfernt. Das Eisack-Wasser strömt durch einen in den Berg gehauenen Tunnel bis nach Kardaun, fliesst dort durch die Druckleitungen (Fallhöhe 165 m) und trifft auf fünf Francis-Turbinen-Sätze. Das Kraftwerk ist über eine eigens errichtete Eisenfachwerk-Brücke von der Strasse sowie nahen Fahrradpiste erreichbar. Die Anlage ist seit 1973 automatisiert und ferngesteuert. Ein erster weitgehend unbekannter Entwurf vom Kraftwerk stammt von Prof. Clemens Holzmeister, u.a. Erbauer des Salzburger Festspielhauses, und wird in der Wiener Albertina verwahrt. Am Beispiel dieses Kraftwerks kann der bewegte Zeithintergrund sowie kulturelle und architekturgeschichtliche Bezug ausgeleuchtet werden.
- Daten
- Panorama
- Technik
- Geschichte
- Kontakt
Aktueller Zustand:
betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich:
Ja
Baudaten:
Baubeginn: 1926
Inbetriebnahme: 24-12-1929
AuftraggeberIn: SIDI (Società idroelettrica dell’Isarco) später SIP (Società Idroelettrica del Piemonte)
Projektant/Erfinder: Gaetano Ganassini (technisches Projekt); Eugenio Mollino (Architektur Krafthaus)
Offen von:
10:12:00
Die Technikkathedrale von Kardaun (BZ) behrrscht mit den mächtigen Druckrohrleitungen den nordöstlichen Bozner Talkessel und schmiegt sich. der hier etwas steil abfallenden Eisacktaler Hügellandschaft folgend, in das fast immergrüne, von Porphyrfelsen durchzogene Ambiente ein. Nur die gegen die Talsohle hin im jahreszeitlichen Wechsel farbigen Rebanlagen geben besonders im Winter den Blick auf die Rohre frei. Des Nachts bilden die in dezentes Licht getauchten Leitungen eine besondere Kulisse.
Das Kraftwerk, Wahrzeichen für jeden, der von Norden kommend, Richtung Süden fährt, oder die Südtiroler Landeshauptstadt verlässt, um den nächst gelegenen Ort Blumau zu erreichen, ist direkt am Eisacktaler Fahrradweg gelegen. Auf der gegenüberliegenden Talseite befindet sich auf einem wilden Felsvorsprung Schloss Karneid mit restaurierter Schlosskapelle (Mai 2005).
Wesentlich früher gebaut wurde das Etschwerke-Kraftwerk „Bozen“, das die schäumenden Wasser des Eggentaler Bachs nutzt. Bereits 1901 lieferte der Pionierbau ans Netz. Das kleine Technikjuwel, am Eingang der wilden Eggentaler Schlucht, hat das Zeug zum Besucherkraftwerk. Gleich ums Eck, bequem über den Fahrradweg erreichbar, befindet sich die Kohlerer Seilbahn, weltweit ein Unikat technischen Fortschritts.
Von Kardaun aus führt auch der uralte „Kunter-Weg“ (1314 fürstliche Wegverleihung), ein zu Zeiten, als die Brennerstaatsstrasse noch ein Wunschtraum war, vielbenutzter Handelsweg weiter nach Atzwang und Klausen. Die Gemeinde Karneid bemüht sich den historisch bedeutsamen Verbindungsweg aufzuwerten. „Von Kardaun nach Blumau: Der Kuntersweg startete bei der Brücke über den Eisack Feygenstein, später Feigenbrücke dort, wo auch heute die Brennerstrasse bei Kardaun den Eisack überquert, bevor er den Eggentalerbach aufnimmt. “ Norbert Mumelter, „Der Kuntersweg“, hrsg. Gemeinde Karneid, 1984
Anfahrt
A22, Autobahnausfahrt Bozen Nord, Richtung Bozen, am ersten Verkehrskreisel Richtung Rentsch oder Ritten fahren. Der alten Brennerstaatsstrasse folgend, auf der Höhe der Eisenfachwerkbrücke (Baujahr 1925) zum Kraftwerk rechts abbiegen.
