34. Standseilbahn Virgl

34. Standseilbahn Virgl

Bozen
1907
Der größere der beiden Viaduktbögen war 46 m breit, hier mit einem Schrägwagen der Standseilbahn

Die Virglbahn wurde 1907 als technische Meisterleistung eröffnet und verband Bozen in nur vier Minuten mit dem beliebten Ausflugsziel Virgl. Ihr Bau wurde vom Bankier Sigismund Schwarz initiiert, der mit der Bahn auch sein Hotel Virglwarte touristisch stärken wollte. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde die Anlage 1957 durch eine Seilschwebebahn ersetzt, die bis 1976 in Betrieb war. Die ehemalige Bergstation erinnert bis heute an diese eindrucksvolle Pionierleistung.

DATEN

Sammlung: Bergbahnen
Bezirk: Bozen
Aktueller Zustand: nicht betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich: Ja
Baubeginn: 1906
Inbetriebnahme: 1907 bis 1976
AuftraggeberIn: Sigismund Schwarz, Bozen
Projektant/Erfinder: Emil Strub, Ing. Erwin Schwarz, Bozen
Erbauer/Konstrukteur: Baufirma Guschelbauer & Marek, Bozen; Rollsche Eisenwerke, Bern

Wie bei anderen Bergbahnen jener Zeit stand auch für Schwarz die wirtschaftliche Überlegung im Vordergrund: Der Virgl sollte durch die schnelle Verbindung ein beliebtes Ausflugsziel werden. Besucher und Gäste sollten in dem von Schwarz betriebenen Hotel Virglwarte einkehren oder übernachten.

Zeitgleich war eine ähnliche Aufstiegsanlage von Bozen auf den Kohlerer Berg zur Jausenstation Kohlern geplant, sodass sich das Ausflugsziel Virgl in unmittelbarer Nähe zu diesem Höhengasthaus befand. Die größte Herausforderung beim Bau war die Überwindung der großen Steigung. Nach einjähriger Bauzeit konnte die Virglbahn am 20. November 1907 den Fahrbetrieb aufnehmen – nur sieben Monate vor der Kohlerer Bahn.

Die Einstellung der Standseilbahn erfolgte 1943, nachdem sie im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört worden war. An ihrer Stelle entstand 1957 eine Seilschwebebahn, die bis 1976 in Betrieb war. Ihre Talstation befand sich am Bozner Boden, nahe dem Zugbahnhof. Hohe Sicherheitsauflagen, denen der Betreiber nicht mehr nachkommen konnte, führten im Jahr 1976 zur Schließung der Virgl-Seilschwebebahn. Im Rahmen des anstehenden Bahnhofsumbaus sieht der Masterplan (Stand 2025) auch eine Revitalisierung des Virgls und dessen Erschließung mit einer neuen Seilbahn vor, die direkt im Zentrum der historischen Bahnhofsanlage ihren Ausgang nehmen soll.

Die Standseilbahn auf den Virgl war eine bautechnische Meisterleistung. Die aufgelassene Bergstation befindet sich auf dem Geländevorsprung des Kohlerer Berges, und die verschiedenen Funktionsbereiche der Anlage sind noch immer erkennbar. An der nordwestlichen Seite des Haupttraktes ist der schräg angelegte Ein- und Ausfahrtsbereich für die Fahrzeuge zu sehen, links davon die Veranda, die einstige Gaststube der Virglwarte.

Die Talstation hingegen wurde vollständig abgetragen. Ursprünglich befand sie sich an der Bahnunterführung der Brennerbahn, im Anschluss an die Straße auf den Virgl und zum Kalvarienberg. Die Virglbahn hatte bei einer Gesamtlänge von 342 m einen Höhenunterschied von 196 m zu überwinden, bei einer größten Steigung von 70 %. Die Talstation lag auf 261 m, die Bergstation auf 457 m. Mit einer Fahrgeschwindigkeit von 1,5 m/s bewältigten die beiden Fahrzeuge den Aufstieg in vier Minuten. Dies ergab bei einer Fahrzeugkapazität von 36 Personen – 24 Sitz- und 12 Stehplätzen – eine Förderleistung von 144 P/h. Das stromliefernde Kraftwerk war das Elektrizitäts- und Wasserwerk der Gemeinde Bozen. Das steile Gelände bestimmte Form und Unterbau der Bahnanlage.

Um markante Geländesenken zu überwinden, wurden zwei Viaduktbögen errichtet: Das längere überspannte 46 m, das kürzere 6 m. Der Baukörper bestand aus Beton und war seitlich mit Porphyrsteinen verkleidet. Darauf verliefen die Schienen mit einer Spurweite von einem Meter. Im oberen Trassenabschnitt befand sich eine Ausweiche, bestehend aus einer Verdoppelung der Geleise, auf Finanziert wurde der Bau der Standseilbahn vom Bozner Bankier Sigismund Schwarz, nach Plänen von Emil Strub. Die Bauarbeiten führte die Bozner Baufirma Guschelbauer und Marek aus.

