Kraftwerk Gratsch
Erstes Genossenschaftswerk Südtirols
Die erste Idee eines Kraftwerkes an der Rienz hatte der Schulleiter und Gründer der Raiffeisenkasse Toblach Josef Walch Mitte der Neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Es gelang ihm, einen großen Kreis von Bürgern und Bauern zu überzeugen, ihre Ersparnisse in den Bau dieses Kraftwerkes zu investieren. Am 14. Oktober 1899 kam es zur ersten Vollversammlung der am 3. Oktober desselben Jahres gegründeten Genossenschaft. Unter dem Obmann Ing. Jakob Rienzner wurde das Projekt trotz vieler Schwierigkeiten zügig vorangetrieben. Um die Bürger von der Nützlichkeit des Werkes zu überzeugen, wurde von der Firma Elektro A.G. Wien ein kleines Schauwerk mit einem Wasserrad aufgestellt und damit eine Lampe betrieben. Im März 1900 wurde mit der Firma Siemens & Halske aus Wien ein Vertrag abgeschlossen, in dem sich diese verpflichtete, das Werk um 95000 Gulden zu erbauen und es Ende September des Jahres betriebsbereit zu übergeben. Der Bau und die Installation der Maschinen verzögerte sich aber, so dass das Werk erst im Jänner 1901 in Betrieb genommen werden konnte. (Ausführlicher Bericht siehe Festschrift zur 50-Jahr Feier). Die Wasserfassung, der Wasserkanal (1917 nach einem Mauereinsturz wiederhergestellt) zum Kraftwerk und das Krafthaus selbst sind noch im ursprügnlichen Zustand. Im Krafthaus befindet sich noch eine bestens erhaltene Francis-Doppelturbine (Firma Voith bzw. Firma Kössler). 1990 wurde diese Francisturbine durch eine Kaplan-Rohrturbine ersetzt.
Das Elektrizitätswerk Toblach A.G. ist die älteste Elektrizitätsgenossenschaft Südtirols und das Kraftwerk Gratsch somit das erste Genossenschaftswerk. Das Werk versorgte bald nach seiner Inbetriebnahme die Gemeinde Niederdorf und ab 1903 auch Innichen. 1903 kam der Plan auf, die vom Kraftwerk gelieferte elektrische Energe zur Betreibung einer elektrischen Kleinbahn von Toblach nach Cortina zu nutzen. Bis 1906 waren alle Vorstudien abgeschlossen. Das Vorhaben konnte jedoch nicht in die Tat umgesetzt werden, weil die Gemeinde trotz positiver Rentabilitätsberechnung die Finanzierung verweigerte.
DATEN
Das Kraftwerk wurde zur Jahrhundertwende, um 1900 erbaut. Damals glaubten die gebildeten Kreise ohne Vorbehalt an den technischen Fortschritt. In Toblach gab es wegen des immer stärker florierenden Fremdenverkehrs eine ganze Reihe gutgehender Hotels und Gasthäuser. Neben dem Hochadel waren auch berühmte Künstler (z.B. Gustav Mahler) regelmäßige Gäste. Durch die Pustertaler-Bahn wurde der Zustrom von Besuchern zusätzlich gefördert. Größere Teile der Bevölkerung profitierten von diesem wirtschaftlichen Aufschwung, es wurde eine Raiffeisenkasse gegründet (1891), deren Einlagenstand kräftig wuchs. Die Bürger hatten also Kapital zur Verfügung, das wegen der niedrigen Zinsen nach einer Investitionsmöglichkeit suchte. Der damals weitverbreitete Zukunftsglaube und das vorbehaltslose Vertrauen an den technischen Fortschritt ließ den Gedanken an ein elektrisches Kraftwerk an der Rienz aufkommen.
