01. Bahnhof Brenner

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01. Bahnhof Brenner

Brenner
1867
Der Bahnhof Brenner wird durch die Etzelstraße erschlossen. Bahnseitig verschwindet das Aufnahmegebäude hinter den Schneemassen, festgehalten mit der Kamera von Werner Schröter am 2. April 2019

Lage und Baugestalt des Bahnhofs Brenner sind wesentlich durch die Topografie der Brennerfurche bestimmt. Das Bahnhofsareal liegt zentral in dieser Geländemulde, um vor Lawinen und Muren bestmöglich geschützt zu sein. Der Brenner, auf 1.357 m Meereshöhe gelegen, gilt als die niedrigste Alpenquerung Europas. Am österreichisch-italienischen Grenzbahnhof befinden sich alle Einrichtungen, die für die grenzüberschreitende Abwicklung des Schienenverkehrs notwendig sind – darunter auch der infolge unterschiedlicher Stromsysteme erforderliche Lokomotivwechsel.

DATEN

Sammlung: Bahnen
Bezirk: Brenner
Aktueller Zustand: betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich: Ja
AuftraggeberIn: K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (gegründet 1862)
Projektant/Erfinder: Architekt Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Erbauer/Konstrukteur: Karl von Etzel

Mit dem Bahnbau erhielt die Ortschaft Brenner im Jahr 1866 einen kleinen Bahnhof mit Wendestation und angeschlossenem Gasthof. Ergänzt wurde das Ensemble durch ein doppeltes Wärterhaus, eine Wasserstation und einen Warteraum. Nach der neuen Grenzziehung infolge des Vertrags von Saint-Germain 1919 wurde der römische Architekt Angiolo Mazzoni – führender Vertreter des italienischen Rationalismus – mit der Um- und Neugestaltung des nunmehrigen Grenzbahnhofs beauftragt. Der Mittelperron, der die Zollstation, den Fahrkartenschalter und den Warteraum unter einem elegant gerundeten, schlanken Stahlbeton-Schutzdach vereint, wurde 1933 errichtet und durch eine Unterführung mit dem Hauptgebäude verbunden. Dieses Hauptgebäude wurde an seiner Südseite aufgestockt und erweitert, das bestehende Vordach durch ein neues, verlängertes ersetzt. Mazzoni, als Regime-Architekt in den politischen Machtkreisen gut vernetzt, versuchte, dem monumentalen Baukörper durch gezielt eingesetzte Asymmetrien und die Verwendung historisierender, manieristischer Architekturelemente Ausdruck und Spannung zu verleihen.

Der Brenner im Wandel der Zeit
Spuren einer ersten Besiedlung der Passhöhe am Brenner gibt es nachweislich um das Jahr 1000 n. Chr. nachweisen. Die Bezeichnung „Prenner“ taucht erstmals im Jahr 1288 auf. Die Grafen von Tirol erkannten als erste die strategische Bedeutung des niedrigsten Alpenübergangs und errichteten 1414 bei der Engstelle von Lueg eine Zollstation.
Als zwischen 1864 und 1867 die Eisenbahnlinie Innsbruck–Bozen nach den Plänen von Ing. Carl von Etzel gebaut wurde, gab es am Brennerpass lediglich einen kleinen Ort mit dem St.-Valentinskirchlein, einem Gasthaus und einigen wenigen Häusern. Mit dem Bau der Bahn erhielt die Ortschaft Brenner (1.370 m) im Jahr 1866 einen kleinen Bahnhof mit Wendestation. Bald darauf eröffnete dort ein Bahnhofsrestaurant, das in Verbindung mit dem nahegelegenen Posthotel betrieben wurde.
Mit der Verlegung der Staatsgrenze an den Brenner nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Bahnhof plötzlich zum Grenzbahnhof. Gleich nach der Grenzziehung entstanden hier in den 1920er-Jahren zahlreiche neue Infrastrukturbauten im Dienste der Grenze: Polizeikaserne, Wohnhäuser und Mensa für Eisenbahner, ACI-Gebäude, Lok-Remise und ein Wasserturm.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bahnhof stark zerstört. Nur der Ort Brenner und die Wohnhäuser der Eisenbahner jenseits der Brennerstraße blieben weitgehend verschont. Das Bahnhofsgebäude wurde in seiner früheren Form wieder aufgebaut, doch die einstige Eleganz der reduzierten, edlen Architektur mit ausgewählten Materialien ist heute nur noch zu erahnen.
In den 1970er- und 1980er-Jahren erlebte der Brenner seine Blütezeit als Wirtschaftsstandort: Über 1.600 Menschen lebten hier, es gab fünf Schulen, einen Kindergarten und so viele Telefonanschlüsse, dass sie fünf Seiten im Telefonbuch füllten. Der Bau der Brennerautobahn im Jahr 1972 zog auch den Bau einer bedeutenden Zollstation nach sich. Doch mit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens 1998 verlor der Ort an der beliebten Transitroute im Herzen Europas schlagartig seine zentrale Funktion und Identität. Die Zahl der Beschäftigten ging auf ein Zehntel zurück.
Heute wirkt der Brennerübergang städtebaulich und architektonisch eher trostlos. Nur wenig erinnert daran, dass dieser Ort vor dem Ersten Weltkrieg ein exklusiver Höhenkurort war. Für das Hotel „Brennerbad“ gab es einst sogar eine eigene Bahnstation. Den Reisenden präsentiert sich heute ein vom Wandel der Zeit gezeichnetes, malträtiertes Ortsbild – aber zugleich ein unverwechselbares Ensemble mit einem besonderen Mix von Tiroler Dorfbauten, Bahnanlagen des 19. Jahrhunderts, Wohn- und Militärgebäuden, modernen Zweckbauten und Relikten einer intensiven Grenzgeschichte.
Obwohl das zentrale Ensemble rund um den ehemaligen Schlagbaum ein Unikat darstellt, sind bereits markante Bauten wie das Zollhaus und der sogenannte „Pilz“ – die einstige Kfz-Abfertigungsstelle – abgerissen worden. Das dominierende Outlet-Center prägt heute das gesamte Erscheinungsbild des Grenzortes. Als Landmarken wurden immerhin das ehemalige Stellwerk auf dem Bahnhofsareal und das Zollhaus auf österreichischer Seite unter Denkmalschutz gestellt – stille Zeugen einer bewegten Geschichte.