Am 15. Dezember 1931 wurde im Enel-Werk in Kardaun die Abnahme der damals grössten Kraftzentrale Europas durchgeführt. In den Jahren vorher waren an die 5000 Arbeiter auf der Mega-Baustelle beschäftigt, die in ihren einzelnen Bauabschnitten vorbildhaft dokumentiert wurde, unter anderem durch einen Schwarz-Weiss-Film des Istituto Luce in Rom. Das Kraftwerk mit einer Jahresproduktion von 579.294.000 kWh (1948) war Experimentierfeld für verschiedene Pionierleistungen, die dann beim Bau anderer Kraftwerke im oberitalienischen Raum wieder umgesetzt und verfeinert wurden. Heute produziert das Werk mit seinen 5 Francis-Turbinensätzen vergleichsweise 700 GWh, zirka 12 Prozent der gesamten Stromproduktion von Trentino-Südtirol und 6,2 Prozent des Enel-Stroms aus Wasserkraft im Triveneto.
Wirtschaftskrimi Anno 1911
„Das Projekt eines Münchners von Italien übernommen.“
Juni 1908, eine Hitzewelle suchte Südtirol heim. Waidbruck ist Schauplatz einer umfangreichen und groß angelegten wasserrechtlichen Verhandlung über das Projekt des Münchner Bauunternehmens „Sager & Wörner“ für das Elektrizitätswerk bei Kardaun, und zwar zum Zwecke der Gewinnung von „ Stickstoff bzw. zur Erzeugung von Salpeter“. Alles, was Rang und Namen hatte, was in irgendeiner Weise durch die anstehenden Fakten involviert war, saß mit am Verhandlungstisch. Schließlich sollte ein Projekt von noch nie da gewesener Dimension umgesetzt werden. Das halbe Eisacktal war in Aufregung, denn das Jahrhundertprojekt stellte einen gewaltigen Eingriff in die Landschaft dar. Neben den Vertretern des bayrischen Bauunternehmens, denen der Münchner Technikpionier Oskar von Miller kein Unbekannter war, waren außerdem anwesend: Emil March als behördlicher Sachverständiger; Bauoberkommissär Emil Gaertner, entsandt von der k. k. Staatseisenbahnverwaltung; Alfred Mitschel für die k. k. Straßenverwaltung; Josef Podhaysky, in Vertretung der Direktion der privaten Südbahngesellschaft; Vinzenz Rudolf, Baukommissär und Leiter der Bahnerhaltungssektion Bozen; Ernst Müller für das k. k. hydrographische Zentralbureau sowie der k. k. Statthaltereisekretär Siegfried Podloger. Die Münchner Gruppe – bestehend aus Ingenieur Otto Kurz, Ing. Grüb und Richard Wagner, angeführt von Firmenchef Franz Wörner – wurde von den beiden Advokaten Josef v. Wackernell und Benedikt Pobitzer begleitet. Die Verhandlungen, die sich über mehrere Tage hinzogen, den Betroffenen offenes Mitspracherecht einräumten und dabei Schritt für Schritt die einzelnen Bauabschnitte des geplanten neuen Großkraftwerks unter die Lupe nahmen, waren nicht auf eine „Gutwillaktion“ der Konzessionsbewerber zurückzuführen, sondern – ähnlich wie eine Umweltverträglichkeitsprüfung – auf die geltende Gesetzgebung aus dem Jahre 1870. Die „Verhandlung an Ort und Stelle“ ging daher auf eine „bezirkshauptmannschaftliche Ausschreibung vom Mai 1908“ zurück.
