Seine Schulbildung erhielt Negrelli in Feltre und zählte dort zu den besten Schülern, wobei er vor allem durch seine mathematischen und zeichnerischen Fähigkeiten brillierte. 1809, im Zuge der Napoleonischen Kriege verlor die ehemals wohlhabende Gutsbesitzerfamilie Negrelli aus Fiera de Primiero (heute Südtirol) ihr gesamtes Vermögen. Nur ein kaiserliches Stipendium sicherte die weitere Schulbildung und 1818 konnte Negrelli zunächst als unbesoldeter Praktikant, später als Ingenieur in den Dienst der k.k. Baudirektion für Tirol und Vorarlberg treten. Besonders gefördert wird er von seinem Vorgesetzten und Freund Josef Duile, der als versierter Baupraktiker auf Schutzwasser-, Straßen- und Brückenbau spezialisiert war.Nach drei Jahren wurde er nach Wien berufen, um sich mit dem Brückenbau in Eisen auseinanderzusetzen. Über Anton Ritter von Gerstner lernt Negrelli 1825 den Eisenbahnbau kennen. Nach Tirol zurückgekehrt, begleitet er Josef Duile nach Bregenz, um an der Rheinregulierung mit zuarbeiteten und endlich die verheerenden Hochwasserschäden einzudämmenDaran anschließend folgen für Negrelli wichtige Jahre in der Schweiz, zunächst in St.Gallen, wo er als Straßen- und Wasserbau-Inspektor arbeitet, dann, ab 1835, in Zürich, wo er die Oberleitung sämtlicher städtischer Bauten übernimmt und Brücken in Zürich und Basel entwirft. Auf Studienreisen nach England, Frankreich und Belgien sammelt er die neusten Erkenntnisse auf ingenieurtechnischem Gebiet, die in einem Bericht über das Eisenbahnwesen niedergelegt werden. In diesem Aufsatz, der zum Standardwerk des Eisenbahnbaus avancierte, trat Negrelli für die ausschließliche Verwendung der Dampflokomotive ein. Über diese Theorie hinaus, setzte er die gewonnenen Erfahrungen in der Planung der ersten Schweizer Eisenbahnlinie von Zürich nach Basel in die Praxis um.
Negrelli und die Tiroler Eisenbahnen Vom Eisenbahnverein Innsbruck beauftragt, erstellte Negrelli 1838 kostenlos ein “Gutachten über den Zug einer Eisenbahn von Innsbruck bis an die königlich-baierische Grenze unter Kufstein”. Dieses Projekt sollte erst ab 1853 durch Carl Ghega ausgeführt werden.Schon 1840 kehrte Negrelli auf Anfrage der Kaiser-Ferdinand-Nordbahnen nach Österreich zurück und widmete sich als Generalinspektor dem Bau der Bahnstrecke Olmütz-Lundenburg. Kurze Zeit später wird auf kaiserlichen Beschluss eine Generaldirektion für Staatsbahnen eingerichtet und Negrelli zum Generalinspektor für die nördlichen Staatsbahnen, sein Kollege Ghega zum Generalinspektor für die südlichen Staatsbahnen berufen.Nach den revolutionären Ereignissen von 1848 und 1849 wurde die Generaldirektion aufgelöst und Negrelli nach Italien entsandt. Mit großem Einsatz baute Negrelli die zerstörte Eisenbahn-Infrastruktur wieder auf, womit er den militärischen Nachschub für Graf Radetzky im Kampf gegen die sardischen Truppen sichert. Für seine Verdienste um das Kaiserreich erhält Negrelli den Orden der Eisernen Krone und trägt von nun an den Adelstitel Ritter von Moldelbe. Ein kaiserliches Dekret weist ihm den Chef-Posten der Ober-Baudirektion des lombardisch-venezianischen Königreichs mit Sitz in Verona zu. In dieser Funktion vervollständigt er 1851 das dortige Eisenbahnnetz mit den Linien Verona-Mantua und Mestre-Treviso. Zu diesem Zeitpunkt sind die Vorarbeiten zur Linien Verona-Trient-Bozen schon seit einem Jahr im Gange und im Juni 1854 kann mit den Bauarbeiten unter Negrellis Leitung begonnen werden. Der Bau dieser Strecke fordert Negrellis Fachkenntnisse und Organisationsfähigkeiten heraus. Felsmassive mussten im Bereich der Berner Klause und am Fuße des Bozner Kalvarienberges, beim Virgl, weggesprengt und an manchen Stellen die Etsch verlegt werden. Die Trasse musste Geröllhalden von Bergstürzen bei San Marco bei Mori überwinden und bei Lavis und Salurn Sümpfe durchqueren. Dem nicht genug galt es noch den Bau imposanter Eisenbrücken zu meistern. Mit 100 Metern Spannweiten wird die Etsch bei Gmünd und mit 89 Metern Spannweite bei San Michele überwunden. Letzten Endes werden die Herausforderungen gemeistert, sodass fünf Jahre später im März 1859 die Linie Verona-Trient und im Mai 1859 die Linie Trient-Bozen dem Verkehr übergeben werden konnte. Negrelli und der Suezkanal Die Idee einer Verbindung des Indischen Ozeans und des Mittelmeers mittels eines Kanals, faszinierte und beschäftigte Negrelli schon seit 1836 als er noch in der Schweiz beschäftigt war. Als Gesandter Österreich engagierte sich Negrelli erfolgreich bei der 1855 gegründeten “Internationalen Kommission für den Suezkanal”. Mit seinen Vorschlägen zum Bau eines schleusenlosen Kanals konnte er die gesamte Kommission überzeugen.Im August 1857 ernennt der Vizekönig von Ägypten Negrelli zum “Vorstand der technischen Oberleitung des Suezkanal-Unternehmen”. Ein Jahr später -kurz vor dem Spatenstich des Bauwerkes- beendete der plötzliche Tod Negrellis seine Arbeit an dem ehrgeizigen Projekt. Fortan gelang es dem französischen Ingenieur Ferdinand de Lesseps an der Spitze der Kanalbaugesellschaft, sich selbst als Urheber des Kanalbaus zu stilisieren. Bei der Eröffnung des Suezkanal 1869 lässt er sich als Held Frankreichs feiern.Erst durch einen Gerichtsprozess 1890 konnte Negrellis Tochter Marie Grois die Urheberschaft ihres Vater an den Kanalplänen beweisen. Es kam jedoch zu keinem endgültigen Schiedsspruch, weshalb Negrelli bis heute im Schatten von Lesseps steht.
Quelle: „Eisenbahnpioniere“ aus „Weichen und Wahrzeichen“, Athesia Verlag, 2007