30. Bahnhof Naturns
Bei den Bahnhöfen der Vinschgerbahn handelt es sich um ein völlig erhaltenes Ensemble von vierzehn im gleichartigen Stil errichteten Gebäuden bzw. Gebäudegruppen, wenn man die Nebengebäude einbezieht. Die Haltestellen Plaus und Tschars sowie die Gebäude zwischen Holzbrugg und Morter sowie zwischen Spondinig und Prad zählen nicht zu diesem einheitlichen Ensemble: Sie wurden zu einem späteren Zeitpunkt in sehr einfacher Bauweise errichtet und zeichnen sich stilistisch und architektonisch durch keine Besonderheiten aus. Sie bedürfen keines weiteren baulichen Schutzes. Dagegen sind die vierzehn übrigen Bahnhöfe nach einem einheitlichen sehr sorgfältig entwickeltem Funktions- und Gestaltungsmuster entworfen und gebaut worden. Es werden innerhalb dieser einheitlichen Haltung dennoch drei unterschiedliche Typenbahnhöfe erkennbar:
– der kleinere, ausschließlich erdgeschossige Typ1
– der größere Typ 2 mit zweigeschossigem Wohnteil und bisweilen längerem Seitflügel
– die Sondertypen Spondinig-Prad als wichtiger Zwischenbahnhof zum Stilfser Joch und Mals als Endbahnhof.
Alle drei Typen greifen auf ein einheitliches Formenrepertoire zurück: Verputztes Mauerwerk mit Eckrisaliten, Lisenen zwischen den Geschossen und feingegliederten Tür- und Fensterumrandungen. Die zweigeschossigen Wohnteile haben im Obergeschoß eine Fachwerkgliederung und Balkone erhalten. Alle Holzbauteile einschließlich der sichtbaren Dachkonstruktionen sind detailreich und sorgfältig ausgebildet worden. Naturstein kommt nur in den Sockelbereichen und in Teilen der Fassade des Endbahnhofes Mals vor.
Auch die Nebengebäude folgen – trotz unterschiedlicher Größe – einem gleichen Formenkanon. Die Magazine sind immer als Holzkonstruktionen mit senkrechter Verschalung auf Natursteinsockeln ausgeführt. Die kleinen Nebengebäude nehmen die Textur des Hauptgebäudes zurückhaltender auf. Die Wassertürme verbinden verputzte Mauerwerkskonstruktion mit Holzausfachungen.
Stilistisch folgen die Bahnhofsgebäude einer um die Jahrhundertwende beliebten Wohnhausarchitektur großbürgerlicher Provenienz. Sie sollten den damals hauptsächlich aus diesen Kreisen stammenden Reisenden das Gefühl geben am „richtigen Ort“ einzutreffen. Interessant ist es, daß diese Architektur sich nicht mit bäuerlichen Motiven gemein macht, sondern eine eigene, dem neuen technischern Verkehrsmittel entsprechende Ausdrucksweise findet. Manches heutige Gebäude könnte sich da ein Beispiel nehmen.
Insofern handelt es sich bei den Hochbauten der Vinschgerbahn in Europa einmaliges Ensemble einer vergangenen Epoche, das komplett erhalten ist und Zeugnis der damaligen technischen und gestalterischen Kraft gibt. Diese Bauten tragen entscheidend zur baulichen Identifikation des Vinschgaus bei und verdienen es erhalten, sorgfältig restauriert und einer neuen angemessenen Nutzung zugeführt zu werden.
Der Bahnhof in Naturns gehört zum Typ 1. Es ist erfreulich, daß eine Renovierung der Gebäude und des umliegenden Bahnhofsgeländes durch die Gemeinde Naturns unmittelbar bevorsteht. Es ist zu empfehlen, daß im Bahnhof eine Bar mit Verkauf von typischen Produkten aus Naturns (Wein, Obst, Obstbrände, Brot usw) – gewissermaßen als Schaufenster des Ortes eingerichtet wird.
Gesamtbewertung von Prof. Andreas Gottlieb Hempel
DATEN
Ursprünglicher Baubestand:
Vom Haltepunkt Plaus zum Bahnhof Naturns sind es 3,284 km. Der Bahnhof liegt ebenfalls südlich der Etsch, direkt an der Straßenbrücke und relativ nah zum Ortszentrum.
