15. Bahnhof Atzwang
Der aufgelassene Bahnhof liegt an der Brennerstraße direkt am Eisackfluss. Die Gleise der Brennerbahn wurden rückgebaut, da die Bahn in den Tunnel verlegt wurde.
„Zwischen Atzwang und Blumau, dem berühmten Kuntersweg, wurde der Eisack in grossartiger Weise reguliert und kunstvolle Wasserbauten ausgeführt, da die Trasse öfters bis hinein ins Flussbett verlegt werden musste. Durch den Kuntersweg, in dem der Eisack bald zornig in seinem Bett schäumte, bald friedlich wie ein breiter. See sich ausbreitete, wo die üppige Vegetation des Südens die
Landschaft schmückt, wo Rebhügel das Thal umsäumen, gelangt die Bahn in die herrliche Ebene von Bozen.“
(aus „Geschichte der Eisenbahnen der österreichischungarischen Monarchie“, H. Strach, 1898)
DATEN
Ursprünglicher Baubestand:
Atzwang war zur Zeit der Fertigstellung der Brennerbahn die zweite Haltestelle nach Bozen und Blumau in Richtung Brenner. Auch hier überspannte eine gedeckte Holzbrücke wie in Steg und Kastelruth den Eisack. Südlich des Bahnhofes wurde während der Elektrifizierung der Brennerstrecke ein Umspannwerk gebaut, noch weiter südlich verschwand die offene Trasse über einen Viadukt in einem Tunnel.
Der Bahnhof von Atzwang bestand bei seiner Eröffnung aus einem Aufnahmsgebäude der Klasse IV der Bahnhofstypologie von Architekt Wilhelm von Flattich. Es hat nur zur Eingangseite einen Giebel über dem Mittelrisalit, über der Fassade der Gleisseite läuft die Traufe des Satteldaches durch. Das Gebäude wurde aus Grauwacke gemauert, mit bossiertem Sockel und Fensterbögen, die Giebel sind in Stein hochgezogen und weisen jeweils ein Rundfenster – auch über dem Mittelrisalit – auf. Das weit vorstehende Dach hat in den Giebelspitzen die bei diesem Typ üblich schön detaillierte Holzverzierungen. Dem zentralen „Vestibule“ waren der Warteraum und die Fahrdienstleitung mit Billettverkauf zugeordnet. Im Obergeschoß befand sich eine 4-Zi. Wohnung mit Nebenräumen.
Die Abortanlagen waren ursprünglich – vom Aufnahmsgebäude abgesetzt – als Typenhäuschen mit Pultdach in Holzkonstruktion ausgeführt und wurden später durch einen gemauerten und verputzten Anbau ersetzt, dessen Satteldach an die Giebelfront des Hauptgebäudes anschloss um einen direkten überdeckten Zugang zu den Geleisen zu ermöglichen, da vom zentralen Eingangsraum in unsinniger Weise ein Raum für den Bahnhofsvorsteher abgeteilt wurde und somit nur noch ein Zugang von der Gleisseite in die übrigen Räume möglich war.
Nördlich des Aufnahmsgebäudes war ursprünglich ein kleines hölzernes Frachtmagazin errichtet worden, welches auf Verlangen der italienischen Militärbehörden in den 30er Jahren des 20. Jhts. abgebrochen und durch eine größere (und hässlichere!) Betonkonstruktion ersetzt wurde.
Südlich vom Bahnhof – auf der gegenüberliegenden Seite der Staatsstraße wurde 1928 nach Plänen des römischen Architekten Angiolo Mazzoni ein zweigeschossiger Wohnblock für Mitarbeiter der FS erbaut.
Typus und Baugestalt des stillgelegten und heute zugemauerten Bahnhofs zeigen den kleinsten möglichen Bahnbau mit Mittelteil und je einachsigen Seitenteilen, zweigeschossig, der Mittelteil mit gekoppelten Fenstern zur Akzentuierung der Gebäudemitte. Zur ehemaligen Bahntrasse waren vier gleiche Fensterachsen entlang einer durchgehenden Traufe angeordnet. Die zugemauerten Fenster- und Türöffnungen zeigen anschaulich die Bedeutung dieser Elemente für die Gestaltung von Struktur und Aufbau einer Fassade. Eine Nutzung als Mehrzweckgebäude ist bereits angedacht.
Von Norden aus der Eisackklamm verläuft über dem Talgrund auf einer Hangbrücke die Autobahn. Auf dieser Höhe liegt, an den Abhang gerückt, die Autobahnraststätte Schlern. Darüber am Westhang breiten sich die weiten Gehöfte des Eisacktales aus. Das so genannte Völser Ried wird von einer Dachbrücke überspannt. Eine Renaturierung des Eisackufers in diesem Abschnitt des Flusses ist wünschenswert.
K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (gegründet 1862)
Bauzeit 1863 – 1867 von Innsbruck nach Bozen unter Karl von Etzel (gest. 1865) und Achilles Thommen, Wilhelm Pressel, Julius Lott und Wilhelm Hellwag. Fertigstellung: 1867 Heutige Eignerin: Italienische Staatsbahn FS (seit 1919 für die Strecke ab Brenner).
Architekt: Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Wilhelm von Flattich (1826-1900), Hochbaudirektor der K.K Privilegierten Südbahngesellschaft. Mitarbeit: Arch. Franz Wilhelm.
Informationen und Zitate aus:
Wilhelm von FLATTICH, Der Eisenbahn-Hochbau in seiner Durchführung auf den Linien der K.K. Priv. Südbahn-Gesellschaft, Wien, Lehmann&Wenzel, ohne Datum.
Elisabeth BAUMGARTNER Kleinodien alt-österreichischer Eisenbahnarchitektur: Die Hochbauten der Brennerbahn; Fotos Walter NIEDERMAYER, in: Christoph BERTSCH (Hrsg), Industriearchäologie, Nord-, Ost-, Südtirol und Vorarlberg, Innsbruck, Haymon Verlag 1992, S. 49-77.
Elisabeth BAUMGARTNER; Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol, Innsbruck, Haymon, 1990.
Gerhard und Josef DULTINGER, Die Brennerbahn, Gestern – heute – morgen, Thaur/Tirol, Wort und Welt Verlag, 2. Auflage: 1989
Laura Facchinelli, Die Eisenbahn Verona-Brenner, Athesia Bozen 1995
MART Quaderni di architettura, Angiolo Mazzoni – Architetto Ingeniere del Ministero delle Communicazioni, Skira Editore, Milano 2003.
Wittfrieda MITTERER, Zeitzeichen der Technik, Edizione Raetia, Bozen 1993.
Siehe auch:
Günther ENNEMOSER, La storia di Colle Isarco con particolari riguardi agli anni 1850-1914, tesi di laurea, Padova, 1974/75.
Günther ENNEMOSER; Südtiroler Gebietsführer, Nr.39, Bozen, Athesia Druck, 1984.
Alois TRENKWALDER, Brenner-Brennero, Gemeinde, Gemeinde Brenner-Gossensass (Hrsg.) 1999.
Hans-Jürgen und Carl ROSENBERGER, Die Eisenbahnen in Südtirol, Athesia; 1993.
Auskunftspersonen:
Radames PANDINI, Bauabteilung der FS, Bahnhof Bozen, Planarchiv.
Rudi PLANK, Vorsitzender des Eisenbahner-Freizeitvereins Dopolavoro FS, Bahnhof Sterzing
Südtirol – Eisacktal
Brennerstrasse Atzwang 13
I-39054 Ritten
Ferrovia Statale FS – Direktion Region Bozen
39100 Bozen
Tel: 0039-0471-976077
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