06. Bahnhof Sterzing

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06. Bahnhof Sterzing

Bahnhof Sterzing mit Vorplatz

Lage und Baugestalt des Bahnhofs sind geprägt von den örtlichen Gegebenheiten am Rande des Sterzinger Talbodens, eingebettet zwischen dem Ufer des Eisacks und dem dahinter ansteigenden Bergwiesenhang. Das Aufnahmegebäude mit seinem angebauten, eingeschossigen Anbau aus den späten 1950er-Jahren war ursprünglich ähnlich der offenen Wartehalle von Gossensass gestaltet. Weiter nördlich davon befindet sich das weitgehend original erhaltene Lagergebäude – eine Holzständerkonstruktion mit horizontaler Schalung, bei der die tragenden Wände aus senkrechten Holzstützen zusammengesetzt sind. An den Längsseiten, zur Stadtseite und Anlieferung sowie zur Laderampe am Bahnsteig, kragen fast 3 m tiefe Vordächer in Verlängerung des flachen Hauptdaches aus.

DATEN

Sammlung: Bahnen
Bezirk: Sterzing
Aktueller Zustand: betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich: Ja
AuftraggeberIn: K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (1862)
Projektant/Erfinder: Architekt Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Erbauer/Konstrukteur: Karl von Etzel

Sterzing hatte schon immer seit den Zeiten der Römer (Vipitenum) durch seine Lage in dem sich weitenden Tal und mit den Einmündungen des Pfitschtales, des Ridnauntales, den Zufahrten zum Penserjoch und zum Brenner eine besondere verkehrstechnische Bedeutung – eine Bedeutung, die durch die Bergwerke im Ridnauntal im Mittelalter gesteigert wurde. Die mächtige Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger – Eigentümer der Silbergruben – haben der Stadt im Mittelalter ihren Stempel aufgedrückt.
Der Bau der Brennerbahn brachte für Sterzing, seine Fuhrleute, Gastwirte, Hotelbesitzer und Handwerker, die vom Postkutschenverkehr lebten, einen schweren wirtschaftlichen Einbruch. Mit dem Bau der Bahnstrecke wurde allerdings auch das Moosgebiet an den Rändern der Stadt für Ackerbau und Viehzucht urbar gemacht und es entwickelte sich eine Großmolkerei. Man setzte mit dem Eisenbahnverkehr hauptsächlich auf den Tourismus – 1914 standen in Sterzing drei große Hotels und zehn Gasthäuser. Am Bahnhofsplatz entstand gegenüber dem Bahnhof das Hotel „Stötter“, welches durch ein im Jahre 2004 fertiggestelltes Wohn- und Geschäftshaus mit Supermarkt ersetzt wurde.
Das Aufnahmsgebäude in Sterzing ist das Beispiel einer etwas gedrungeneren Variante des Entwurfstyps der Klasse II/III mit jeweils nur zwei Fensterachsen beidseitig des Mitteltraktes, der sowohl strassenseitig als auch gleisseitig symmetrisch angeordnet ist. Die Seitengiebel haben erdgeschossig zwei, obergeschossig drei Fensterachsen und besonders sorgfältig detaillierte, in zwei Stufen versetzte dekorative Holzgiebel. Weitere Kennzeichen sind das ungewöhnliche Granitbruchsteinmauerwerk, das mit Eckrisaliten und Fensterfassungen aus weißem Marmor (einer Kalksteinmetamorphose wie auch in Gossensass) dekorativ eingefasst ist.
Das Hauptgebäude des Bahnhofes Sterzing hatte ursprünglich einen nördlichen erdgeschossigen Anbau für die Restauration mit einem offenen Salett als Sommerwarteplatz zum Bahnsteig, ein Gebäudeteil, das 1938 einem Brand zum Opfer fiel und daher durch einen Neubau ersetzt wurde.
Nördlich des Aufnahmsgebäudes wurde ein weitgehend original erhaltenes Lagerhaus in einer verschalten Holzskelettkonstruktion errichtet und ihm schräg gegenüber, mit dem Erdgeschoss teilweise in den Hang eingefügt, eine Wasserstation mit der üblichen Holzverschalung im Obergeschoss – im Unterschied zu den sonstigen Wasserstationen läuft hier das Satteldach zu den Geleisen parallel. Noch weiter nördlich, ganz am Ende des Bahngeländes, wurde ein Wärterhaus aus Granit und eine ebenfalls erhaltene Feuerlöschstation in Holzskelettbauweise, die mit verputztem Mauerwerk ausgefacht wurde, errichtet.
Zur Elektrifizierung der Brennerstrecke wurde Ende der 20er Jahre des 20. Jhdts. am südlichen Ende des Bahnhofsgeländes ein Umspannwerk realisiert, zu dem ein noch heute vorhandenes Stumpfgleis führt. Gegenüber an der Bahnhofstraße wurde 1928 vom Architekten Angiolo Mazzoni ein schönes dreistöckiges Wohnhaus für die Angestellten der FS geplant und gebaut.

