07. Bahnhof Grasstein
Der Bahnhof Grasstein ist stark vom Naturraum des Eisacktales geprägt, eingebettet zwischen den steil abfallenden Waldhängen im Osten und Westen, dort, wo sich einst die großen Granitsteinbrüche der altösterreichischen Monarchie befanden. Daher war hier, so nahe bei Franzensfeste, schon beim Bau der Bahn ein Standardbahnhof vorgesehen. Der hochwertige Werkstein wurde zwar exportiert, fand aber auch vielfältige Verwendung bei den Bahnbauten, ebenso bei Hoch- und Ingenieurbauten. Stützmauern, Strebepfeiler, Tunnel und Tunnelportale sowie alle baulichen Elemente zur Wasserableitung und Hangbefestigung sind ohne die Bruch- oder Werksteine von Grasstein kaum denkbar.
DATEN
Bei der Eröffnung der Brennerstrecke war zunächst Grasstein nach Franzensfeste der nächste Halt (Mittewald – zwischen beiden gelegen – bekam erst Ende des 19.Jhts. einen kleinen Haltepunkt.) Wegen der Granitsteinbrüche erhielt der Ort schon während des Baus der Brennerstrecke einen Bahnhof, da das Material Granit beim Großteil aller Bahnhöfe seine Verwendung fand. Darüber hinaus wurde Grassteiner Granit vor dem Ersten Weltkrieg in die gesamte K.K. Monarchie exportiert. Grasstein war neben Mauthausen (OÖ) der bedeutendste Granitbruch Österreichs.
Der Bahnhof erhielt ein Aufnahmsgebäude vom Typ IV nach der Typologie des Architekten Wilhelm v. Flattich als ebenso kompakten und sparsamen Typ wie in Freienfeld. Es diente ja weniger dem geringen Personenverkehr als dem Frachtwesen. Nebenan südlich entstand ein hölzerner Magazinbau und noch ein Stück weiter ein „Wärterhaus in der Ebene“ (Serie I, Tafel 13) in schmucklosem Granitmauerwerk. Es hat ostseitig einen kleinen Toilettenanbau. Nördlich eine Wasserstation, ebenfalls aus Granit mit Holzverschalung im Obergeschoß für die Behälter aus Rothschildstahl, die auf Achteckträgern ruhen.
Das Hauptgebäude war ebenfalls aus Granitsteinen mit bossierten Eckrisaliten, Sockel und Geschoßlisenen erstellt, gleisseitig mit vier Fensterachsen unter der durchgehenden Traufe des Satteldaches. Die Eingangsseite wurde mit einem Mittelrisalit unter einem Dachgiebel gegliedert – rechts und links davon jeweils mit einer Fensterachse versehen. Der Südgiebel hatte außer einem Rundfenster im Giebel keine weiteren Öffnungen, der Nordgiebel hat jedoch im ersten Geschoss noch drei gleichartige Fenster, die wie die übrigen Fenster des Obergeschosses auf der umlaufenden Lisene aufsitzen. Die überstehenden Enden des Satteldaches darüber sind mit dekorativen Holzarbeiten versehen.
1927 wurde nach Plänen von Angiolo Mazzoni der Bau des dreigeschossigen Personalwohnhauses durchgeführt sowie der Ausbau der Gleisanlagen für das Militär mit insgesamt 5 Geleisen, davon eines mit langgestreckter Rampe im Westen nur für Ladezwecke. 1960 Zubau einer Trafostation zwischen Aufnahmsgebäude und Wasserstation und eines Magazins nördlich derselben. 1965 wurde der Bahnhof in eine unbesetzte Haltestelle umgewandelt und danach aufgelöst. Ende der 60er Jahre unterstützte die Station Grasstein mit 11 Abstellgleisen und einem Verschiebegleis den größeren, sieben Kilometer südlich gelegenen Bahnhof Franzensfeste vor allem für Viehtransporte. Heute sind nur noch die zwei Fernbahngleise in Betrieb.
