16. Bahnhof Blumau

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16. Bahnhof Blumau

Blumau
Gleisseitige Ansicht des Aufnahmegebäudes der Station Blumau-Tiers

Seit 1994 wird der Bahnhof Blumau – ein Standardbau der FlattichTypologie – ausschließlich für den Tunneldienst genutzt. Mit dem Bau des Schlerntunnels zwischen Waidbruck und Blumau (13,308 km Länge, eröffnet im September 1994) sowie des Tunnels zwischen Blumau und Kardaun (3,944 km Länge, eröffnet im Juli 1998) ergab sich eine völlig neue verkehrstechnische Situation in diesem Abschnitt der Brennerbahn. Ursprünglich bildeten Bahnhof, Hotel und Restaurant (Schlosshof) eine auf den Bahnkunden abgestimmte Dienstleistungseinheit. Dieses Ensemble entsprach der von der Südbahngesellschaft geförderten Verkaufspolitik, die das Reisen mit Komfort und Infrastruktur verband.

DATEN

Sammlung: Bahnen
Bezirk: Blumau
Aktueller Zustand: nicht betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich: Ja
AuftraggeberIn: K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (gegründet 1862
Projektant/Erfinder: Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Erbauer/Konstrukteur: Karl von Etzel

Schon vor Karl von Etzel war der Ingenieur Luigi Tatti bereits 1855 mit den Erhebungen für die Brennerbahn beauftragt worden. Dabei stellte die Eisackschlucht zwischen Blumau und Karneid unter technischen Gesichtspunkten eine der größten zu bewältigenden Schwierigkeiten dar. Die Pläne von Luigi Tatti zum Streckenverlauf wurden schließlich abgelehnt und dem wesentlich wirtschaftlicheren Entwurf von Etzels der Vorzug gegeben. Tatti schrieb ein Jahr nach der Eröffnung der Brennerbahn über deren Verlauf durch die Eisackschlucht zwischen Karneid und Waidbruck – die Strecke wird auch nach dem Erbauer des ersten Fahrweges von 1314 in diesem Bereich, dem Bozener Kaufmann Heinrich Kunter, der Kuntersweg genannt – folgende kritische Zeilen:

„…eine gewundene Schlucht, eingezwängt zwischen schroffen und erdrutschgefährdeten Porphyrbergen, deren steile Abhänge sich an manchen Stellen nur durch die sich gegenseitig stützenden Lockermassen unten im Tale aufrecht halten, durch das an mehreren Stellen gerade noch der Fluss und die Poststraße passieren und das berühmt ist für seine Muren und Steinschläge, die sich in einigen Abschnitten von den oberen Felsen lösen… Natürlich hätte man viele Erdrutsche und Betriebsunterbrechungen vermeiden können, wenn man… von Anfang an strengstens auf die abrutschgefährdeten Hänge geachtet und die Gleisanlagen aufgelegt hätte, statt sie in die Hänge einzubetten. Man hätte weitaus bessere Bedingungen an den Uferrändern geschaffen, wenn man des öfteren von einer zur anderen Flußseite gesprungen wäre. Die Einsparung der vier Brücken über den Eisack… muß jetzt mit anderen Opfern und der Unsicherheit des Betriebes bezahlt werden.“ (Facchinelli S.166)

Diese geologischen und geographischen Schwierigkeiten führten zur Anlage einer vollkommen neuen Streckenführung mit zwei Tunnels, die zusammen fast 17 km lang sind: der Schlerntunnel Waidbruck-Blumau, Länge 13.308 km, Eröffnung Sept. 1994 und der Tunnel Blumau-Kardaun, Länge 3.944, Eröffnung Juli 1998. Zwischen Waidbruck und Blumau, werden die Geleise zwischen den beiden Tunnels für einige hundert Meter offen geführt, der letzte Tunnel endet ca. drei Kilometer vor dem Bahnhof Bozen.

