Das Kellerensemble von Girlan – ein architektonisch
technikgeschichtliches Kleinod
Eine Atmosphäre der Weinkultur aus der Stunde Null, modriger Geruch, gedämpfte
Geräusche und Gesprächsfetzen begleiteten die rund vierzigköpfige Gruppe, die
vergangenen Freitag ehrfurchtsvoll und neugierig in den Girlaner „Underground“
hinab gestiegen ist. Die Besichtigung der Girlaner Kellerwelten, heute
Grossteils leer stehend, hat dem Besucherauge eine neue bislang unbekannte
spannende Dimension eröffnet: nach durchgeführten Bauaufnahmen und Erhebungen im
Rahmen einer Projektarbeit der Universität Innsbruck ist klar geworden, dass die
Girlaner Keller in ihrer einzigartigen Ausrichtung weitgehend untereinander
vernetzt sind. Wie während der Führung der Innsbrucker Universitätsprofessor,
Joachim Moroder zu verstehen gab, finde sich unterirdisch fast das gleiche
Volumen des über dem Keller liegenden historischen Weinhofs wieder. Im Zuge der
Vermessungen, der baulichen Lösungsansätze, der architektonischen Formensprache
und Putz-Analysen habe sich gezeigt, dass die „Terratektur“, die Kellerwelten,
des ursprünglich urkundlich in den Römerzeiten erwähnten Curilanum symmetrisch
mit den Bauten des historischen Dorfkerns übereinstimmen.
Grosses Anliegen
sei es jetzt die Identität des historischen Dorfkerns zu stärken und auf die
Besonderheiten Girlans hinzuweisen, sagten Weinfachmann Hartmut Spitaler und
Gemeinderätin Ehrentraut Riegler Troger. Regen Zuspruch gab es, als das Fernziel
angesprochen wurde, ein oder zwei Keller kulturell und touristisch im Rahmen
eines durchdachten langfristigen Gesamtkonzepts zu erschliessen. Wittfrida
Mitterer sicherte die Unterstützung des Kuratoriums für Technische Kulturgüter
zu, da die Keller als technikgeschichtliches Unikat weit mehr als „nur“ über den
Weinbau im Überetsch aussagen, sie gelten als die historischen „informativen
Wurzeln„, die über den Transport der wertvollen Weinfracht, den Ausbau der
Verkehrswege, der Ausbildung des Frächterwesens, den eigenen Hofstellen längs
der Brennerstrasse für die zinspflichtige Weinbeförderung und die
kulturgeschichtlichen Aspekte des Austausches zwischen Süd und Nord Aufschluss
geben. Es ist in den in Bibliotheken von Klöstern und Schlössern oder anderen
Archiven verwahrten Urkunden leicht nachzuvollziehen, dass die Südtiroler
Weinwirtschaft, die vielen Menschen eine Lebensgrundlage war, in ihrer
einseitigen Ausrichtung nach Norden seit dem frühen Mittelalter auch die
weiteren Kraftlinien und kulturellen Bindungen wesentlich mitgeprägt hat. Aus
der Sicht des Kuratoriums müssen die Kellerwelten als Ensemble betrachtet
werden, das zu einem kulturellen Leuchtkörper erstrahlen soll. Geplant wäre in
einer Publikation die Bautendokumentation ausgewählter besonders markanter
Keller-Beispiele zu präsentieren, die in Schrift und Bild erfasst und
dargestellt werden.
Unter dem zahlreichen, prominenten Publikum und den
vielen technikgeschichtlich Interessierten befanden sich u.a.
Urbanistik-Landesrat Michl Laimer, Regionalassessorin und
SVP-Landesfrauenreferentin Martha Stocker, der Eppaner Vizebürgermeister Rudolf
Gutgsell, sowie angereist aus Tirol, Altlandeshauptmann Wendelin Weingartner.
Mit von der Partie waren ausserdem auch Athesia-Buchverlag-Direktor Alfons
Gruber, Rai-Direktor Carlo Corazzola sowie Raetia-Verlagschef Gottfried
Solderer. Besonders eindrucksvoll waren die Kellerbesichtigungen mit Führungen
von Peter Brigl, Josef Weger, Helmut Meraner und dem Platzbauer Hans
Niedermayr.
Der rege Zuspruch der Besucher bestärkte die Macher am Girlaner
Kellerweltenprojekt weiterzustricken.
wm