Nachdenken über den Brenner

{mosimage} Heute auf den Tag genau vor genau 63 Jahren, am 4. Oktober 1940 schüttelten sich Hitler und Mussolini am Bahnhof Brenner auf Gleis sieben die Hand. Am morgigen Sonntag werden sich hier vier Minister einfinden, um den Wahlkampf in Südtirol anzuheizen. Heute bot dieser Schauplatz durch die Teilnahme zahlreicher Gäste und Zeitzeugen neue Impulse für die Zukunft des Grenzorts, der seit dem Inkrafttreten des Schengen-Abkommens 1998 von einem in den 70er Jahren noch dicht bevölkerten, pulsierenden Grenzort (ca. 1500 Einwohner) zu einem 300 Seelen Dorf geschrumpft ist. Im Pfarrsaal der neuen Brenner Pfarrkirche Maria am Wege mitten im Dorfzentrum ließ man mit originalen Filmdokumenten des Istituto Luce, mit Filmbeiträgen der Rai-Journalistin Sandra Bortolin über den Alltag am Brenner, mit persönlichen, teils sehr bewegenden Erzählungen und Anekdoten aus der Pfarrchronik die Vergangenheit des Brenners Revue passieren. Das Evozieren vieler heiterer und auch tragischer Bilder vom Brenner zeigte eine einzigartige Pfarrei, die in Europa ihres gleichen sucht . Das kirchengeschichtliche Unikat, dem Teile der österreichischen Gemeinde Gries am Brenner angehören, ist eine Folge der Grenzziehung nach dem ersten Weltkrieg von 1918. Den Akzent auf das grenzüberschreitende Zusammenspiel und Mitwirken dies- und jenseits der Grenze setzten in ihren Statements der Bürgermeister der Gemeinde Brenner, Christian Egartner, der österreichische Kollege der Gemeinde Gries am Brenner, Willi Schöpfer, wie dessen Stellvertreter, Helmut Gassebner. Die Grenze hat freilich Spuren hinterlassen, architektonisch genauso wie solche im Kopf, doch gerade am intensiven Pfarrlebens erkennt man, dass das Verbindende über die künstlichen Trennungen siegt. Beispiele dafür sind der internationale und mehrsprachige Kindergarten, der grenzüberschreitende Seniorenclub, der rührige Verein des Freizeitvereins der Eisenbahner und des CAI. War der Vormittag dem Aufrollen der Pfarrchronik und der historisch markanten Ereignisse des Brenners gewidmet, so befasste man sich am Nachmittag mit dem Grenzort als Schauplatz menschlicher Schicksale, Endstation und Neuanfang für Familien wie jene der Durakovic. Den 1992 als bosnische Flüchtlinge an der Brennergrenze zurückgewiesenen Flüchtlingen, Isetta Durakovic mit ihren zwei kleinen Töchtern, verhalf der damalige Grenzpfarrer Hugo Senoner zu einer neuen Existenz. Er besorgte ihnen die nötigen Papiere für eine Zusammenführung mit ihrem nach München geflüchteten Mann. Der charismatische Brenner-Pfarrer Hugo Senoner (1990-1997 am Brenner) sparte nicht mit persönlichen Erfahrungsberichten und Kommentaren und plädierte für eine Lancierung des Brenners als Symbol europäischer Einheit. Vor der kunsthistorischen Führung durch die St. Valentinskapelle , erstmals 565 vom römischen Reiseschriftsteller Venantius Fortunatus urkundlich erwähnt, bot der Lokalhistoriker und Gemeindechronisten Günther Ennemoser Einblick in die Geschichte des Orts Brenner, der an der Kaiserstrasse erstmals unter der Herrschaft der Grafen von Tirol den Transitzoll kassierte. Besonderes Ambiente und Flair für Auswärtige hatte die Begehung des für Kunstzwecke adaptierten Kriegsbunker, wo Peter Kaser das Projekt 84 Treppen vorgestellt hat. Bei der Zeitzeugenbegegnung am Nachmittag zeichneten markante Brenner- Persönlichkeiten wie Rudi Plank, ex-Eisenbahnerchef, Ferdinand Plattner, pensionierter Gemeindeangestellter und eingefleischte Brenner-Kenner, Messnerin Waltraud Steger Joppi und ehemaliger Kindergartendirektor Gianfranco Cornella jenes kleinmaschige Gefüge nach, das für die Alltagskultur am Grenzort so typisch ist. Was aber am meisten die Gemüter bewegt, ist die Zukunft, die Aussichten eines historisch besonderen Dorfs auf der Suche nach Neuorientierung und neuer Identität. Und dieser Aspekt wurde in einer Abschlussdiskussion mit Stargästen, dem Tiroler Landeshauptmannstellvertreter Ferdinand Eberle, SVP-Senatorin Helga Thaler-Ausserhofer, den Bürgermeistern von Brenner, Christian Egartner, Gries am Brenner Helmut Gassebner und Franzensfeste Hans Wild, dem Tiroler Lichtkünstler Dieter Bartenbach und dem Publikum heiß debattiert. Die Fragen: Abriss oder Neunutzung des bestehenden historischen architektonischen Gefüges, die Suche nach zündenden Ideen für eine wirtschaftlich rentable und politisch vertretbare, auf Konsens aufbauende Lösung scheinen nicht einfach. Doch der Wille, den Brenner als Ort der Rast, der Einkehr, der Zusammenkunft, des Durchzugs an der wichtigsten Transitstrecke Europas neu zu beleben, ist eindeutig da. Ansatzweise wurden einige Vorschläge angedacht, die allerdings in einer fachkompetenten Runde vertieft werden sollen: Studentengarconieren in dem verkehrsmässig optimal angebundenen Dorf, ein Handelsplatz als Outlet-Variante, oder ein museales Künstlerdorf. Auf jeden Fall eine Sanierung des architektonischen Kernensembles und eine Neunutzung, die diesen einzigartigartigen Ort mit neuem Leben füllen soll. Das Kuratorium für technische Kulturgüter plant in nächster Zeit in Zusammenarbeit mit der Uni Innsbruck ein Bautenglossar herauszugeben, das eine Erhebung des historischen Bestands am Brenner und Diskussionsgrundlage zugleich sein will. Brenner, 4. Oktober 2003 {mosimage} {mosimage}