Der ursprüngliche Bahnhof von Blumau, südlich der gleichnamigen Ortschaft, wurde in faschistischer Zeit in Prato all’ Isarco umbenannt und erhielt nach dem Krieg den Namen Prato-Tires / Blumau-Tiers. Mit der Eröffnung der neuen Strecke 1994 wurde auch dieser Bahnhof für den Personenverkehr geschlossen und dient nur noch dem Tunneldienst.

Das Aufnahmsgebäude entspricht der Klasse II/III der Typologie des Architekten Wilhelm von Flattich. Hier handelte es sich um die gehobene Version dieses Typs mit Giebeln über den Mittelrisaliten sowohl auf der Eingangsseite als auch zum Bahnsteig hin. Das Gebäude ist bis zum Dachstock ganz in Granit gemauert. Die Eckrisaliten, der Sockel und die fingierten Fensterbögen sind grob bossiert, die Fenster- und Türumrahmungen sind glatt scharriert. Die oberen Fensterumrahmungen stützen sich unten auf die umlaufende Lisene, welche die beiden Geschosse trennt. Der Dachaufbau ist ganz in Holz ausgeführt. Die Endgiebel sind jeweils mit zwei Fenstern versehen – die Giebel der Mittelrisalite haben Blindfenster – und das weit vorkragende Dach zeigt nochmals fein detaillierte Holzverkleidungen in den Giebelspitzen.

Der Grundriss war klar gegliedert: neben dem durchgängigen „Vestibule“ waren rechts und links die Warte- bzw. Fahrdiensträume mit Billettverkauf und Gepäckablage angeordnet. Eine Treppe mit eigenem Zugang von außen führte in die große Wohnung im oberen Stockwerk.

Südlich des Aufnahmsgebäudes schlossen sich die typisierten Aborte in Holzbauweise mit Pultdach an, danach kam ein hölzernes Magazin- und Frachtgebäude. Nördlich des Aufnahmsgebäude hatte sich bis in die 90er Jahre des 20.Jhdts. ein Wasserkran zum Nachfüllen der Dampfloktanks erhalten. Die Abortanlage wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch ein gemauertes kleines Gebäude ersetzt, das mit seinem Satteldach direkt an die südliche Giebelwand des Aufnahmsgebäudes anschloss und damit einen überdeckten Vorplatz für die Toiletten aufwies.

Da der Bahnhof Tiers kein Restaurant erhielt, wurde ähnlich wie in Brixen und Klausen von der Südbahn mit einem Hotelier ein Vertrag über einen Hotelbau für Bewirtung und Unterkunft der Reisenden geschlossen. Ende des 19. Jahrhunderts entstand deshalb das Hotel „Schlosshof“ im Stile einer großbürgerlichen Ferienvilla altösterreichischer Prägung.

1928 wurden auf der Südseite der Bahnhofstraße und entlang der Brennerstraße zwei Wohnblöcke für Eisenbahnmitarbeiter nach Plänen des Architekten Angiolo Mazzoni errichtet. Es sind zweigeschossige Massivbauten nach der von Mazzoni entwickelten Typologie für die FS-Wohngebäude in Südtirol. Die ausdrucksstarke Architektur verwendet nur wenige aber wirkungsvolle Elemente wie Putz, bossierte Porphyrblöcke, gelegentliches Sichtmauerwerk und überkragende Walmdächer sowie schöne Details.

Der römische Architekt Angiolo Mazzoni hat sich durchaus auf den Spuren des Württembergers Wilhelm von Flattichs bewegt, betreffend die Typisierung einer immer wiederkehrenden funktionalistisch aufgefassten Bauaufgabe und den Versuch, eine eigenständige Architektursprache im Alpenraum zu formulieren, ohne peinliche Anbiederungen an bäuerliche Hausformen oder Details. Dennoch wurde der Architekt für diese Auffassung vom faschistischen Verkehrsminister Ciano 1928, der ihm eine Anlehnung an „pangermanistische Bauformen“ vorwarf, scharf kritisiert. Mussolini allerdings bezeichnete Mazzonis Architektur als „typisch italienisch“ und der Bedeutung, die er der Eisenbahn als fortschrittlicher Verkehrstechnik zuwies, durchaus angemessen.

