03. Bahnhof Gossensass
Nach dem Aufstieg zum Brennerpass und dem darauffolgenden Abstieg bei Schelleberg, der markanten Kehre im Pflerschtal, öffnet sich hier erstmals das südliche Wipptal in Richtung Süden und gibt den Blick auf den Bahnhof frei. Der Ort Gossensass mit seiner Barockkirche (Franz de Paula Penz), den nahegelegenen Gasthöfen sowie dem im Kern altösterreichischen Hotel oberhalb des Bahnhofs wird im historischen Streckenführer von A. Schmalix als das „österreichische Davos“ bezeichnet. Die mächtige Autobahnbrücke mit ihren monumentalen Pfeilern und den eingehängten Fertigteilträgern wirkt von unten betrachtet wie ein Tor in den Süden. Durch den Bahnbau entwickelte sich Gossensass rasch zu einem beliebten Fremdenverkehrsort. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Gemeinde Gossensass mit der Gemeinde Brenner zusammengelegt und verfügte einst über nicht weniger als fünf Haltestellen (Brenner, Brennerbad, Schelleberg, Pflersch und Gossensass), von denen heute nur noch Brenner und Gossensass in Betrieb sind. Für den Wintertourismus stellen die Liftanlagen im hinteren Pflerschtal, erreichbar über den Bahnhofsvorplatz, einen neuen und belebenden Anziehungspunkt dar.
DATEN
Ursprünglicher Baubestand:
Mit dem Bau der Brennerbahn hatte Gossensass eine sprunghafte Entwicklung zum Touristenort. Bekannt wurde vor allem das von der Südbahn finanzierte „Gröbnersche Grand Hotel“, wo die Gäste „boeuf à la glacière, also mit Gletscherblick (Baedeker) speisten und auch Prominenz wie der Schriftsteller Henrik Ibsen zu Gast war. Mit dem Ersten Weltkrieg gingen diese goldenen Zeiten zu Ende. Gossensass, bisher selbständige Gemeinde wurde 1928 mit dem Brenner Verwaltungseinheit. Erst nach dem 2. Weltkrieg lebte der Tourismus wieder auf.
Der Bahnhof Gossensass, bestand zunächst nur aus einem einfachen Aufnahmsgebäude des Typus IV, der noch etwas kompakter als der Normaltyp gehalten war:
strassenseitig weist es noch die Giebelfront mit dem Eingang auf, die sich gleisseitig nur noch als Mittelrisalit unter dem durchgehenden Satteldach ausdrückt. Wegen der vielen Touristen erhielt der Bahnhof jedoch rasch einen östlichen Anbau mit Restaurant und einem offenen hölzernen Salett, das für den Sommer als zusätzlicher Warteraum für die Gäste gedacht war. Das Aufnahmsgebäude bestand aus einem Raum für den Publikumsverkehr, die Fahrdienstleitung, Toiletten, Bar mit Nebenräumen sowie zwei Wohnungen, im Ober- und im Dachgeschoss.
50 m nordwestlich davon wurde die Wasserstation mit dem typischen, teilweise holzverschalten Turm für die Wasserbehälter errichtet. Ein hölzerner Magazinbau entstand südlich des Aufnahmsgebäudes. Etwas später (aber noch in altösterreichischer Zeit) wurde im Anschluß an die Wasserstation ein zweigeschossiges Wohnbau gebaut. Es erhielt ein Granitsockelgeschoss und ein verputztes Obergeschoss mit Granitlisenen.
Ca. 200 m südöstlich des Hauptgebäudes baute die FS nach Plänen von Angiolo Mazzoni 1928 ein dreigeschossiges Wohnhaus im Rahmen des Wohnhausprogrammes für Eisenbahnangestellte.