Der Bahnhoftyp entspricht dem in Algund bereits angetroffenen Gebäudeentwurf: Auf T-förmigem Grundriss sind die Warte- und Schalterräume im erdgeschossigen Seitenflügel unter einem Satteldach untergebracht. Der Zugang erfolgte an der Giebelseite vorbei gleisseitig unter einer hölzernen Loggia mit flachem Satteldach. Der breitere Querteil unter einem Krüppelwalmdach diente einer Wohnung für den Bahnwärter mit Zugang von der Straßenseite und ist unterkellert. Von dort aus erreicht man über eine steile Treppe das nicht ausgebaute aber mit Giebelfenstern versehene Dachgeschoss. Das Gebäude wurde aus verputztem Mauerwerk errichtet, mit flachen Eckrisaliten, Lisenen und Fenster- u. Türgewänden mit Gesimsabschluss. Besonders sorgfältig sind alle sichtbaren Holzteile der Dachkonstruktion und der Loggia detailliert. Ein freistehendes, gemauertes und verputztes Toilettenhäuschen ergänzte das Aufnahmsgebäude.
Auf einem Betonsockel wurde westlich des Aufnahmsgebäudes eine Lagerhalle mit Satteldach in Holzbauweise errichtet. Die Hälfte der Lagerfläche blieb offen, nur überdeckt, die andere Hälfte wurde mit senkrechter Holzverschalung geschlossen und erhielt drei Doppeltüren und ein Fenster. Weiter westlich davon wurde in ähnlicher aber geschlossener Bauweise noch ein kleineres hölzernes Magazin gebaut.
Im Jahre 1928 wurde nach den Plänen des römischen Architekten Angiolo Mazzoni ein dreigeschossiges Wohnhaus für das Personal der FS östlich des Aufnahmsgebäudes errichtet.
Vinschgauer Bahn AG.(konstituiert aus der Bozen-Meraner Bahngesellschaft und den k.k. Staatsbahnen, konzessioniert am 7. Juli 1903)
Heutige Eignerin: Infrastruktur: Land Südtirol / Gebäude: Land Südtirol, bis 2034 Nutzungskonzession für die Gemeinde Naturns
Informationen und Zitate:
Bestandsaufnahme Vinschgerbahn durch die Autonome Provinz Bozen-Südtirol, Landesverwaltung, Abtlg. Denkmalpflege unter dem Abtlg. Direktor Dr. Helmut Stampfer, Bozen, 2000
Carmen MÜLLER; ?Meran ?Mals, Vinschgau ? auf den Spuren einer stillgelegten Bahnstrecke? folio-, Verlag Wien Bozen, 2001
Hans WIESER, ?Bevor die Lok dreimal pfeift…? Gedanken zur Vinschgerbahn, Videodokumentation, RAI Bozen, 1997
Elisabeth BAUMGARTNER, ?Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol?, Innsbruck, Haymon, 1990
Wittfrieda MITTERER Hrg. ?Zeitzeichen der Technik?, Edizione Raetia, Bozen, 1993
Hans-Jürgen und Carlo ROSENBERGER, ?Die Eisenbahnen in Südtirol?, Athesia, Bozen, 1993
?Nutzungskonzepte für verwaiste Bahnhöfe?, Text: Elisabeth BAUMGARTNER, Koordination: Wittfrieda MITTERER; Kuratorium für Technische Kulturgüter; Bozen, 2002
Auskunftspersonen:
Dr. Klaus KEMENATER, Geschäftsführer der STA, Bozen
Radames PANDINI, Bauabteilung der FS, Bahnhof Bozen, Planarchiv
Südtirol – Vinschgau
Bahnhofstr. 44
I-39025 Naturns
STA (Infrastruktur)
Gerbergasse 60
I-39100 Bozen
Tel: 0039-0471-312811
Webseite: http://
SAD (Fahrbetrieb)
Italienallee 6/N
I-39100 Bozen
Tel: 0039-0471-450111
Webseite: http://