Die Nutzung der Räume hat sich im Laufe der Zeit verändert. Im Vergleich zu Gossensass und Freienfeld handelt es sich bei Sterzing um ein bedeutendes Ensemble, bestehend aus Wasserturm, Schuppen und Feuerlöschstation. Das Aufnahmegebäude, einprägsam und unverwechselbar, steht in starkem Kontrast zur äußeren Erscheinung des holzverkleideten Lagergebäudes. Das zyklopenhafte, polygonale Fugenbild der Außenflächen des Aufnahmegebäudes erhält durch das orthogonale Erscheinungsbild der Quaderung an Kanten und Sockelzone Halt und tektonische Struktur. Besonders hervorzuheben ist das Material: Weißer Marmor umrahmt als Werkstein die Fenster und Türen. Das gekoppelte Mittelfenster, sowohl bahnseitig als auch straßenseitig, markiert jeweils die Mitte des Baukörpers. Der Sturzüberlager ist als Steinschnitt mit mittigem Schlussstein ausgeführt.
Im deutlichen Kontrast dazu steht die raue Oberfläche des Bruchsteinmauerwerks der Fassade – ein fast unwirklicher Gegensatz. Besonders die Eckquaderung, die wechselweise die Ecken umgreift, sticht durch ihre Farbe und Materialität hervor und unterstreicht die leicht vorspringende Mitte des Gebäudes.

Das Ensemble um den Bahnhof Sterzing bildet ein eigenes Viertel, geprägt von einer Vielfalt gut erhaltener und genutzter Funktionsbauten. Im Nahbereich des Zentrums der Sterzinger Altstadt gelegen und im Bestand erhalten, ist dieser Bahnhof ein lebendiger Ort der Begegnung und eine wichtige Mobilitätsdrehscheibe.

„An der Lehne des südlichen Wipptals zieht die Bahn, sich immer mehr der Talsohle nähernd, durch romantisches Gebiet, das die Sage mit Vorliebe zum Schauplatz ihrer Wunder und Begebenheiten wählt. Lag ja doch zwischen dem Brenner und dem Gardasee das Elfenreich Elberichs. Auf dem Sterzinger Moosgrunde, über den die Trace in gerader Linie weiterzieht, wandeln die Moosjungfrauen, und auf den nahe gelegenen Sprechenstein spukt der Schatten des eidbrüchigen Bauernjungen. Für die Bauingenieure der Brennerbahn hatte der Serpentinkogel des Sprechensteins eine etwas andere Bedeutung. Die Trasse musste dahinter vorüberführen. Riesige Massen wurden durch eine gigantische Sprengung weggesprengt, gegen die sogar die Behörden Einwände erhoben. Beim Bahnbau durch das Sterzinger Moos starben durch die ,miasmenerfüllte’ Luft zahlreiche Arbeiter.” (aus „Geschichte der Eisenbahn der österreichisch-ungarischen Monarchie” H. Strach, 1898 Wien).

K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (1862)
Bauzeit 1863 – 1867 von Innsbruck nach Bozen unter Karl von Etzel (gest. 1865) und Achilles Thommen, Wilhelm Pressel, Julius Lott und Wilhelm Hellwag. Fertigstellung: 1867. Umspannwerk und Wohnhaus 1928. Erneuerung Anbau 1958/59, Trafogebäude 1985. Zubau Bahnsteigüberdachung 1991/92 Heutige Eignerin: Italienische Staatsbahn FS (seit 1919 für die Strecke ab Brenner).

Architekt. Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Wilhelm von Flattich (1826-1900), Hochbaudirektor der K.K Privilegierten Südbahngesellschaft. Mitarbeit: Arch. Franz Wilhelm.

Informationen und Zitate aus:
Wilhelm von FLATTICH, Der Eisenbahn-Hochbau in seiner Durchführung auf den Linien der K.K. Priv. Südbahn-Gesellschaft, Wien, Lehmann&Wenzel, ohne Datum.
Elisabeth BAUMGARTNER Kleinodien alt-österreichischer Eisenbahnarchitektur: Die Hochbauten der Brennerbahn; Fotos Walter NIEDERMAYER, in: Christoph BERTSCH (Hrsg), Industriearchäologie, Nord-, Ost-, Südtirol und Vorarlberg, Innsbruck, Haymon Verlag 1992, S. 49-77.
Elisabeth BAUMGARTNER; Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol, Innsbruck, Haymon, 1990.
Gerhard und Josef DULTINGER, Die Brennerbahn, Gestern – heute – morgen, Thaur/Tirol, Wort und Welt Verlag, 2. Auflage: 1989
Laura Facchinelli, Die Eisenbahn Verona-Brenner, Athesia Bozen 1995
MART Quaderni di architettura, Angiolo Mazzoni – Architetto Ingeniere del Ministero delle Communicazioni, Skira Editore, Milano 2003.
Wittfrieda MITTERER, Zeitzeichen der Technik, Edizione Raetia, Bozen 1993.

Siehe auch:
Günther ENNEMOSER, La storia di Colle Isarco con particolari riguardi agli anni 1850-1914, tesi di laurea, Padova, 1974/75.
Günther ENNEMOSER; Südtiroler Gebietsführer, Nr.39, Bozen, Athesia Druck, 1984.
Alois TRENKWALDER, Brenner-Brennero, Gemeinde, Gemeinde Brenner-Gossensass (Hrsg.) 1999.
Hans-Jürgen und Carl ROSENBERGER, Die Eisenbahnen in Südtirol, Athesia; 1993.

Auskunftspersonen:
Radames PANDINI, Bauabteilung der FS, Bahnhof Bozen, Planarchiv.
Rudi PLANK, Vorsitzender des Eisenbahner-Freizeitvereins Dopolavoro FS, Bahnhof Sterzing

Südtirol – Eisacktal
Bahnhofstraße 38
I – 39049 Sterzing

Ferrovia Statale FS – Direktion Region Bozen
39100 Bozen
Tel: 0039-0471-976077
Fax: 0039-0471-313786
Webseite: http://www.trenitalia.it