17. Bahnhof Bozen
Das Kernensemble des Bozner Bahnhofs, mit 80.000 m² Bahnanlagen, die sich über nahezu einen km Länge erstrecken, ist ein bedeutendes Erbe der zweitältesten Eisenbahn im altösterreichischen Tirol. Der Bahnhof wurde im Auftrag der k.k. Südbahn Verona–Bozen von Ernst Hranatsch errichtet, basierend auf den Plänen von Luigi Negrelli – dem Leiter der Oberbaubehörde in Verona und späteren Projektanten des Suezkanals – sowie von Moritz Löhr. Die feierliche Eröffnung erfolgte am 16. Mai 1859, der Umbau wurde am 24. Mai 1928 in Betrieb genommen. Heute ist die Immobilie im Besitz der italienischen Staatsbahn (FS).
DATEN
Von Anfang an nahm der Bozener Bahnhof eine wichtige Stellung ein. Dies konnte man bereits an der beanspruchten Fläche auf dem Bozener Boden erkennen: 80 000 qm mit Bahnanlagen, die sich über 750 m Länge erstreckten. Er lag anfänglich allerdings außerhalb der Bozener Gemeindegrenzen im Stadtteil Zwölfmalgreien.
Schon 1860 – also ein Jahr nach der Eröffnung – beauftragte die Gemeindeverwaltung den Münchener Architekten Sebastian Altmann den ersten Stadtplan für das Bahnhofsgebiet zu entwerfen. Altmann verknüpfte den Bahnhof mit dem Altstadtkern über vier strahlenförmig vom Bahnhofsplatz ausgehende Straßen, die heutige Garibaldistraße, die Bahnhofsallee, die Laurinstraße und die Rittnerstraße. Sie bildeten die Infrastruktur, auf der sich die neuen Bauten bzw. der Stadtpark (z.T. auf der Fläche des ehem. Gemeindefriedhofes, der erst 1930 nach Oberau verlegt wurde) zwischen Bahnhof und Altstadt entwickelten. Um den Bahnhof entstanden prächtige Bauten: 1882 das Palais Widmann (heute Sitz der Landesregierung) und 1884 das Hotel Viktoria, an dessen Stelle sich seit 1998 der Erweiterungsbau der Landesregierung befindet.
Wegen seiner Bedeutung erhielt der Bozener Bahnhof ein großes Bahnhofsgebäude, dessen mittiges Aufnahmsgebäude sich auf dem Grundriss eines halben Achtecks zum Bahnhofsplatz hin erstreckte. Auf der Nordseite und Südseite hatte das Gebäude gleisseitig kurze Flügel, die Wartesäle bzw. ein Restaurant enthielten. Östlich direkt an das Mittelgebäude angebaut war über den zwei Durchgangsgeleisen eine Bahnhofshalle mit repräsentativen Portalen an den jeweiligen Enden errichtet worden, die auf beiden Seiten das Aufnahmsgebäude erheblich überragte.
Parallel zu den Geleisen lag im Süden des Bahnhofsgebäudes eine große Wagenremise sowie in kleineres (Wohn-) Gebäude mit Garten und Gewächshaus. Im Norden des Hauptgebäudes lag die Eilguthalle mit Laderampe, danach folgte Richtung Brenner ein langes Frachtmagazin mit Zollamt. Gegenüber der Bahnhofshalle war die Lokomotivremise angeordnet aus der die Zugmaschinen in ein Werkstättengebäude mit drei Reparaturgruben gefahren werden konnten. Neben der Werkstatt lag, östlich an Privatgrund angrenzend, ein Materialmagazin. Anfang des 20. Jhts. wurde die Werkstatt um ein Kohlelager erweitert.
1898 wurde die Bahnstrecke nach Kaltern eingeweiht. Für deren Geleise mussten die südliche Wagenremise und das Wohngebäude entfallen. Zwischen 1905 und 1910 wurden zwei große im Osten angrenzende Grundstücke enteignet. Auf dem einen wurde ein neues Lokomotivdepot mit strahlenförmigen Zufahrten und Drehscheibe errichtet. Das andere, nördlichere wurde zum Bau von Wohnhäusern für Eisenbahner verwendet. Gleichzeitig wurde an der nördlichen Seite des Zolllagers die Anlage für die Rittnerbahn – eingeweiht 1907 – mit Lokomotivschuppen, Warenlager und Laderampe gebaut.