Die ausführliche Beschreibung der Stauanlage, die den Bau eines elektrisch (und für den Fall auch manuell) angetriebenen Walzwerks quer durch den Eisack sowie eine Einlass-Schleuse, ein Sandfangbecken, einen Sammelkanal im Tunnel und verschiedene Standorte für die Materialdeponien vorsah, dürfte vorerst für Verwunderung und Misstrauen gesorgt haben. Besonders ausführlich dargelegt haben die Fischereiberechtigten ihre Sorgen, die wegen des Niedrigwassers und der teilweisen Trockenlegung des Eisacks ein großes Fischsterben befürchteten. Schadloshaltungen eingefordert haben unter anderem die Grafen Wolkenstein Trostburg, Ludwig Freiherr v. Sternbach, Johann Vonmetz, die Grafen v. Taxis, Bertha Ringler und Peter Rienzner (in Vertretung der Starzer Brückeninteressentschaft), die Gemeinde Kastelruth und viele andere Uferanrainer. Bei so viel Druck, auch von prominenter Seite, hat die Konzessionsbewerberin die Fischereirechte sowie die Wassernutzungsrechte der Betroffenen sichergestellt. Nicht weniger brisant mag der Lokalaugenschein am geplanten Bau der Stollenstraße verlaufen sein, denn –im Protokoll nachzulesen – die Fragen und lauten Proteste der Fraktion Kollmann, samt örtlichem Religionsfond, sowie der Gemeinden Barbian, Saubach, Rotwand und Ritten nahmen, verständlicher Weise, kein Ende. In Kollmann befürchtete man eine Beschädigung der Baulichkeiten aus romanischer Zeit sowie der einzigen von Barbian herführenden Trinkwasserleitung. Große Angst machten den Grundbesitzern der betroffenen Gemeinden die Materialablagerungen, die mit dem Stollenbau unweigerlich verbunden waren, und die Beeinträchtigung von Kulturgrund bzw. der Bewässerungs- und Wegerechte. Daher die Forderungen nach Schadenersatz oder Grundablöse. Der gesamte „mobile“ Lokalaugenschein der Stollenbegehung von Atzwang nach Blumau und von Blumau nach Kardaun wurde an zwei aufeinander folgenden Tagen abgewickelt. In Kardaun selbst wurde schließlich zur ursprünglich neun Rohre zählenden Druckleitung, zur Kraftanlage sowie zum Gesamtprojekt Stellung bezogen. Sämtliche Pläne lagen dazu bereits auf. Besonderen Wert legte man auf Sicherheitsvorkehrungen (verschiedene Schieber für den sofortigen Druckausgleich) und Instandhaltungsmaßnahmen der Anlage. „Die Druckleitungsrohre sollen oberirdisch über den mit Steinblöcken und Schutt überlagerten Berghang bei St. Anna geführt und durch Betonpfeiler die Lagerung und Sicherung der Leitung erreicht werden. Bei einer angepeilten Druckhöhe von 155 m sollen neun Turbinen zu je 8 500 PS durch das niederstürzende Eisackwasser angetrieben werden.“ Genau geplant war auch bereits der Verbindungsweg, „der die Kraftstation von der Reichsstraße“ aus erschließen sollte.
Besonders die vom Kraftwerksbau betroffenen Rittner Bauern fürchteten um ihre Ernte. „[D]er von den fremden Arbeitern angerichtete Schaden an Obst und Feldfrüchten muss von der Unternehmung voll vergütet werden“ und „überhaupt soll die Gemeinde Wächter anstellen“, verlangten Anton Lun – der Unterschweinsteigerbauer von Unterinn –, Karl Ramoser und auch Ferdinand von Miller – Schlossherr von Karneid –, vertreten durch seinen Gutsverwalter Josef Schweigkofler. Ja, der Forderungskatalog riss nicht ab und reichte von den Wasser- und Wegerechten bis hin zum lukrativen Betrieb der Murgruben längs des Eisackufers. Otto Rhomberg, Sägebesitzer in Kampill, befürchtete Störungen seines Sägebetriebs. Er protestierte nicht gegen den Kraftwerksbau, sondern verlangte nur
„Schadloshaltung für den Fall der Fälle“.
