02. Die Mendelstraße

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02. Die Mendelstraße

1885
Die Mendel und das Etschtal, im Hintergrund die Dolomiten. Die Kehren der 1885 fertig gestellten Straße kurz vor dem Mendelpass

Der 1363 m hohe Mendelpass oberhalb von Kaltern war seit frühester Zeit ein viel benutzter Übergang zwischen Etsch- und Nonstal. Doch erst in der Neuzeit, insbesondere im 19. Jahrhundert, begann der gezielte Ausbau des Straßennetzes rund um die Mendel durch die öffentliche Hand. Man erkannte, dass gute Straßen den Handel ankurbeln und die wirtschaftliche Entwicklung der Region vorantreiben konnten. Im Jahr 1830 forderte das Landespräsidium in Innsbruck alle Tiroler Gemeinden auf, den Zustand ihrer Straßen zu erheben.

DATEN

Sammlung: Bergstraßen
Bezirk: Etschtal
Aktueller Zustand: betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich: Ja
Baubeginn: 18.08.1880
Inbetriebnahme: 14.05.1885
AuftraggeberIn: Die Österreich-ungarische Monarchie
Projektant/Erfinder: Oberbaurat Ing. Ignaz von Feder, Innsbruck
Erbauer/Konstrukteur: Costantino Sarcletti aus Casez

Die Gemeinde Kaltern verfasste am 30. Januar 1831 ihren Bericht „Von Kaltern bis zur Mendel Bergweg und Saumschlag“. Der Weg diene vor allem dem Transport von Brenn- und Weingartholz sowie gelegentlich der Lieferung von Getreide, hieß es darin. Doch der Zustand des Mendelwegs sei schlecht. Wegen der Steilheit des Geländes und der Engstellen, die von Felsen begrenzt werden, könne die Gemeinde ihn aus eigener Kraft nicht verbessern. Der Weg sei lediglich sechs Schuh breit, weise ein Gefälle von acht bis sechzehn Zoll auf, und sein Belag bestehe aus Lehm und Felsplatten. Eine Erweiterung und Planierung des Mendelwegs wäre daher dringend wünschenswert.

Auch das Österreichisch-Ungarische Militär drängte auf eine möglichst kurze Verbindung zwischen Tirol und der Lombardei, um im Bedarfsfall rasch Truppen in die unruhige lombardische Region verlegen zu können. Bereits 1849 nahmen die zuständigen Behörden erste Verhandlungen auf.

Im Jahr 1851 erhielt Ingenieur de Claricini den Auftrag, das Gelände aufzunehmen und ein Straßenprojekt auszuarbeiten. Ein Jahr später, 1852, lag für die Strecke von der Sigmundskroner Etschbrücke bis Matschatsch ein fertig ausgearbeitetes Projekt vor.

Doch es sollte noch mehr als zwei Jahrzehnte dauern, bis konkrete Schritte zur Umsetzung erfolgten. Am 7. Dezember 1878 wurde Oberbaurat Ingenieur Ignaz von Feder von der Statthalterei Innsbruck und Oberbaurat Ingenieur Wawra Ritter von Hochstrass vom Innenministerium in Wien nach Bozen gesandt und das Projekt von Ingenieur de Claricini aus dem Archiv geholt. Für die 18.550 m lange Strecke war ein Kostenvoranschlag von 282.600 Gulden errechnet worden. Das Innenministerium genehmigte das Vorhaben und erteilte am 31. Dezember 1879 den Auftrag, das Detailprojekt für den besonders anspruchsvollen Streckenabschnitt von Matschatsch bis zur Passhöhe auszuarbeiten. Auch die Gemeinden Bozen und Eppan sicherten finanzielle Unterstützung zu. Mit der Ausführung wurde das Bauunternehmen von Costantino Sarcletti aus Casez betraut, mit der Bauleitung Ingenieur Johann Mairhofer.

Am 18. August 1880, dem Geburtstag von Kaiser Franz Joseph, erfolgte der erste Spatenstich für den Bau der Mendelstraße. Die Arbeiten erwiesen sich als äußerst schwierig und gefährlich, da das Gelände steil und der Fels brüchig war. Besonders herausfordernd war der Abschnitt über die Tamorschlucht, den anspruchsvollsten Teil der Strecke. Hier mussten eine Brücke sowie mehrere Ausweichstellen angelegt werden. Meter um Meter wurde die Straße in die fast senkrecht abfallenden Felswände gesprengt. Im Durchschnitt waren täglich rund 300 Arbeiter im Einsatz. Die Baukosten beliefen sich am Ende auf insgesamt 360.000 Gulden.

