Institut für Baugeschichte der Universität Innsbruck und das Kuratorium für Technische Kulturgüter in Südtirol arbeiten an einem Bautenglossar, das ausgewählte Grenzarchitektur dokumentiert Rund 50 Studenten der Baufakultät der Universität Innsbruck erheben in diesen Tagen – bei echtem Brennerwetter zwischen Schneefall und Sonnenschein- unter der fachlichen Leitung von Professor Horst Hambrusch einige der historischen Brennerbauten. Mit Messlatte, Bleistift und Fotoapparat ausgerüstet, werden Dimensionen und charakteristische Bauelemente der markantesten Brennerbauten aufgenommen. Das historische Kernensemble an der italienischen und österreichischen Seite der Brennergrenze wird für ein Bauten-Glossar erhoben, das im Zuge des vom Kuratorium für technische Kulturgüter initiierten und von der Südtiroler Landesregierung unterstützten Interreg-Projekts eine baugeschichtliche, kulturelle und zeitgeschichtliche Bestandsaufnahme anstrebt. Prof. Rainer Greafe, Leiter des Instituts für Baugeschichte, misst den historischen Zweckbauten am Brenner einen Wert von europäischer Prägnanz zu, der sich bei Millionen von Italienreisenden eingeprägt hat. Die Publikation soll in der Athesia-Reihe ?Technische Kulturgüter im Rampenlicht? heuer im Spätsommer erscheinen und durch eine Reihe von Initiativen an anderen Schauplätzen den Informationswert verstärken. Die Grenzgemeinde Brenner-Gossensass will nach Worten ihres Bürgermeisters schon seit längerem mit der Grenze von 1918 ?aufräumen? und die überflüssig gewordenen Strukturen wie an anderen ehemaligen Grenzen in Europa abtragen. Die Schleifung ist laut einer von der Südtiroler Landesverwaltung genehmigten Wiedergewinnungsstudie für die nach dem Grenzabbau verwaiste Grenzgemeinde vorgesehen. Bürgermeister Egartner hatte den Abbruch ?der hässlichen Grenzbauten? bereits vor längerer Zeit zum Auftakt einer Bauaufnahme angekündigt, die jetzt eben fortgesetzt wird und die Bauten in Bild und Schrift dokumentiert. Es gibt jedoch auch ernsthafte fachlich begründete Bedenken gegen Willküreingriffe, das an der bekanntesten Grenze in Europa am Brenner das einzige weitgehend intakt erhaltene Ensemble zerstören würde, das an eine der leidvollen europäischen Grenzen erinnert. Ein geplantes Grenz-Museum mit Blick auf die europäische Geschichte des Brenner wäre sicher ein ausgezeichneter Informationsträger, der als Kulturmagnet authentische Zeitgeschichte bieten könnte. Über den Brenner waren schon im Mittelalter Kaiser und Könige zur Krönung nach Rom gezogen. Die Brennerbahn von 1867 bewirkte einen mächtigen Aufschwung des Fremdenverkehrs ? Gossensass und der Brenner mit dem fashionablen Badehotel lockten zu Zeiten der Monarchie ein prominentes Publikum an. Nach dem Ersten Weltkrieg im November 1918 war Südtirol zu Italien geschlagen worden, die Annexion wurde mit dem ?Friedens-Diktat? von Saint Germain vom 10.9.1919 endgültig besiegelt. Der neue Grenzstein wurde am 13. Oktober 1921 enthüllt. Die unter dem Mussolini-Regime entstandenen Grenzbauten wurden nach den Südtiroler Sprengstoffanschlägen vom Juni 1961, als am Brenner auch eine Visumpflicht gegen einreisende Österreicher verhängt wurde, zu einer Grenzbastion mit massiver Polizei- und Militärpräsenz hochgerüstet. Seit dem Fall der Grenzen stellt sich die Frage, was nun aus den verlassenen Bauten werden soll.