1910 hatte Bozen 30 000 Einwohner und der Bezirk Zwölfmalgreien mit dem Bahnhof wurde 1911 eingemeindet. Der internationale Tourismus vor allem in das „Nobelviertel“ Gries mit seinen Sanatorien, Hotels und Sportanlagen hatte so zugenommen, daß der Bahnhof um die Jahrhundertwende den Namen „Bozen-Gries“ erhielt.
Umbau unter dem Faschismus:
1924 übernahm Costanzo Ciano das Verkehrsministerium in Rom und setzte die Ideologie Mussolinis für Verkehrsbauten um, in denen die Eisenbahn als Symbol für Fortschritt und Prestige des faschistischen Systems stand. Vor allem im besetzten Südtirol, dem Preis für den Kriegseintritt Italiens 1915 an der Seite der Alliierten, galt es Innovation, Effektivität und Geschwindigkeit des Regimes auch baulich unter Beweis zu stellen. Ciano ordnete also sofort den Umbau des Bahnhofs Bozen als einem Relikt der verhassten „pangermanischen“ K.K. Monarchie an.
Der Auftrag ging an den römischen Architekten Angiolo Mazzoni mit der Auflage, nicht nur eine repräsentative Architektur des faschistischen Staates zu errichten, sondern den Bau gleichzeitig mit dem geplanten Siegesdenkmal (Architekt Marcello Piacentini) als Pendant entlang einer Ost-West-Achse der neuen italienischen Stadtquartiere zur Einweihung am 24. Mai 1928 fertigzustellen.
Nach einigen Überlegungen u.a. zur Verlegung des Bahnhofes nach Oberau südlich der Etsch, entschied man sich zum Umbau des bestehenden Bahnhofes. Der Mittelbau mit der architektonischen Charakteristik des Wiener Neoklassizismus erhielt eine von acht Säulen gegliederte vorgesetzte Fassade von starker Plastizität. Die Restaurants wurden in einen zweigeschossigen seitlichen Neubau mit Turm in Richtung Norden verlegt, der durch einen erdgeschossigen Verbindungstrakt mit dem Mittelbau verbunden war. Dadurch war der freie Blick vom Bahnhofsplatz zum Rosengarten gewährleistet – ein beieindruckendes Bild, gerahmt von den neuen Architekturelementen. Mit dem Turmmotiv lehnte sich Mazzoni an die Bahnhofsbauten von Helsinki (Eliel Saarinen, 1910-14) und von Stuttgart (Paul Bonatz, 1912-31) als hochaufragende Symbol für die neue Verkehrstechnik an. Südlich des Mittelbaus schloss sich ein langgestreckter Flügel für die Verwaltung und die Bauabteilung der FS angeordnet.
Gleisseitig wurde die hohe Bahnsteighalle abgebrochen und durch eine Eisenkonstruktion über dem Erdgeschoss ersetzt. Eine Unterführung zu den außenliegenden Geleisen wurde angelegt. Die Umbauten begannen im Mai 1927, wurden bei laufendem Betrieb durchgeführt und der Bahnhof konnte zusammen mit dem Siegesdenkmal in Anwesenheit des italienischen Königs bereits nach einem Jahr am 24. Mai 1928 eingeweiht werden.
In der Zeit des Umbaus wurde auch die Strecke zwischen Bozen und dem Brenner elektrifiziert und weitere Zubauten auf dem Bahnhofsgelände durchgeführt. Dazu gehörte das Depot für elektrische Lokomotiven, das 1929 auf einer Fläche von 70 000qm fertiggestellt wurde. Es bestand aus einem Werkstattgebäude mit Halle für 14 Elektrozugmaschinen, einer Schmiede, einer Schreinerei und kleineren Bauten für Werkleistungen.