Besonders misstrauisch war Wilhelm v. Walther, Vertreter der Gemeinde Bozen: Eine wasserrechtliche Konzession für ein so überdimensionales Projekt könne im Sinne des Tirolischen Wassergesetzes erst dann gewährt werden, wenn der Verwendungszweck der gewonnen Elektrizität klar sei. Von Walther und der Grieser Kurdirektor Emil v. Meissner waren vor allem auch darauf bedacht, „dass zur Erhaltung der Naturschönheiten von Kardaun auch die Baulichkeiten (der Kraftstation) ein Aussehen erhalten, das dem Landschaftsbilde entspricht. Zur Prüfung der Erfüllung dieses Erfordernis ist bei Genehmigung der Pläne der Sachverständige des Landesverbands für Fremdenverkehr in Innsbruck beizuziehen.“
Allein dem Trend ihrer Zeit voraus waren Franz v. Hepperger und Anton Mumelter von der Gemeinde Zwölfmalgreien, die die „großartige Wasserkraftanlage in ihrem Gemeindegebiet begrüßt haben“. Das Kraftwerk erscheint ihnen als ein Projekt von öffentlichem und volkswirtschaftlichem Interesse“, angesichts der baldigen „elektrischen Traktion auf der Bahnlinie Kufstein–Ala“, pflichtete die Delegation der k. k. Südbahn-Gesellschaft bei, allerdings unter Wahrung des „Heimfallrechts an den österreichischen Staat“. Das Projekt müsse in erster Linie Bahnbetriebszwecken dienen. Der Beamte sah Bahndamm und Bahnanlagen durch die Wasserschwankungen stark gefährdet, der Erosionsgefahr ausgesetzt und sprach sich daher gegen die sofortige Konzessionserteilung aus. Detailliertere Pläne über Projekt und Bauverlauf seien Voraussetzung für die Konzessionserteilung, so auch die Straßenverwaltung. Bauunternehmer Wörner entkräftete auch die Befürchtungen einer Stromlieferung an eine Fabrik mit schädlichem Produktionsprozess. Davon sei keine Rede. Als man am 24. Juni 1908 auseinander ging, war der Kraftwerksbau beschlossene Sache. Die Grundeigentümer hatten die Vorverträge für den Verkauf an das Bauunternehmen „Sager & Wörner“ bereits in der Hand, der Statthaltereisekretär kommentierte: „[I]m Großen und Ganzen hat sich die Unmöglichkeit der Durchführung des Projekts nicht ergeben“. „Von Unternehmerseite nachzuliefern seien sämtliche Detailpläne für das Projekt, erst dann könne eine endgültige Baufrist und Konzessionsdauer festgesetzt werden.“ In der Folge wurden vom Institut für Geologie und Paläontologie der Universität Innsbruck aufwändige hydrogeologische Gutachten bereitgestellt und die Pläne immer wieder überarbeitet und neu eingestellt.