Einen halben Kilometer nördlich des Bahnhofes wurde 1928 während der Elektrifizierung der Brennerstrecke mit Drehstrom ein Umspannwerk zusammen mit einem dreigeschossigen Wohnhaus (Arch. Mazzoni) errichtet.
Anfänglich verfügte der Bahnhof über zwei Hauptgeleise sowie fünf, später zwölf weitere Geleise, bis er 1965 schließlich aufgelöst wurde. Der Steinbruch selbst war bis zum Zweiten Weltkrieg in Betrieb. Grasstein im engen Wipptal war durch den Eisack und die Brennerstraße stark eingeengt. Zwischen dem Fluss und der Westseite des Tals bot der Talboden noch Platz für den Verschubbahnhof, der sowohl Stein- als auch Viehtransporte abwickelte. Durch den Bau der Autobahn, die sehr nah an die Bahnhofsgebäude heranreicht, wurde der Raum zusätzlich eingeschränkt. Nicht weit entfernt liegt die sogenannte Sachsenklemme, ein historischer Kriegsschauplatz, an dem der Tiroler Landsturm im August 1809 erfolgreich die bayrisch-sächsisch-thüringischen Truppen zurückschlug.
Heute liegen der Bahnhof, das vorbildlich sanierte Eisenbahnerwohnhaus – errichtet nach Plänen von Angiolo Mazzoni – und der markante Wasserturm in der schmalen Zone zwischen Gleiskörper und Autobahn. Das Aufnahmegebäude entspricht in seiner Art und Funktion dem zweigeschossigen Grundtypus, der in abgewandelter Form auch in Freienfeld, Sterzing und Gossensass anzutreffen ist. Besonders hervorzuheben ist der im Originalzustand erhaltene Wasserturm, dessen Typus sich von ländlichen Speichergebäuden ableitet. Im Obergeschoss befinden sich genietete Stahltanks, die im Erdgeschoss auf zwei gusseisernen Säulen ruhen und auf Unterkonstruktionen abgestützt sind. Zwischen den fein bearbeiteten Granit-Eckpfeilern im Obergeschoss bildet eine profilierte Holzverschalung die Außenwand, die bei Bedarf für Reparaturen entfernt werden konnte.
Das Erdgeschoss diente meist zur Lagerung von Bremssand, der für das Bremsen und Anfahren der Dampflokomotiven trocken und gebrauchsfähig gehalten werden musste. Dazu war dort ein Ofen installiert, der auch das Einfrieren des Wassers verhinderte; der Kamin ist bis heute erhalten. Besonders bemerkenswert ist in Grasstein die hohe Qualität des ausgeführten Granitsteinmauerwerks. Das Sockelgeschoss wird von einem schmalen Zwischengesims abgeschlossen. Darüber erheben sich vier Eckpfeiler, die durch ein schmales Abschlussgesims gegliedert sind und das Auflager für die auskragende Satteldachkonstruktion bilden. Der Giebel ist formal, konstruktiv und baugestalterisch durch eine kleine, hängende Holzsäule mit Zugband als Giebelfront ausgeführt. Die leichten, differenzierten, abgestuften, überstehenden, überlappenden und auskragenden Details des aufgehenden Mauerwerks und der abschließenden Dachkonstruktion haben Wind und Wetter nun schon seit 155 Jahren erfolgreich getrotzt. Im Rahmen der
Untersuchungen zur steingerechten Baudokumentation wurde deutlich, dass der Sockelbereich des Wasserturms aus unterschiedlich hohen Steinschichten besteht und die Steinmetzarbeit von großer Präzision zeugt. Der Bau kann, nicht zuletzt wegen seiner guten Erreichbarkeit von der Brennerstraße her, als Musterbeispiel für die Wasserturmkultur früher Industriebauten gelten.
Zusammenfassend kann man feststellen, dass in Grasstein das Aufnahmegebäude des Bahnhofs zusammen mit dem Wasserturm und dem Wohnhaus – inklusive der noch vorhandenen Abgrenzungen und Einfahrtstore – ein bemerkenswertes Bahnkulturensemble darstellt. Die Verwendung des Granitsteins, die sichtbaren Bearbeitungsspuren sowie die Wirkung in Fläche und Mauerwerksverband sind an diesem Ort exemplarisch sichtbar. Besonders am Wasserturm ist die Verbindung von Stein und Holz in differenzierter, repräsentativer und harmonischer Weise zu sehen: Maß, Zahl und Proportion eines funktionalen Hochbaus veranschaulichen den Zusammenhang von Material und Dimension.