Der Virgl liegt 457 m und ist ein südlicher Felsvorsprung des Kohlererberges.
Der Kohlererberg ist einer jener Berge, die den Bozner Talkessel umgeben. Zusammen mit dem Ritten und dem Tschöggelberg lassen sie für die Stadt einen Talboden entstehen, der nach Südwesten, in Richtung Überetsch und Unterland hin geöffnet ist.
Die Talweitung liegt inmitten der Bozner Porphyrplatte, die durch den Zusammenfluss von Talfer (aus dem Sarntal) und Eisack (vom Brenner) und deren Einmündung in den Etschstrom entstanden ist.
Bozen liegt auf einer Meereshöhe von 265 m im östlichen Teil dieser Talweitung.
Dadurch entsteht eine klimatisch sehr günstige Lage mit milden Temperaturen im Winter und kühlen Nächten im Sommer. Infolge der Sonneneinstrahlung können sich hohe Temperaturunterschiede ergeben, wodurch die Stadt im Sommer manchmal die heißesten Werte Italiens zu verzeichnen hat. Daher flüchtet im Sommer, wer kann, aus der Stadt in die kühleren Mittelgebirge. Auch Kohlern ist ein beliebter Ort für die „Sommerfrisch“.

Der Name „Virgl“ hat nichts mit dem Hl. Vigilius zu tun. Die Bezeichnung stammt, den Sprachforschern zufolge, vielmehr vom lat. Ausdruck „verruca“, was soviel wie Warze oder warzenähnlicher Vorsprung bedeutet – also den Felsvorsprung des Kohlererberges meint.

Im Vergleich zum Kohlererberg ist der Virgl zwar auch ein kleines Hochplateau, bietet aber weniger Wandermöglichkeiten. Der Spaziergang zur Haselburg ist sehr lohnenswert, die auf fast gleicher Höhe südlich der Virglkuppe liegt.

Die Kreuzwegstation am Kalvarienberg wurde weitgehend zerstört. Aus den sechs wieder aufgebauten Kapellen wurden die geschnitzten Figuren gestohlen. Die Grabeskirche wurde 1683 von Andrea und Pietro Delai als Kreuzkuppelbau errichtet.

Auf der höher liegenden Kuppe stand einst die Burg Weineck, die Meinhard II. zerstörte. Heute sind nur mehr Reste erhalten.

Etwas unterhalb ist die ende des 17. jh. profanierte Kapelle St. Vigil unter Weineck gelegen, in der Verschmelung mit einem haus kaum als Kirchlein erkennbar.

Einkehrmöglichkeiten bieten die aussichtsreichen bäuerlichen Gasthäuser Kohlerhof und Wendlandhof.

Anfahrt
Die Stadt Bozen liegt an der Verbindungsstrecke zwischen Nord und Süd. Sie ist mit Auto, Bahn und Flugzeug bequem erreichbar.
Die Website des Fremdenverkehrsamtes der Stadt Bozen gibt umfassende Informationen zur Anreise inkl. Fahrpläne und Verkehrsbericht.
http://www.bolzano-bozen.it/informazioni-d.htm

Wegbeschreibung
Die Talstation der Virglbahn ist nicht erhalten. Sie stand am Bozner Boden.

Zur ehemaligen Bergstation: Vom Verdiplatz überquert man die Loretobrücke und geht entlang der Trienter Straße bis zu einer Ampel, wo links die Untervirglstraße einmündet. Auf dieser unter der Banhunterführung der Brennerbahn durch und gleich danach rechts auf den Kalvarienberg. Nach der Grabeskirche heißt die Fahrstraße Virglweg.
In Kehren steigt die Straße empor zur Virglkuppe, wo sich das Gebäude der ehmaligen Bergstation befindet.

20.11.1907 – Überwindung der Steigung
Die Virglbahn galt als bautechnische Meisterleistung, weil sie eine Steigung von max. 70% zu überwinden hatte.
Daher prägte das steile Gelände Form und Unterbau der Bahnanlage. Standseilbahnen benötigen eine relativ geradlinige Fahrspur. Zur Überwindung markanter Senken im Gelände wurden zwei Viaduktbögen gebaut: Das längere Viadukt überspannte eine Weite von 46 m, das kürzere eine Distanz von 6 m. Der Baukörper wurde in Zement ausgeführt und seitlich mit Porphyrsteinen verkleidet. Darauf waren die Schienen mit einem Meter Spurweite angebracht.

Sigismund Schwarz, Bozen
Sigismund Schwarz, ein Bozner Bankier und Förderer des Südtiroler Seilbahnwesens, gedachte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Standseilbahn von Bozen zum Virglberg zu erbauen. Das fortschrittliche Verkehrsmittel sollte die Attraktivität des nahegelegenen Ausflugsziels steigern und so die Rentabilität des von Schwarz betriebenen „Hotel Virglwarte“ sichern. Wollte Schwarz dem zu befürchtenden Konkurrenzdruck durch die Kohlererbahn nicht erliegen, musste er bahnmäßig mithalten. In der Tat erfreute sich die Bahn großer Beliebtheit.