Der technische Bericht der Firma „Sager & Wörner“ von 1911 sieht plötzlich nur mehr sieben Rohrleitungen vor, die dem Krafthaus zugeführt werden. Das Großprojekt wäre jedenfalls am Vorabend des Ersten Weltkriegs absolut baureif gewesen. Weshalb die Münchner Unternehmer sich mit ihrem bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Großprojekt in Kardaun nicht durchgesetzt haben, geht aus den verblichenen Akten „Kraftwerk Kardaun“ (1911) leider nicht mehr hervor. Aufgrund von Nachforschungen führt eine heisse Spur über die Firma „Sager & Wörner“ zum Bozner Ingenieur Leo Perwanger, der sich bei der Münchner Firma, nach seinem Diplom in Wien (1905) und dem Erhalt des Doktorgrads in München, beruflich erste Sporen verdient hat. Perwanger dürfte als Südtiroler mit dem Kardauner E-Werksprojektanten Otto Kurz in Verbindung gestanden haben und über das Bauvorhaben seines Arbeitgebers bestens informiert gewesen sein. Perwanger, beschlagen im Maschinen- und Turbinenbau, eröffnete 1914 in Bozen sein erstes Büro und war ein sehr erfolgreicher Freiberufler, so der Sohn, Ingenieur Wolfgang Perwanger. Doch die Kriegswirren der kommenden Jahre, der Mangel, der Hunger und die Entbehrungen sowie die Sorge um die Existenz machten jedem Versuch nach technischem und zivilisatorischem Fortschritt einen Strich durch die Rechnung. Nach 1919 war Südtirol ein eigenes, vom Norden getrenntes Territorium, aufgrund der Annexion durch das italienische Königreich aus dem Verbund des alten Kronlandes der Habsburger herausgerissen. Das Annexionsdekret, mit dem die Südtiroler zu einer schutzbedürftigen ethnischen Minderheit in einem fremden Staat wurden, ist am 10. Oktober 1920 in Kraft getreten. In der Gemeindepolitik blieb vorerst alles beim Alten. Die italienische Besatzungsmacht ließ die Gemeindeverwaltungen gewähren. Militärgouverneur Pecori Giraldi wies seine Zivilkommissare an, Kontrollfunktion auszuüben und vor allem in den Städten eine antiitalienische Politik zu unterbinden. Es war der erstbeste Moment nach Kriegsende, als in diesem Klima des Umbruchs und der wirtschaftlichen Veränderungen, noch mit dem deutschfreiheitlichen Bürgermeister Julius Perathoner im Amt, der Bozner Freiberufler Dr. Ing. Leo Perwanger, die an die neuen Erfordernisse adaptierten Münchner Pläne für den Kardauner Kraftwerksbau dem Stadtmagistrat vorgelegt hat. Tatsächlich war Perwanger mittlerweile im Auftrag der Società Trentina di Elettricità Trento unterwegs, als er 1920 das Machbarkeitsprojekt für eine „Wasserableitung zur Stromgewinnung für Industriezwecke am Eisack“ aus der Schublade geholt haben dürfte. Allein die schwierigen Vermessungsarbeiten und die aufwändige detaillierte technische Projekterstellung hätten sehr viel mehr Zeit und Mittel in Anspruch genommen, als damals nach Kriegsende zur Verfügung standen. Die historischen Pläne waren beim Staatsbauamt in Bozen verwahrt, nach dessen Auflassung wurden sie in jüngerer Zeit beim Landesamt für Wasser und Energie deponiert. Diese technischen Pläne wurden im Namen eines Promotorenkomitees der „Società Idroelettrica dell’Alto Adige“ eingereicht, tragen den Stempel „Stadtmagistrat Bozen, 20. II. 1920“ und den handschriftlichen amtlichen Vermerk „Die Schrift ist während der Ediktalfrist beim Stadtmagistrat aufgelegen“, was der damals üblichen Kundmachungsfrist entsprach, innerhalb der Beanstandungen zugelassen waren. Alle Pläne sind von Ing. Perwanger unterschrieben. Leider finden sich weder im Bozner Stadtarchiv noch anderswo Quellen mit Hinweisen auf die Geschehnisse rund um den heißen Auftrag, obwohl das Projekt in Kardaun eigentlich ein Prestigeobjekt war. Vermutlich