Die heute als Schaustück in der Kraftwerkshalle ausgestellte, ursprüngliche Maschinengruppe (Francis-Doppelturbine und Generator) stellt aufrund des exzellenten Erhaltungszustandes ein wertvolles Beispiel der Maschinentechnik um 1900 dar.
Von der Wasserfassung an der Rienz – jene am Silvesterbach wird nicht mehr verwendet (geringe Wasserführung und stark verschmutztes Wasser bei Unwettern brachten in der Vergangenheit mehr Schaden als Nutzen) gelangt das Wasser über einen 700 m langen Kanal zum Wasserschloss, das sich nur wenige Meter neben dem Krafthaus befindet. Vom Wasserschloss gelangt das Wasser zur Kaplanturbine mit angeschlossenem Drehstromgenerator.
Die erzeugte elektrische Energie wird über ein eigenes Leitungsnetz zu den Verbrauchern geleitet.
Über einen kurzen Ausflusskanal wird das abgearbeitete Wasser rechtsseitig der Rienz zurückgeführt.
Die vorgeschriebene Restwassermenge, die zur Erhaltung der Flussfauna nötig ist, beträgt 242 l/s.
Maximale abgeleitete Wassermenge: 4.820 l/s
Mittlere abgeleitete Wassermenge: 3.130 l/s
Nennfallhöhe: 12,5 m
Mittlere Nennleistung: 383,58 kW
Gewässer: Rienz, früher auch der Silvesterbach
Mindestrestwassermenge: 242 l/s
Das Kraftwerk nahm 1901 seinen Betrieb auf. Das Einzugsgebiet betrug ursprünglich etwa 121 km².
Es bestanden zwei Wasserfassungen: an der Rienz und am Silvesterbach. Die Fassung an der Rienz besteht aus eine Sperre aus Stahlbeton; das Wasser wird zur orographisch rechten Seite hin abgeleitet. Der Zulaufkanal zum Wasserschloss hat eine Länge von 700 m.
Bis 1990 waren in der Maschinenhalle 3 Francisturbinen mit den zugehörigen Drehstromgeneratoren installiert. 1990 wurde das Werk vollkommen umgebaut. Die Francisturbinen – eine davon befindet sich noch als Schaustück in der Maschinenhalle – wurden ausgebaut und durch eine Kaplanturbine und einen neuen Generator ersetzt. Die Wasserbauten blieben dagegen im wesentlichen unverändert.
Das Einzugsgebiet beträgt 115,5 km² und umfaßt das Höhlensteintal vom Gemärk (Gemeinde- und Landesgrenze) bis zum Toblacher Feld; die Gewässer sind die Rienz und die beidseitigen Zuflüsse. Der Silvesterbach wird nur zu einem sehr geringen Teil genutzt. Es hat sich nämlich in der Vergangenheit gezeigt, dass im allgemeinen die Wasserführung ziemlich gering ist und nach starken Regenfällen leicht Geröll und Schlamm mitgeführt werden.
Das Kraftwerk liegt in der Gewerbezone Gratsch, ca. 1,5 km vom Ortskern von Toblach entfernt.
Wasserfassung 1192,5 m über dem Meer, Krafthaus (Turbine) 1180 m über dem Meer.
Von der Wasserfassung führt ein Kanal (er unterquert einmal die Staatsstraße) zum Krafthaus.
Anfahrt
Von Bruneck kommend an der Staatsstraße bis zur Gewerbezone Gratsch, etwa 1,5 km vor Toblach.
Wegbeschreibung
Von Westen kommend bei der Gewerbezone Gratsch links abbiegen und noch ca. 50 m bis zum Kraftwerk.
Ing. Jakob Rienzner (Toblach) und Firma Siemens & Halske (Wien)
Ing. Jakob Rienzner war der erste Obmann des Elektrizitätswerkes Toblach.
Elektrizitätswerk Toblach A.G.
Rathausplatz 1, Kraftwerk: Gratsch 8
39034 Toblach
Tel: 0474-972105
Webseite: http://