Ab dem Jahr 1940 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs diente das zwölf Hektar große Areal der ehemaligen Brauerei jedoch einem völlig anderen, düsteren Zweck: Hier wurden Regimegegner und Kriegsgefangene im sogenannten „Campo di concentramento Prato Isarco“ festgehalten. Zum Gedenken an die dort Inhaftierten wurde vor einigen Jahren ein Gedenkstein errichtet, der an dieses weitgehend vergessene Kapitel der Geschichte erinnert. Heute befinden sich auf dem Gelände Wohnanlagen.

Typus und Baugestalt des Bahnhofs sind klar durch einen in der Giebelfront bekrönten Mittelteil auf beiden Längsseiten charakterisiert. An diesen schließen sich symmetrisch zweiachsige Seitenteile an. Die hölzernen Giebelflächen an den Stirnseiten sind durch ein Fensterband durchbrochen und entfalten zur Bahntrasse hin eine starke zeichenhafte Wirkung – ein gestalterisches Merkmal, das den Bahnhof deutlich in der Landschaft verankert.

Neben den bekannten Brauereien in Vilpian und Meran existierte auch in Blumau eine bedeutende Brauerei, die zu den wichtigsten Südtirols zählte.

K.K. Privilegierte Südbahn Gesellschaft (gegründet 1862)
Bauzeit 1863 – 1867 von Innsbruck nach Bozen unter Karl von Etzel (gest. 1865) und Achilles Thommen, Wilhelm Pressel, Julius Lott und Wilhelm Hellwag. Fertigstellung: 1867 Heutige Eignerin: Italienische Staatsbahn FS (seit 1919 für die Strecke ab Brenner).

Architekt: Wilhelm von Flattich (1826-1900)
Wilhelm von Flattich (1826-1900), Hochbaudirektor der K.K Privilegierten Südbahngesellschaft. Mitarbeit: Arch. Franz Wilhelm.

Informationen und Zitate aus:
Wilhelm von FLATTICH, Der Eisenbahn-Hochbau in seiner Durchführung auf den Linien der K.K. Priv. Südbahn-Gesellschaft, Wien, Lehmann&Wenzel, ohne Datum.
Elisabeth BAUMGARTNER Kleinodien alt-österreichischer Eisenbahnarchitektur: Die Hochbauten der Brennerbahn; Fotos Walter NIEDERMAYER, in: Christoph BERTSCH (Hrsg), Industriearchäologie, Nord-, Ost-, Südtirol und Vorarlberg, Innsbruck, Haymon Verlag 1992, S. 49-77.
Elisabeth BAUMGARTNER; Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol, Innsbruck, Haymon, 1990.
Gerhard und Josef DULTINGER, Die Brennerbahn, Gestern – heute – morgen, Thaur/Tirol, Wort und Welt Verlag, 2. Auflage: 1989
Laura Facchinelli, Die Eisenbahn Verona-Brenner, Athesia Bozen 1995
MART Quaderni di architettura, Angiolo Mazzoni – Architetto Ingeniere del Ministero delle Communicazioni, Skira Editore, Milano 2003.
Wittfrieda MITTERER, Zeitzeichen der Technik, Edizione Raetia, Bozen 1993.

Siehe auch:
Günther ENNEMOSER, La storia di Colle Isarco con particolari riguardi agli anni 1850-1914, tesi di laurea, Padova, 1974/75.
Günther ENNEMOSER; Südtiroler Gebietsführer, Nr.39, Bozen, Athesia Druck, 1984.
Alois TRENKWALDER, Brenner-Brennero, Gemeinde, Gemeinde Brenner-Gossensass (Hrsg.) 1999.
Hans-Jürgen und Carl ROSENBERGER, Die Eisenbahnen in Südtirol, Athesia; 1993.

Auskunftspersonen:
Radames PANDINI, Bauabteilung der FS, Bahnhof Bozen, Planarchiv.
Rudi PLANK, Vorsitzender des Eisenbahner-Freizeitvereins Dopolavoro FS, Bahnhof Sterzing

Südtirol – Eisacktal
Bahnhofstrasse 1
I-39050 Karneid

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39100 Bozen
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