Emil Strub, Ing. Erwin Schwarz, Bozen
Die Anlage plante der Bergbauingenieur Emil Strub, bekannt auch durch die technische Projektleitung der Mendelbahn. Die Bauleitung übernahm Schwarz’ älterer Sohn Ing. Erwin Schwarz. Bereits Ende desselben Jahres wurden die Bauarbeiten von der Bozner Baufirma Guschelbauer und Marek in Angriff genommen. Nach etwa einjähriger Bauzeit konnte die Virglbahn am 20. November 1907 den Fahrbetrieb aufnehmen – nur einige Monate vor Inbetriebnahme der weltweit ersten Personenseilschwebebahn von Bozen nach Kohlern.

Die Kohlererbahn. (Von Bozen auf den Kohlererberg.)
Die Tiroler Bergbahnen. Technisch und landschaftlich dargestellt von Karl Armbruster.
S. 162 – 175
AutorIn: Armbruster, Karl
Herausgeber/Zeitschrift: In: Die Tiroler Bergbahnen.
Verlag: Verlag für Fachliteratur
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungdatum: 1914

Von der Aussichtspartie zur Panoramabahn
Verkehrsgeschichte zwischen Kufstein und Ala im Spannungsfeld von Tourismus, Politik und Kultur. 1883-1916.
Altösterreichisches Verkehrsdesign, Beispiel Rittner-Bahn / mit Beiträgen von Giovanni Klaus König und Johann Stockklausner. Fotos von Oswald Kofler
S. 267 – 293;
AutorIn: Baumgartner, Elisabeth
Herausgeber/Zeitschrift: In: Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol
Verlag: Haymon – Verlag
Erscheinungsort: Innsbruck
Erscheinungdatum: 1989

Per salire: funi e ruote dentate. In: Zeitzeichen der Technik
Industriegeschichte in Südtirol. 1800 – 1945.
S. 49 – 53;
AutorIn: Ferrandi, Giuseppe
Herausgeber/Zeitschrift: Mitterer, Wittfrida
Verlag: Edition Raetia
Erscheinungsort: Bozen
Erscheinungdatum: 1993

Gebautes Gestern. Baustellen, Landschaft und Gesellschaft in Südtirol
AutorIn: Holzer, Anton u.a.
Herausgeber/Zeitschrift: Bauarbeiterkasse der Autonomen Provinz Bozen
Erscheinungsort: Bozen
Erscheinungdatum: 1995

Promenadenwege und Bergbahnen in und um Bozen
Sonderausdruck aus: Stadt im Umbruch. Beiträge über Bozen seit 1900. Jahrbuch des Südtiroler Kulturinstituts, Bd. VIII.
AutorIn: Innerebner, Georg
Herausgeber/Zeitschrift: Südtiroler Kulturinstitut
Erscheinungsort: Bozen
Erscheinungdatum: 1973

Stählerne Stege. Der Seilbahnpionier Louis Zuegg
AutorIn: Innerhofer, Albert / Staffler, Reinhold
Verlag: Edition Raetia
Erscheinungsort: Bozen
Erscheinungdatum: 1996

Die zwei Bahnen auf den Virglberg
S. 8
AutorIn: Mahlknecht, Bruno
Herausgeber/Zeitschrift: In: Dolomiten Jg 119, Nr. 291
Verlag: Athesia
Erscheinungsort: Bozen
Erscheinungdatum: 19.12.2001

Die frühen Seilschwebebahnen in Vorarlberg, Süd- und Nordtirol. In: Industriearchäologie Vorarlberg, Nord-, Süd- und Osttirol.
Industriearchäologie, Vorarlberg, Nord-, Süd- und Osttirol
AutorIn: Neuwirth, Markus
Herausgeber/Zeitschrift: Bertsch, Christoph
Erscheinungsort: Innsbruck
Erscheinungdatum: 1992

Technischer Bericht und Rentabilitätsberechnung über die Virglbahn
(Beilage des Sammelvolumens)
AutorIn: Strub, Emil
Erscheinungsort: Bozen
Erscheinungdatum: 1905

Die Bergbahnen von Bozen – Gries: ein Geleitbüchlein für Fremde
Reiseführer
AutorIn: Wolff, Karl Felix / Reich, P.
Verlag: Selbstverlag des Verfassers
Erscheinungsort: Bozen
Erscheinungdatum: 1912

Beschreibung der Drahtseilbahn auf den Virgl bei Bozen
Publikation aus Anlaß ihrer Eröffnung am 20. November 1907, (4 Beilagen).
Erscheinungdatum: 2000

http://www.bolzano-bozen.it/
Die offizielle Website der Stadt Bozen gibt Auskunft über Ausflugsziele und Einkehrmöglichkeiten, erwähnt allerdins nicht den Virgl, sondern vielmehr den Kohlererberg.