Die Pläne Mussolinis sahen ein Anwachsen Bozens durch Zuwanderung aus Süditalien auf 100 000 Einwohner vor. Eine entsprechende Stadtplanung wurde von Marcello Piacentini entwickelt. Tatsächlich zählte man bereits 1936 ca. 50 000 Einwohner und weiter Umbauten und Ergänzungen des Bahnhofes wurden erforderlich. Zwei neue Zwischenbahnsteige mit Stellwerk für den Personenverkehr Richtung Trient und Verschiebegeleise für den Güterverkehr entstanden. Der Viehumladeplatz wurde neben das Lokomotivdepot verlegt. Ein weiteres Stellwerk kam auf die Brennerseite. Zwei neue Lokomotivdepots mit 3 bzw. 6 Wartungsgruben mit Werkstatt in gestalterischer Anlehnung an das vorhandene Depot, ein neues Bahnbetriebswerk und ein Warenlager mit überdeckter Laderampe wurden 1936 gebaut.
Kurz vor dem zweiten Weltkrieg wurde der Bahnhofsplatz nach Mussolinis Verkehrsminister Costanzo Ciano benannt, die Laurinstrasse erhielt den sinnigen Namen Via del Littorio und die Bahnhofsallee wurde zum obligatorischen Corso Vittorio Emanuele.
Auf der Nord- und Südseite besaß das Bahnhofsgebäude ursprünglich gleisseitig kurze Flügelbauten, die Wartesäle und ein Restaurant beherbergten. Östlich schloss direkt an das Mittelgebäude eine Bahnhofshalle an, die über den beiden Durchgangsgleisen errichtet wurde und an beiden Enden mit repräsentativen Portalen abschloss. Parallel zu den Gleisen befanden sich südlich des Bahnhofsgebäudes eine große Wagenremise sowie ein kleineres Wohngebäude mit Garten und Gewächshaus. Nördlich des Hauptgebäudes lagen die Eilguthalle mit Laderampe sowie ein langes Frachtenmagazin mit Zollamt. Die Lokomotivdepots mit den charakteristischen Oberlicht-Shed-Dächern aus den Jahren 1929 und 1936 sind ebenso wie die alte Schmiede bis heute erhalten, werden jedoch nur noch teilweise genutzt. Das Hauptgebäude des Bozner Bahnhofs hat sowohl den Faschismus als auch – trotz einiger Schäden – die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg überstanden. Aus der Ära Negrelli ist das mehrstöckige Empfangsgebäude aus dem Jahr 1859 mit seinem markanten, trapezförmigen Grundriss erhalten geblieben.
Das denkmalgeschützte Aufnahmegebäude des Bahnhofs hat eine charakteristische Fassade aus Kunststein, deren Farbwirkung durch den verwendeten Porphyrsand geprägt ist. Die Innenausstattung folgt der Formensprache Mazzonis. Raumgestaltung und Baustruktur sind bis ins Detail geometrisiert und bilden damit ein architektonisches Gesamtkonzept.
Uhrturm am Bahnhof
Die weithin sichtbare, in 30 m Höhe angebrachte Uhr am Bahnhofsturm wurde im Zuge der Restaurierung vor rund 15 Jahren mit der Atomuhr in Frankfurt synchronisiert. Der Turm, errichtet nach den Plänen des Architekten Angiolo Mazzoni, bildet gemeinsam mit dem Bahnhofsgebäude eine Sichtachse zum Rosengarten.
Von besonderer Bedeutung ist die Skulpturengruppe des österreichischen Bildhauers Franz Ehrenhöfer über dem Eingangsportal, die die vier Flüsse Eisack, Etsch, Passer und Talfer darstellt.
Zum plastischen Bauschmuck Ehrenhöfers am Bahnhofsensemble gehören auch zwei überlebensgroße Skulpturen – Allegorien der Elektrizität und des Dampfes –, die den Haupteingang des Aufnahmegebäudes flankieren, sowie farbige Keramikreliefs am straßenseitigen Eingang zum ehemaligen Restaurant.
Am Fuße des Uhrturms befindet sich die von Mazzoni entworfene Brunnenstele, die durch eine Christophorus-Skulptur Ehrenhöfers akzentuiert wird.