sind diese Gemeindenotizen, wie viele andere aus dieser Zeit auch, durch das Rote Kreuz vernichtet und eingestampft worden, und zwar wegen des großen Bedarfs an Papier. In den beim Staatsbauamt, heute Landesamt für Wasser und Energie, deponierten Akten findet sich das formelle Konzessionsgesuch der „Società Idroelettrica dell’Alto Adige“ (gegründet am 2. September 1919), in dem „Leone Perwanger“ als Projektant zitiert ist (Februar 1920). Dem Antrag auf Konzession wurde am 29. April 1922 durch den Generalkommissär für die „Venezia Tridentina“ stattgegeben. Dass es sich bei den Konzessionen für Wasserableitungen um einen lukrativen Deal gehandelt haben muss, beweist deren Weitergabe an die „Società Idroelettrica dell’Isarco“ (SIDI, gegründet 21. Dezember 1924). Die Gruppe konnte, als sie im November 1925 neue Konzessionsinhaberin wurde, auf eine stattliche Bankenfinanzierung setzen, vor allem auf den Banco di Roma, die Banca Cattolica Tridentina und die Elektrizitätsgesellschaft SIP (Società Idroelettrica Piemonte). Detail am Rande: Im Verwaltungsrat der SIDI, der Carlo Cicogna vorstand, war auch Terenzio Chiesa vertreten, eine der Schlüsselfiguren, da er gleichzeitig Techniker des Staatsbauamts in Trient und Verwaltungsrat der „Società italiana per l’utilizzazione delle forze idrauliche“ des Veneto war. Chiesa war es auch, der den Perwanger-Entwurf abgeändert und am 6. August 1925 – also drei Monate bevor die SIDI überhaupt neue Konzessionärin wurde –im Namen der SIDI vorgelegt hat. Nur zehn Tage später, am 29. November 1925 wird die Anlage von Kardaun mit königlichem Dekret Nr. 11736 genehmigt. Das Großkraftwerk konnte endlich in Bau gehen. Die Vorbereitungsarbeiten, vor allem die Erdbewegungs- und Aushubarbeiten, waren bereits Monate vorher in Angriff genommen worden.
Das technische Ausführungsprojekt, gezeichnet von Ingenieur Gaetano Ganassini, wurde am 10. Mai 1926 deponiert und dann ausgeführt. Die Kraftstation in „proto-rationalistischer Formensprache“ trägt die Handschrift des Turiner Architekten Eugenio Mollino.
Allein ein Artikel, der dem Kuratorium vom Nachfolger der Firma „Sager & Wörner“, der heutigen Walter-Heilit-Verkehrswegebau GmbH München, samt allen Originalplänen und Protokollen zum Kardauner Kraftwerksbau kürzlich übergeben wurde, lässt der Enttäuschung freien Lauf. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, heißt es in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ vom 07. September 1929: „Das Projekt eines Münchners von Italien übernommen. […] Nach dreijähriger Bauzeit wurde das derzeit größte Kraftwerk Europas in Betrieb gesetzt, das den Eisack zwischen Waidbruck und Bozen durch einen 14,5 km langen Tunnel über ein Gefälle von 170 m ausnützt. Das Projekt stammt von Ing. Otto Kurz in München, der schon 1906 die Bauunternehmung „Sager & Wörner“ dafür interessierte. Nach der Übernahme Südtirols eigneten sich die Italiener das bei der Bozener Baubehörde liegende Projekt an und führten es nun durch, ohne dass der Projektverfasser irgendwelche Entschädigung erhielt.“ Wirtschaftsspionage Anno 1911 oder der Normalfall in der Zwischenkriegszeit?
Wittfrida Mitterer
aus „Widerstand und Megawatt“, Athesia 2004
Die Zeitzeugendiskussion „Im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Technikkultur“ in der Maschinenhalle des Kraftwerkes Kardaun am 27. Mai 2004 und der anschließende Tag der offenen Tür lösten Interesse am fast vergessenen gemeinsamem Atelier der Architekten Clemens Holzmeister und Luis Trenker aus, allzumal sich Holzmeister im Jahre 1923 am Wettbewerb für den Kraftwerksbau beteiligte.
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