Nach der Fertigstellung des letzten Teilabschnittes vom Tröpfltal bis St. Michael-Eppan im Jahr 1885 konnte der Straßenzug von Eppan über den Mendelpass bis Fondo durchgehend befahren werden. Zu diesem Anlass fand am 14. Mai 1885 am Mendelpass eine Feier statt. Schließlich wurde auch noch der Abschnitt von Eppan durch das Warthtal bis zur Etschbrücke bei Sigmundskron gebaut. Am 9. November 1886 war die gesamte Verbindung von Bozen über den Mendelpass bis Fondo fertig ausgebaut.

Damit waren die Voraussetzungen für die touristische Entwicklung der Mendel geschaffen, die besonders in den Jahren von 1886 bis zum Ersten Weltkrieg eine Blütezeit erlebte. Die Mendel, der Hausberg der Kalterer, wurde als Höhenluftkurort zum beliebten Ziel der europäischen Noblesse. Doch auch viele Einheimische nutzten den herrlichen Ort mit seiner traumhaften Aussicht auf das Überetsch und die Dolomiten zur Sommerfrische.

Der Straßenbau kostete insgesamt 360.000 Gulden und wurde in der Zeit der Monarchie als k. k. Mendel-Tonale-Reichsstraße bezeichnet, die von der Talferbrücke in Bozen bis zum Tonalepass führte. Unter italienischer Verwaltung wurde die Mendelstraße Teil der Staatsstraße SS 42, welche in Brescia beginnt und über den Tonalepass und die Mendel in Bozen an der Meraner Kreuzung endet.

Die vielen Arbeiter waren durch das brüchige Steinmaterial großen Gefahren ausgesetzt. Das extreme Gelände des Mendelgebirges machte den Straßenbau sehr aufwendig und schwierig. Fels musste gesprengt werden. Dieses Material wurde größtenteils einfach in das Pfusser Tal geschüttet. So gelang rund 1000 Kubikmeter Material in das Pfusser Tal und drohte bei heftigen Regenfällen den Bach aufzustauen. Um die erforderlichen Bausteine und mehrere hundert Wehrsteine zu gewinnen, wurden gleich hinter dem Mendelpass Steinbrüche eröffnet. Kalköfen und Kohlenmeiler wurden gebaut. Für die Felssprengungen wurde Pulver im Wert von 6000 Gulden eingesetzt, 60.000 Kubikmeter Gestein wurde bewegt. Wasserläufe, und Stützmauern wurden errichtet. Mehrere hundert Meter Flechtzäune sollten die Straße vor nachrutschenden Geröll, Schneelawinen und Steinschlag schützen. Böschungen und beschädigte Waldflächen von 17,79 Hektar wurden mit 29000 Pflanzen begrünt.

Die Mendelstraße ist heute eine unverzichtbare Verkehrsader zwischen Etsch- und Nonstal, die nicht mehr wegzudenken ist. Sowohl die wirtschaftliche als auch die demografische Entwicklung des Mendelgebietes sind eng mit der Straße und der Mendelbahn verbunden. Als beliebter Ferienort und Anziehungspunkt für Sportler und Bergwanderer hat sich die Mendel ihre Bedeutung bis in die Gegenwart bewahrt.

1831 – 18. Jänner: Die Gemeinde Kaltern verfasst einen Bericht zum Zustand der Mendelstraße, den sie dem Landespräsidium in Innsbruck vorlegt

1852 – Ingenieur de Claricini erarbeitet ein Projekt für einen Straßenbau von der Sigmundskroner Brücke bis nach Matschatsch, das aber lange Zeit im Archiv bleibt

1879 – 16. September: Oberbaurat Ingenieur Ignaz von Feder und Oberbaurat Ingenieur Wawra Ritter von Hochstrass schließen die Projektaufnahme mit kleinen Änderungen des Entwurfs von Ing. de Claricini ab

1880 – 18. August: Der erste Spatenstich wird vorgenommen

1885 – 14. Mai: Die Strecke Eppan-Mendelpass-Fondo kann durchgehend befahren werden

1886 – 9. November: Die Strecke Bozen-Mendel-Fondo ist fertig ausgebaut

Die Mendel, ein Pass mit glanzvoller Geschichte
AutorIn: Martin Sölva, Gotthard Andergassen
Herausgeber/Zeitschrift: Verein für Kultur und Heimatpflege Kaltern
Verlag: Athesia
Erscheinungsort: Bozen
Erscheinungdatum: 2003