Funktional präsentiert sich der Bahnhof heute als zweigeschossiger Grundtypus mit Funktionsräumen im Erdgeschoss und Wohnungen im Obergeschoss einschließlich Dachgeschoss. Der Giebel betont die Mitte des Gebäudes und den Haupteingang. Wegen der vielen anreisenden Fremden erhielt der Bahnhof einen hölzernen Anbau mit Restaurant sowie einer offenen Sitz- und Wartehalle. Sowohl die Mauerwerksdetails an den Außenmauern und an den
Tür- und Fenstergewänden als auch die Ausführung der hölzernen Giebelschalungen vermitteln bis heute ein überzeugendes Bild historischer Bahnhofsarchitektur. Ein weiteres gestalterisches Element des Hauptgebäudes und des Wasserspeichers, die beide in Mischmauerwerk errichtet sind, bilden die in hellem Gestein ausgeführten Eckquaderungen sowie die Fenster- und Türrahmungen. Der heute genutzte Mittelbahnsteig wird über eine Unterführung erreicht. Nordwestlich des Bahnhofs befindet sich noch die ursprüngliche Wasserstation in Werksteinbau mit holzverschaltem Obergeschoss. Anstelle des alten Lagers wurde ein gemauertes, verputztes Magazin angebaut. Die Verbindung zum höher gelegenen Ortszentrum als attraktivem Zielpunkt wird durch den neu gestalteten Parkplatz und die barrierefreie Erschließung des Bahnhofs ergänzt.
K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (1862)
Bauzeit 1863 – 1867 von Innsbruck nach Bozen unter Karl von Etzel (gest. 1865) und Achilles Thommen, Wilhelm Pressel, Julius Lott und Wilhelm Hellwag. Fertigstellung: 1867, Unterführung und Mittelbahnsteig 1999 Heutige Eignerin: Italienische Staatsbahn FS (seit 1919 für die Strecke ab Brenner).
Architekt: Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Wilhelm von Flattich (1826-1900), Hochbaudirektor der K.K Privilegierten Südbahngesellschaft. Mitarbeit: Arch. Franz Wilhelm.
Bahnhof Brenner
Informationen und Zitate aus:
Wilhelm von FLATTICH, Der Eisenbahn-Hochbau in seiner Durchführung auf den Linien der K.K. Priv. Südbahn-Gesellschaft, Wien, Lehmann&Wenzel, ohne Datum.
Elisabeth BAUMGARTNER Kleinodien alt-österreichischer Eisenbahnarchitektur: Die Hochbauten der Brennerbahn; Fotos Walter NIEDERMAYER, in: Christoph BERTSCH (Hrsg), Industriearchäologie, Nord-, Ost-, Südtirol und Vorarlberg, Innsbruck, Haymon Verlag 1992, S. 49-77.
Elisabeth BAUMGARTNER; Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol, Innsbruck, Haymon, 1990.
Gerhard und Josef DULTINGER, Die Brennerbahn, Gestern – heute – morgen, Thaur/Tirol, Wort und Welt Verlag, 2. Auflage: 1989
Laura Facchinelli, Die Eisenbahn Verona-Brenner, Athesia Bozen 1995
MART Quaderni di architettura, Angiolo Mazzoni – Architetto Ingeniere del Ministero delle Communicazioni, Skira Editore, Milano 2003.
Wittfrieda MITTERER, Zeitzeichen der Technik, Edizione Raetia, Bozen 1993.
Siehe auch:
Günther ENNEMOSER, La storia di Colle Isarco con particolari riguardi agli anni 1850-1914, tesi di laurea, Padova, 1974/75.
Günther ENNEMOSER; Südtiroler Gebietsführer, Nr.39, Bozen, Athesia Druck, 1984.
Alois TRENKWALDER, Brenner-Brennero, Gemeinde, Gemeinde Brenner-Gossensass (Hrsg.) 1999.
Hans-Jürgen und Carl ROSENBERGER, Die Eisenbahnen in Südtirol, Athesia; 1993.
Auskunftspersonen:
Radames PANDINI, Bauabteilung der FS, Bahnhof Bozen, Planarchiv.
Rudi PLANK, Vorsitzender des Eisenbahner-Freizeitvereins Dopolavoro FS, Bahnhof Sterzing
Südtirol – Eisacktal
Bahnhofstraße 11/95
I – 39041 Brenner/Gossensass
Ferrovia Statale FS – Direktion Region Bozen
39100 Bozen
Tel: 0039-0471-976077
Fax: 0039-0471-313786
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