Bei den Umbauarbeiten im Jahr 1933 wurde der Bahnhof auch technisch grundlegend modernisiert. So entstanden zwei hohe Türme mit Scheinwerferanlagen zur Beleuchtung des Bahnhofsareals sowie zwei Stellwerke zur elektrischen Weichenstellung. Diese Stellwerke wurden von der Staatsbahndirektion Venedig errichtet. Ein halbrunder Treppenturm erschließt drei Geschosse. Im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss befinden sich Technikräume mit rund- und rechteckigen Fenstern, die zu Fensterbändern zusammengefügt sind.
Der Überwachungsraum in Form einer auskragenden Kanzel ist mit allseitig großen Sichtfenstern ausgestattet. Der weit ausladende Dachüberstand schließt den Treppenturm mit ein. Eine technische Besonderheit stellen die tragenden Betonsäulen dar, die im Kern über Heizungsröhren verfügen. Die Form des Stellwerks spielt bewusst mit dem Verhältnis von Baumasse und Öffnung – ein Ergebnis des schmalen Bauplatzes zwischen den Gleisen. Architektonische Bezüge zur Schiffsarchitektur sind unverkennbar, etwa durch Bullaugen und Kommandobrücke. Dieses Gebäude gilt als bedeutendes Beispiel eines technischen Bauwerks der frühen Moderne. Von den ursprünglich zwei Stellwerken ist jenes in Richtung Süden abgerissen worden, während das Stellwerk in Fahrtrichtung Innsbruck bereits vor Jahren unter Denkmalschutz gestellt wurde.

K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (gegründet 1862)
Bauzeit 1863 – 1867 von Innsbruck nach Bozen unter Karl von Etzel (gest. 1865) und Achilles Thommen, Wilhelm Pressel, Julius Lott und Wilhelm Hellwag. Heutige Eignerin: Italienische Staatsbahn FS (seit 1919 für die Strecke ab Brenner).

Architekt: Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Wilhelm von Flattich (1826-1900), Hochbaudirektor der K.K Privilegierten Südbahngesellschaft. Mitarbeit: Arch. Franz Wilhelm. Umbau: Angiolo Mazzoni (Entwurf) und Ing. Chellini (Bauleitung FS Bozen) Fertigstellung: 1867. Fertigstellung Umbauten 1930 bzw. 1937

Informationen und Zitate aus:
Wilhelm von FLATTICH, Der Eisenbahn-Hochbau in seiner Durchführung auf den Linien der K.K. Priv. Südbahn-Gesellschaft, Wien, Lehmann&Wenzel, ohne Datum.
Elisabeth BAUMGARTNER Kleinodien alt-österreichischer Eisenbahnarchitektur: Die Hochbauten der Brennerbahn; Fotos Walter NIEDERMAYER, in: Christoph BERTSCH (Hrsg), Industriearchäologie, Nord-, Ost-, Südtirol und Vorarlberg, Innsbruck, Haymon Verlag 1992, S. 49-77.
Elisabeth BAUMGARTNER; Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol, Innsbruck, Haymon, 1990.
Gerhard und Josef DULTINGER, Die Brennerbahn, Gestern – heute – morgen, Thaur/Tirol, Wort und Welt Verlag, 2. Auflage: 1989
Laura Facchinelli, Die Eisenbahn Verona-Brenner, Athesia Bozen 1995
MART Quaderni di architettura, Angiolo Mazzoni – Architetto Ingeniere del Ministero delle Communicazioni, Skira Editore, Milano 2003.
Wittfrieda MITTERER, Zeitzeichen der Technik, Edizione Raetia, Bozen 1993.

Siehe auch:
Günther ENNEMOSER, La storia di Colle Isarco con particolari riguardi agli anni 1850-1914, tesi di laurea, Padova, 1974/75.
Günther ENNEMOSER; Südtiroler Gebietsführer, Nr.39, Bozen, Athesia Druck, 1984.
Alois TRENKWALDER, Brenner-Brennero, Gemeinde, Gemeinde Brenner-Gossensass (Hrsg.) 1999.
Hans-Jürgen und Carl ROSENBERGER, Die Eisenbahnen in Südtirol, Athesia; 1993.

Auskunftspersonen:
Radames PANDINI, Bauabteilung der FS, Bahnhof Bozen, Planarchiv.
Rudi PLANK, Vorsitzender des Eisenbahner-Freizeitvereins Dopolavoro FS, Bahnhof Sterzing

Bahnhof Brenner
Karl-von-Etzel-Straße 5-9
I – 39041 Brenner

Ferrovia Statale FS – Direktion Region Bozen
39100 Bozen
Tel: +39 0471 976077
Webseite: https://www.trenitalia.com