Wer heute vom „historischen Bozner Bahnhof“ spricht, meint in der Regel den baulichen Zustand von 1928. Damals verlangte das faschistische Regime nach einem Bahnhof im Geist der neuen Zeit. Der Architekt Angiolo Mazzoni lieferte mit dem in jenem Jahr eröffneten Umbau jedoch keinen typischen Repräsentationsbau des Regimes, sondern ein Baudenkmal, das durch Einfühlungsvermögen und eine eigenständige architektonische Handschrift besticht. Besonderer Blickfang des Haupteingangs war das vorgelagerte Säulenportal; Schrägseiten und Grundriss blieben dabei im Originalzustand erhalten. Derzeit wird erneut über eine Verlegung des Bahnhofs um rund 500 m in Richtung Bozner Boden nachgedacht. Im Zuge der Neutrassierung der Hochgeschwindigkeitsstrecke soll das dadurch frei werdende Areal überbaut werden. Bereits 2011 entwickelte der Wiener Architekt Boris Podrecca einen Masterplan, der einen Mobilitätsknotenpunkt als Kristallisationspunkt zwischen Alt und Neu vorsieht – mit vielfältigen Nutzungsformen sowie der Erschließung des angrenzenden öffentlichen Raums als neues Stadtviertel mit Gewerbe, Grünflächen und Wohnraum. Die Umsetzung dieses Plans wurde unter anderem durch das Großprojekt „WaltherPark“ ausgebremst. In dessen Folge musste der Busbahnhof von der Südtiroler Straße in die Rittner Straße verlegt werden – was den Abbruch der originalen Negrelli-Halle von 1858 zur Folge hatte.
K.K. Südtiroler Staatseisenbahn (1851-1858), ab 1859 K.K. Privilegierte Staats-Lombardisch-Venetianische und Centralitalienische Eisenbahngesellschaft
Ab 1862 K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft, unter der Leitung von Luigi v. Negrelli Ritter von Moldelbe (1799-1858) – Genehmigung seines Entwurfs für die Strecke Verona –Bozen: 1853. Fertigstellung: Einweihung am 16. Mai 1859. Einweihung Umbau 24.Mai 1928 Heutige Eignerin: Italienische Staatsbahn FS (seit 1919 für die Strecke ab Brenner).
Luigi von Negrelli; Moritz Löhr
Architekten: Luigi v. Negrelli mit Moriz Löhr (Entwurf), Ernst Hranatsch (Bauleitung) Umbau: Angiolo Mazzoni (Entwurf), Rondolfo Colombo / Mario Gröbner (Bauleitung)
Informationen:
Wilhelm von Flattich, Der Eisenbahn-Hochbau in seiner Durchführung auf den Linien der K.K. Priv. Südbahn-Gesellschaft, Lehmann&Wenzel, Wien.
Laura Facchinelli, Die Eisenbahn Verona-Brenner, Athesia, Bozen 1995
Elisabeth Baumgartner, Kleinodien alt-österreichischer Eisenbahnarchitektur: Die Hochbauten der Brennerbahn, in Christoph Bertsch (Hrg), Industriearchäologie, Haymon Verlag 1992.
Elisabeth Baumgartner, Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol, Haymon Verlag 1990
Hans Jürgen und Carlo Rosenberger, Die Eisenbahnen in Südtirol, Athesia 1993
Nutzungskonzept für verwaiste Bahnhöfe, Text: Elisabeth Baumgartner, Koordination: Wittfrieda Mitterer.
Oswald Zoeggeler und Lamberto Ippolito, L?Architettura per una Bolzano Italiana, Tappeiner Verlag, Lana 1992.
Wittfrieda Mitterer, Zeitzeichen der Technik, Edizione Raetia, Bozen 1993.
Pevsner, Honour, Fleming, Lexikon der Weltarchitektur, Prestel Verlag 1992.
MART Quaderni di architettura: Angiolo Mazzoni – Architetto Ingeniere del Ministero delle Communicazioni, Skira Editore, Milano 2003.
Bauabteilung der FS, Bahnhof Bozen, Radames Pandini, Planarchiv.
Stephanie Risse-Lobis, EURAC – Ein Haus für die Europäische Akademie Bozen, Folio Verlag, Wien-Bozen 2003.
Südtirol – Bozen
Bahnhofsplatz 1-5
I – 39100 Bozen
Ferrovia Statale FS – Direktion Region Bozen
39100 Bozen
Tel: 0039-0471-976077
Fax: 0039-0471-313786
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