Der ehemalige Steinmetzbetrieb und der direkte Bezug zum Steinbruch sind realgetreu erlebbar. Im Gelände sind Felsformationen und Ablagerungen des Steinbruchs zu sehen – eine zufällige Anordnung von aus dem Berg geschlagenen, zerkleinerten und aufgetürmten Felsblöcken. Heute haben sich Wald und Vegetation das Areal des alten Steinbruchs teilweise wieder zurückerobert. Ein seltsames Bild bieten mitten im Hochwald bearbeitete Steinblöcke: Die Spuren menschlicher Tätigkeit, Struktur und Oberfläche fügen sich im Spiel von Licht und Schatten zu einem faszinierenden Übergang von Natur zu Bauplastik – man könnte sagen: „Natur als Kunst interpretiert“.
K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (1862)
Bauzeit 1863 – 1867 von Innsbruck nach Bozen unter Karl von Etzel (gest. 1865) und Achilles Thommen, Wilhelm Pressel, Julius Lott und Wilhelm Hellwag. Fertigstellung: 1867, Wohnhaus 1928 Heutige Eignerin: Italienische Staatsbahn FS (seit 1919 für die Strecke ab Brenner).
Architekt: Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Wilhelm von Flattich (1826-1900), Hochbaudirektor der K.K. Privilegierten Südbahngesellschaft. Mitarbeit: Arch. Franz Wilhelm.
Informationen und Zitate aus:
Wilhelm von FLATTICH, Der Eisenbahn-Hochbau in seiner Durchführung auf den Linien der K.K. Priv. Südbahn-Gesellschaft, Wien, Lehmann&Wenzel, ohne Datum.
Elisabeth BAUMGARTNER Kleinodien alt-österreichischer Eisenbahnarchitektur: Die Hochbauten der Brennerbahn; Fotos Walter NIEDERMAYER, in: Christoph BERTSCH (Hrsg), Industriearchäologie, Nord-, Ost-, Südtirol und Vorarlberg, Innsbruck, Haymon Verlag 1992, S. 49-77.
Elisabeth BAUMGARTNER; Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol, Innsbruck, Haymon, 1990.
Gerhard und Josef DULTINGER, Die Brennerbahn, Gestern – heute – morgen, Thaur/Tirol, Wort und Welt Verlag, 2. Auflage: 1989
Laura Facchinelli, Die Eisenbahn Verona-Brenner, Athesia Bozen 1995
MART Quaderni di architettura, Angiolo Mazzoni – Architetto Ingeniere del Ministero delle Communicazioni, Skira Editore, Milano 2003.
Wittfrieda MITTERER, Zeitzeichen der Technik, Edizione Raetia, Bozen 1993.
Siehe auch:
Günther ENNEMOSER, La storia di Colle Isarco con particolari riguardi agli anni 1850-1914, tesi di laurea, Padova, 1974/75.
Günther ENNEMOSER; Südtiroler Gebietsführer, Nr.39, Bozen, Athesia Druck, 1984.
Alois TRENKWALDER, Brenner-Brennero, Gemeinde, Gemeinde Brenner-Gossensass (Hrsg.) 1999.
Hans-Jürgen und Carl ROSENBERGER, Die Eisenbahnen in Südtirol, Athesia; 1993.
Auskunftspersonen:
Radames PANDINI, Bauabteilung der FS, Bahnhof Bozen, Planarchiv.
Rudi PLANK, Vorsitzender des Eisenbahner-Freizeitvereins Dopolavoro FS, Bahnhof Sterzing
Südtirol – Eisacktal
Eisackstraße 1
I – 39045 Franzensfeste, Fraktion Grasstein
Ferrovia Statale FS – Direktion Region Bozen
39100 Bozen
Tel: 0039-0471-976077
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