06. Die Gampenpassstraße

06. Die Gampenpassstraße

1939
Die Brandisbrücke ist eines der bedeutendsten Bauwerke der Verbindung von Lana über den Gampenpass (1518 Meter) bis nach Fondo.

„Die Gampenstraße, die bei Lana abzweigend das Mittelgebirge von Tisens erklimmt und dann über den Gampenpass nach Unsere Liebe Frau im Walde führt, läßt jede andere Straße Tirols an Romantik weit hinter sich.“ Diese Hommage des großen Kunsthistorikers Josef Weingartner an die Landschaften und Siedlungen längs der Gampenpassstraße hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Abgesehen von der landschaftlichen Schönheit, in die sich die Gampenpassstraße harmonisch einfügt, besitzt diese Verkehrsachse seit jeher große Bedeutung als Verbindungsweg durch die Zentralalpen – zwischen Nord und Süd, zwischen dem Burggrafenamt und dem Etschtal auf der einen Seite und dem Nonsberg mit der Weiterführung nach Trient auf der anderen. Der erste dokumentierte Ursprung dieser Nord-Süd-Verbindung findet sich in der sogenannten Fritzens-Sanzeno-Kultur, die sich in den vorchristlichen Jahrhunderten der Eisenzeit im Alpenraum ausbreitete. Über den kulturellen Austausch hinaus diente die Gampenpassroute schon früh auch als Handelsweg für den Warenaustausch zwischen Nord und Süd. Im Mittelalter wurde vermutlich auf der Passhöhe eine Zollstation errichtet, die die landesfürstlichen Kassen füllte. Ab dem Hochmittelalter kam eine weitere Bedeutung hinzu: die des Pilgerwegs. Davon zeugen mehrere Hospize entlang der Strecke, darunter eines in Unsere Liebe Frau im Walde.

DATEN

Sammlung: Bergstraßen
Bezirk: Burggrafenamt
Aktueller Zustand: betriebstüchtig
Für Publikum zugänglich: Ja
Baubeginn: 1935
Inbetriebnahme: 10.06.1939

Als die Tiroler Landesregierung im Jahr 1897 das Bauprogramm für das Tiroler Straßennetz beschloss, war auch die Verbindung von Meran nach Fondo vorgesehen – allerdings nicht mit höchster Priorität. Zudem war der genaue Trassenverlauf noch unklar: Verschiedene Varianten wurden vorgelegt, unter anderem eine vom Proveiser Kuraten Franz Xaver Mitterer eingebrachte Route über das Ultental, das Hofmahdjoch nach Proveis, Rumo und Fondo. Nach sorgfältiger Abwägung aller Vor- und Nachteile ent-schied man sich jedoch klar für die Variante Meran – Marling – Lana – Völlan – Platzers – Gampenpass – Unsere Liebe Frau im Walde – St. Felix – Fondo. Die tatsächliche Umsetzung der Gampenpassstraße erfolgte jedoch nur schleppend und in Etappen, vor allem aus finanziellen Gründen. Die lang ersehnte direkte Verbindung von Meran über Marling und Tscherms nach Lana wurde im Jahr 1905 fertiggestellt. Danach kam es wieder zu einer langen Unterbrechung: Einerseits, weil sich die Gemeinden längs der geplanten Strecke, die in die Finanzierung eingebunden werden sollten, mehrheitlich gegen den Ausbau der Gampenstraße aussprachen; andererseits, weil der Ausbruch des Ersten Weltkriegs sämtliche weiteren Baupläne zunichtemachte. Das Hin und Her zwischen Ankündigungen der Bauarbeiten und Dementis sowie das Feilschen um eine „gerechte“ Verteilung der Baukosten setzte sich auch nach 1919 unvermindert fort. In der Zwischenzeit war der vorhandene Saumpfad in einem derart schlechten Zustand, dass er gerade noch für Fußgänger passierbar war. Erst im Jahr 1935 kam Bewegung in das Projekt, als das Ministerium für Öffentliche Arbeiten den Wettbewerb für den Bau der Gampenpassstraße ausschrieb. Entscheidend war schließlich, dass mit Ingenieur Gualtiero Adami ein Fachmann mit der Umsetzung beauftragt wurde, der den Mut hatte, eine stark überarbeitete Variante vorzulegen. Diese war kürzer und kostengünstiger, da sie auf mehrere Brücken und andere Kunstbauten verzichten konnte. Ab Sommer 1935 wurde intensiv gebaut; bis 1937 waren die Arbeiten zum größten Teil abgeschlossen. Nach weiteren Verzögerungen konnte die Gampenpassstraße schließlich am 10. Juni 1939 für den Verkehr freigegeben werden.

Die Straße hatte bei Fertigstellung von Lana bis Fondo eine Länge von knapp 32 km und eine Fahrbahnbreite von 6 m. Auf Südtiroler Seite betrug das Gefälle zwischen 5 und 7,6 %, auf Trentiner Seite zwi-schen 0,6 und 7 %. Der höchste Punkt liegt am Gampenpass auf 1.518 m Seehöhe.
Charakteristisch für die Gampenpassstraße sind die zahlreichen Kunstbauten. Besonders eindrucksvoll sind die Brücken auf Trentiner Seite, allen voran jene über den Abgrund des Rio Sass sowie die Schluchtbrücke bei St. Felix, die eine Tiefe von 48 m überspannt. Zwischen Lana und dem Pass stechen durch ihre elegante Bauweise die Lochmannbrücke mit drei Bogenöffnungen und die Brücke beim Brandisbach mit vier Bogenöffnungen hervor.